190
schen. Hans hatte nach einigen Wendungen in Maries Briefen, noch viel mehr aber nach einer vernichterrden Urteils- äußerung Kamilles, Fräulein Stilling für ein höchst preten- tiöses, unangenehmes, älteres Fräulein gehalten, dem mit Vorsicht aus bcirt Wege zu gehen sei. Nun tras er zu seiner Ueberraschung eine durchaus nicht häßliche oder ältliche Person an, Fräulein Meta hatte sich auffallend gut „konserviert", wie der technische Ausdruck heißt — die gute Verpflegung, das sorglose Leben, die sie seit einem Jahre genoß, trugen ihr Teil dazu bei, sie &og sich sehr gut an, sie hatte auffallend schöne, sehr weiße und wohlgepflegte Hände und ein Paar prachtvoller, dunkler, nur etwas gar zu runder und hervorstechender Augen — „Kuhcrugen" sagte Mitte respektwidrig und ahnte doch nichts von Homers „kuhäugiger Juno/".
Also Hans war angenehm überrascht durch die äußere Erscheinung der „Empfangsdame"', und ihre vornehme Ruhe, ihre sichere Klarheit wirkten wohltuend aus ihn ein, der von ärgerlichen und widerwärtigen Geschäftsbesuchen herkam.
?lls die heimgekehrte Marie ahnungslos den Salon betrat, saßen Hans und Fräulein Meta sich in freundschaftlicher Unbefangenheit gegenüber und plauderten behaglich.
Sie blieb stehen, sobald sie ihn erkannte — sie wurde leichenblaß, uno ein leichter Flor schien sich auf ihre Augen zu senken, da war er schon aufgesprungen, mit frohem Ausruf auf sie zugetreten, uird seine lebenswarmen Finger umschlossen kräftig ihre eiskalten Hände.
„Liebe, alte Marie!" wiederholte er.
Da brach sie in heiße Tränen aus.
„O, Hans, Haus!, daß ich dich so Wiedersehen muß!" schluchzte sie auf.
Er war selbst bewegt — aber ihre haltlose Weichheit, noch dazu in Gegenwart einer Fremden, berührte ihn unangenehm. Er machte sich fast verlegen von ihren Händen frei und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„O, es geht mir gut, liebe Marie — sehr gut sogar!"- versicherte er ausweichend. „Nachdem ich durch deine Güte
alles so wohl geordnet weiß in meinem Hause-Mille
läßt grüßen. Sie hat sich bereits völlig eingelebt. Sie tyrannisiert das ganze Haus, und dein ganzen Hause geht's wohl dabei!"
Und er sah sich fast schelmisch nach Fräulein Meta um. denn ihm fiel in diesem Augenblick ein, wie Mille die Schate ihres Zornes über die „plastische Empfangsdame", so nannte er sie innerlich selber, ausgegossen hatte.
Fräulein Meta lächelte zufrieden zurück, sie ahnte ja s-ine Gedcknken nicht, und so blieb ihr schönes Seelengleich'- r^cLß ungetrübt. Marie staird enttäuscht, im tiefsten Herzen Äcrletzt, bis zur Bewußtlosigkeit erkältet, daneben-
Wie jo ganz anders hatte sie sich dies erste Wiedersehen ausgemalt! Wie innig und liebevoll hatte sie zu ihm von semem armen, jungen Weibe, seinem Kinde reden wollen' ^B'Hbrz lvar brs zum Ueberfließen voll von Mitgefühl, von Mitihmleiden angefüllt gewcseii. Und iiun ging er mit ein paar gleichgültigen, oberflächlichen Scherzworten über alles hinweg. —'
Daß die Meta daran schuld seili könnte, die steif und unerschuttert un Zimmer blieb, der Gedanke wiirde von ihr als ungerecht rasch zurückgewiesen. Sie empfand jetzt deutlich: vrel airders wäre diese Wiederbegegnung auch nicht ge- worden, werin sre allein geweseii wären. Und da war's Ade ganz gut, daß man sie nicht allein ließ. Nun hals ryr Stolz die Enttäuschung zu überwinden. Was hatte sie eigentlich erwartet? Daß er Tränen vergießeir würde, wie sie? Daß er in weichliche Klagen, in gefühlvolle Betrachtun- A^.^ch-'.drechen würde? Maries immer wache, herbe Selbsten trieb sie zur Selbstverspottung. Sie fand sich mit einem Schlage unglaublich lächerlich. ' J
„Na, denn will ich uns nur vor allen Dingen Kaffee r U ^"kst doch machen mit, nicht wahr?'" sagte sie plötzlich laitt m bie Unterhaltung der beiden anderen & Und als Hans dankend ablehn?n wollte f^nd sie dÜ ^ , r ! j5 er knappen, energischen Art zuzureden:
7 .^wache, dii blnbstund trinkst mit der versammelten Weiblichkeit Kaffee bestimintr sie stirnrnnzelnd. „Du mußt doch meine ganze Menagerie kennen lernen!" ö '
Sie lief davon ohne aus seinen Protest Mcksicht zu nehmen, und ihm blieb nun gar nichts weiter übrig, als in ^bsellschast der „plastischen lÄnpfangsdame" zu warten, bis der Kafsess und das weibliche Kränzchen fertig waren.
„Dagegen kann man nicht an!" sagte er zu Fräulein Meta. Und Fräulein Meta senkte den Blick auf ihre schönen Hände. Sie fand es sehr nett von Marie, sie mit dent „interessanten jungen Dichter" allein zu lassen. Dankbar gedachte sie in diesem Augenblick Maries sonstiger Vorzüge^ „Fräulein Krrnnpa ist außerordentlich tüchtig und tatkräftig!" erklärte sie liebenswürdig.
„O ja, gewiß!" versetzte Haus. Er konnte wahrhaftig nichts dafür, daß das etwas gedehnt klang. Er hatte sich vas Wiedersehen mit der guten, alten Marie, der er so innig dankbar war, eben auch ein bißchen anders, ein bißchen gemütlicher vorgestellt. Schade! So ein prächtiger Kerl, wie sie im Grunde war. Was konnte sie dafür, daß die Grazien vergessen hatten, an ihrer Wiege Pate zu stehen?
In der Speisekammer lehnte unterdes Marie mit der Stirn an der Tür des Vorratsschrankes, wollte Kaffee herausgeben uub konnte doch weder Schlüssel noch Schlüsselloch finden, weil ihr die Tränen gar zu stürmisch ans den dunklen Augen tropften!
(Fortsetzung folgt.)
Lein lrtzte- Lied.
Von Martha Jankowski.
(Nack-druck verboten).
Daheim — daheim! Fn tiefen, durstigen Zügen schlürfte der Hannes Berghoff tue würzige Heimatlust. O, gab es beim wirklich noch irgendwo auf Erden solch eine märcheustille Nacht — solch euren tranmlusten Frieden! Tie l)ohe, sehirige Gestalt des Birrschen reckte ,ch höl>er. Heimat — Heünat! und volle vierzehn Tage sollte er das rmn genießen — das >war ja eine Ewigkeit! Aber gut amvenden rvollte er sie auch — eine selige Etoigkeck sollte das loerden!
. Der frische, draufgängerische VLut des Bursck-en stieg schon wieder hock) rn ihm -— der helle, lacheirde Uebermut, der da draußen den Kameraden fast ebenso lieb und unentbehrlich lvar, wie das taglickx, Brot!
M "L?^ber auf die Sonne verzichten, nur nicht auf Hannes Berghofss sonnigen Humor", so ging die Rede unter Kanreraden und Vorgesetzten.
Aber diesmal hatte, sich der Hannes nicht halten lassen — durck, alle kameradick-astlrck-e Liebe mW Treue -nickst —, zu mächtig zog es rhn diesmal heim. „Gefreit sollte ja werden!" Jedem, der's Horen ivollte auf der langeir Bahnstchrt, erzählte es der glückstrahlende Bursch.
^Und nun war er — nach länger denn .einenr Jahr Trmrßen- -euw — heute abend m der Heimat angekommerr — ganz spät — aber beim <-u^delbauer hatte er doch glech vovgespwck-en. Und da hatte er neberr der —rsbctha «rtzten dürfen — neben der L'sbc ha dre r.i drer ivagen sein Weib loerden sollte! Immer hatte er' ne ansckMuen mupen. Er! Daß es nach so etivas Liebes, Sanftes gab aus der Erde — solch eine süße Milde! Uird an manche arme Leele da draußen l-atte der Hannes Becghoff denken müssen ^ dar» taglrck>e grauenvolle Erleben müd' und tmmd gerrsserr
ruhig, ihr! In der Heimat, da fließt ein Born, ein heiliger Born, imd ^oem cs ans dem zu trinken vergönnt ist, der vnrd strll, ganz still, dem heilen alle Wunden der Seele, und wären sre noch so tref und schwer.
Gerne eigene Seele war stark, gleich seinen: Körper, die hielt den schrecken da, draußen scharr stand, aber trotzdem l-atte mich er be: der Lrsbetlxr zartem Kosen gemeirrt, gerades oegs aus dem d^egefauer rns Himnrelsparadies versetzt worden
bleibm ^ -durfte er nun irr den: Himmelsparadies
Einen hellen klingenden Juchzer sandte der Verliebte in die nachtrge Stille. Ern lerses Echo arrtwortete ihn:
Na mrn, noch ein Nachtwandler?
Ach, das komrte ja nur der Friede! sein, sein liebster Schuld Lehrer des Heinratdörstliens — der F-riedel. der ore Nacht so lrebte^rrnd die ihnr diese Liebe vergalt {$*“ l le «ne ine süßen Melodien znflüsterte, die « dann
*A •*»“** *»*
Herrliche schüttelten sich die Freunde die Hand.
hast du für Auszeichnungen! Das Drus ijt voÄ von deinem Ruhm, und nicksts hast du davon tvir doppelt stolz auf dich sein, du Held'"
kachelnd vnnkte Hannes ab. ■
^ gut fein, Friede!, Weißt, ein bisse! G!ück l^b' ich ha!t Erbt und dann, mr ia, die Kraft'"
Höher reckte sich b« Prächtige, rassige Gestalt des Urlaubers.
SOUS Blick den schmächtigen,-
F^nncheS. Nern, solche konnte man ba draußen nnm vrannvn rn der mamrernwrdeuden Schlacht. Weiches Mitleid


