Pechmarie und Hans im Glück.
Die Geschichte einer Jugend freundscha st von C. v. D o r n a u. Nachdruck und Ueb-rsetzungSrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
Marie ging nach der Rücksprache mit Mille festen Schrittes zu Fräulein Meta aufs Zimmer. J-hr n>ar so stark und klar und wohlgemut zu Sinn, sie hätte heut' auch schwierigeres fertig gebracht!
Fräulein Meta lag in einem Schaukelstuhl, den sie sich aus Maries Zimmerchen herubergeholt hatte, und „schmökerte" in einein Leihbibliotheksbande. Sre sah so erstaunt, so kaltblütig auf, als Marie nach kurzem Mopsen eintrat, oaß sie sicher das allerbeste Gewissen der Welt besaß! Maries Mut sank infolgedessen sofort.
„Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen — " begann sie unsicher.
Fräulein Meta legte höflich das Buch beiseite und bot der Hausherrin gütigst einen Rohrstuhl an.
„Es ist nämlich — es handelt sich um eine — eine Veränderung hier im Hause," fuhr Marie nach Atem ringend fort. „Mille, meine alte Mille — wird mich sehr bald —| auf längere Zeit verlassen müssen —"
„O!" machte Fräulein Meta höflich-gleichgültig. Sie war viel zu indolent, um Neugier zu empfinden, weshalb und wohin Kamille wohl ging.
„Und da werde ich — natürlich bedeutend mehr zu tun haben!" erklärte Marie in immer steigender Verlegenheit. „Die Küche wollte ich ganz und gar selber übernehmen, nur mit Hilfe eines Küchenmädchens — — und da wollte ich Sie fragen —. Ihnen Vorschlägen — Sie bitten, ob Sie mir nicht von jetzt an auch — ein bißchen zur Seite stehen woll- tin? Im Haushalte helfen, meine ich?"
„Ich? Ihnen? Im Haushalt?" Fräulein Meta sah so Maßlos hochmütig, so erstaunt aus. daß der arm eh Marie das Blut dunkel zu Kopfe stieg.
„Ja, ich dachte — Sie würden es vielleicht — mir zu Gefallen tun mögen!" stottere sie kläglich. „Natürlich — natürlich nicht ohne — entsprechenden Entgelt! Ich — ich könnte Ihnen dann — ja sehr gut — ich müßte Ihnen dann eben — die größere Hälfte Ihrer Pension erlassen, verstehen Sie? Sie brauchen dann nur noch — ein Drittel künftig zu zahlen, sobald Sie sich ein wenig im Hanse nützlich Machen wollten."
Frau Meta schwieg noch immer. Sie überlegte. Es blieb schließlich ohne große Bedeutung für sie, ob sie die ganze oder nur die halbe Pensron — oder meinetwegen nur ein Drittel
schuldig blieb. — -- Andererseits — wenn sie jetzt nicht
zustimmte — wäre Marie — oder vielmehr diese verivünschte Ulte Kamille, denn es war ganz klar, daß sie dahinter steckte — imstande, prompte Zahlung zu verlangen. Und am Ende riß dabei selbst einer Marie Krumpa Geduldsfaden, und der
erhabenen Meta ging's nicht besser, als der leichtsinnigen Fiddy Moll. —
„Ich erkläre mich einverstanden!" versicherte Fräulein Meta großmütig. „Es wäre unrecht, wenn ich Ihnen, mein« Liebe, nicht gefällig sein sollte! Bestimmen Sie also bitte, welchen Teil Ihrer Pflichten ich übernehmen soll. Vielleicht das Auskunfterteilen an Fremde, die die Pension besichtigen wollen? Es wird sehr lästig für Sie sein, wenn Sie grade in der Küche stecken. Bescheid zu sagen, freie Zimmer zeigen zu müssen, ganz abgesehen davon, daß Sie dann nicht in der angemessenen Toilette sind!"
Marie sah das freudig und dankbar ein, und Fräulein Meta übernahm das Amt einer Empfangsdame. Sie füllte es mit wundervoller Würde aus. Es geschah mehrmals, daß Fremde die stattliche Dame für die Besitzerin des Pensionats hielten und sehr erstaunt dreinschauten, wenn zum Schlüsse Fräulein Krumpa in Küchenschürze und Arbeitsdunst erschien.
Am dritten September erhielt Hans Jmhoff bereits Antwort. Marie schrieb: m
Lieber Hans!
Die alte Kamille kommt nächsten Sonnabend zu Dir. Sie will den Posten in Deinem Hause gern übernehmen, und Du kannst ihr unbesorgt alles anvertrguen: Sie ist die treueste, ehrlichste, zuverlässigste Seele in der Welt. Alles weitere besprichst Du wohl am besten mit ihr selber. Es grüßt Dich
Deine Marie Krumpa.
Das tiefgerührte, sehr herzliche Dankesschreiben Hans Jmhoffs enthielt u. a. die Behauptung, in einer Sache irre sich Marie doch: Nicht die alte Mille, sondern ganz wer anders sei „die treueste, zuverlässigste Seele in der Welt".
Mitte September kam er selber. Er hatte versäumt, seinen Besuch anzumelden, und traf Marie nicht zu Hause an. Sie brachte eine jugendliche Pensionärin zur Bahn, was eigentlich Meta Stilbings Ausgabe gewesen wäre — aber der war das Wetter zu schlecht gewesen. Sie hatte behauptet, erkältet zu sein. Es regnete so garstig. Marie brachte also statt ihrer den abreisenden Gast fort, und Fräulein Meta trug den geliebten Schaukelstuhl ins allgemeine Wohnzimmer, auch „Salon" genannt, hinüber und hielt ungestörte Nachmittagsruhe. Marie uub ihr Schützling hatten gleich nach dem Mittagessen fortgemußt.
Gerade, als Fräulein Meta fand, es sei nun wohl bald Zeit, daß Marie zurückkehre und sich um den Kaffee bekümmere — gerade in dem Augenblick schellte Hans Jmhoff. Auf seine Frage nach Fräulein Krumpa wurde er von dem kleinen Hausmädchen ohne weiteres in den Salon und zu Fräulein Meta geführt. Und von der erst sehr statiös ein bißchen von oben herab, dann aber, sobald er sich als Marie Krumpas Jugendfreund vorgestellt, mit gewinnender Liebenswürdigkeit empfangen.
Man macht sich ja nach brieflichen oder mündlichen Be schreibungen oft ein gänzlich falsches Bild von einem Men-


