Gab's solche Seligkeit noch 'mal ans Erden? Er hatte sich ihrer erinnert, er schrieb an sie, er kam vertrauensvoll mit seinen Nöten und Sorgen zu ihr. — — Und wenn's auch geschah, weil seine Köchin ihm gekündigt hatte — der Grund blieb gänzlich Nebensache. Das Beglückende lag eben dr seiner Bitte an sie. —\ Sie durfte ihm Helsen, er brauchte sie? Freudentränen stürzten aus ihren Augen —, Pechmarie war ein sehr glücklicher Mensch an diesem gesegneten Sedanstage. —i
Aber bald schalt sie sich, daß sie egoistisch der eigenen Freude nachging, statt seiner Sorgen zu gedenken. Sie mußte vor alten Dingen seinen Wunsch zu erfüllen suchen, die treue Menschenseele für ihn finden, der er sein Kind und sein verlassenes, ödes Heim getrost arwertrauen durste. —
Es klopfte an die Tür ihres Zufluchtsortes. Sie rief „Herein!" und besann sich erst bei dem ungedulLigeir Rütteln, daß sie ja vorhin hinter sich abgeriegelt hatte. Leise vor sich hin lachend ob ihrer Gedankenlosigkeit ging sie eiligst öffnen. Und das frohe Licht wich nicht ans ihren: Gesicht, trotzdem die alte Kamille nun als die böse Laune in Person hereinschoß und eine zornbebende Anklage gegen die Menschheit im allgemeinen und den Fleischer im besonderen erhob.
Marie ließ sie eine ganze Weile reden, ohne auch nur einen einzigen Satz zu verstehen. Sie stand ganz still vor der wild mit Händen, Angen uri> Worten Herum fahrenden Und blickte ihr mit sanftem, liebevollem Lächeln in das gerötete Gesicht.
„Und dann Hab' ich dem Kerl die Kalbskeule einfach wieder mitgegeben!" schloß Kamille triumphierend.
Das war das erste, was Marie deutlich verstand. Sie nahm die zuckende Rechte der Alten und streichelte sie.
„Reg dich nicht so auf, mein Millchen!" bat sie fast zärtlich. „Er wird nun gewiß eine bessere bringen!"
„Das will ich ihm sehr geraten haben!" fauchte Mille, und ihr Blick weissagte furchtbare Dinge. —-
Sie wandte sich der Tür zu. Marie rief sie nach kurzem Ueberlegeu zurück.
„Mille," sagte sie zögernd — das Herz klopfte ihr plötzlich so stark dabei — „Mille — ich möchte dich etwas fragen! Würdest du —> würdest du mir etwas sehr, sehr Großes zu Liebe tun mögen? Etwas ganz Großes, weißt du?"
Mille sah sie schief an.
„Dumme Frage! —'" knurrte sie. „Was willst bu denn schon wieder?"
Marie mußte auflachen. Aber ihr ward gleich wieder sehr ernst, ja bange zumute.
„Ich Hab' nämlich — ich Hab' eben einen Brief von Hans Jnchoff bekommen," fuhr sie in gleicher Unsicherheit fort. —
Sie sah die Alte dabei nicht an. Sonst hätte sie am Ende bemerkt, wie Mille die Ohren spitzte. Es war förmlich sichtbar!
„Bon — Hans Jmhoff —" wiederholte Mille in atemloser Spannung.
„Ja. Einen furchtbar netten, lieben Brief. Und er bittet mich — •— Mille, könntest du dich entschließen — zu ihm zu gehen? Ihm sein Haus za verwalten, während er verreist ist? Sieh', er ist in großer Unruhe und Sorge —, er braucht notwendig jemand, dem er die Oberaufsicht über Haus und Kind und Amme anvertrauen kann —
Marie erzählte noch eine ganze Weile so fort, immer mit niedergeschlagenen Augen, tn flehendem Don, froh, daß dre Alte wenigstens nicht gleich heftig widersprach, immer auf einen Zornesausbruch von ihr gefaßt. —
Und weil sie so scheu und ängstlich fortsah, konnte sie eben mcht sehen, wie sich über das runzlige Gesicht vor: ihr der ganze Sonnenschein des Septemberhinnnels draußen' brettete. — Und sie erschrak förmlich, als sie nun endlich snustywlcg, weil nichts mehr zu Ueberredendes zu sagen bUeb — und fast schüchtern aussah — und Mille zuerst sprach. — a '
„Wann muß ich denn da fein?" fragte Mille unbeschreiblich nüchtern.
,,0, Mille? Du — du willst!" rief Marie glücküber- waltrgt.
Und sie siel der ?ktteu um den Hals und weinte fast abermals vor Freude.
Milte blieb völlig kühl und sachgemäß:
„Wenn's nämlich noch ein paar Tage Zeit hätte, wär's mrr lieber/' erklärte sie gefühllos. „Wegen der großen Wasche — die schafft' ich lieber erst völlig beiseite. Und dann mußt du auch noch ein paar Dienstmädels haben — mit der
Kleinen allein kriegst du das nicht fertig. So gut sie sich auch macht. Aber von dem Kochen versteht sie noch so gut wie gar nichts."
,,Die Küche wollte ich daun selbst übernehmen," 'warf Marne demütig ein. „Meinst du nicht, daß das ginge? Mit eiiiem einfacheil Küchen Mädchen, die mir bei den groben Arbeiten zur Haiid geht? Eine teure, perfekte Köchin niöchte ich jetzt nicht mieten —, unser Haushalt kostet so schon soi viel."
„Das weiß der liebe Himmel! Wenn dir das Beste immer nur grade gut genug is für die Bande!" Mille hegte eine tiefe Verachtung fiir die Pensioniere ihrer jungen Herrin. „Und die faule Trine — die Stilling — könntest du auch ein bißchen anstellen, damit sie dir wenigstens etwas' hilft!" fügte sie giftig hinzu. Ihre ehenralige Vorliebe für diese Dame hatte sich ber 'näherer Bekanntschaft „in gährend Drachengist verwandelt.
„Ja, da hast du recht — mit Meta Stilling muß ich auch einmal reden!" sagte Marie gedankenvoll, und zum ersten Male senkte sich wieder ein Schatten über ihre Helle Stirn.
Fräiilein Meta Stilling befand sich nur noch allein im trauten Heini ihrer Nachfolgerin — Fiddi Moll war fort —■ Marie Ijatte sie eines Abends, als sie mit der heimatlichen Kreisarztstochter und zwei anderen jüngeren Pensionärinnen frühzeitig von einem verregnete:: Ausflug heimkehrte, in sehr fragwürdiger Herrengesellschaft int gemeinsamen Salon angetrofsen, daß eine Trennung unvermeidlich blieb, wollte Marie nicht den Ruf ihres ganzen Unternehnlens aufs Spiel setzen. — — Die kleine Schauspielerin war sang- und klanglos verschwunden — weniger niedergeschmettert, als Marie ertvartet hatte sie mochte an derartige Zufälligkeiten gewöhnt sein — das einzige Andenken, was sie hinterließ, waren verschiedene unbezahlte Mchnungen.
Marie hatte vorausgesetzt, daß Fräulein Meta Stilling freiwillig das Schicksal ihrer Herzensfreundin teilen würde. Mer auch.darin hatte sie sich getäuscht. Fräulein Stilling, die nicht mit zu. der verunglückten Landpartie gehört hatte, erschien am näststen Morgen unmittelbar nach Fiddi Molls unfreiwilligem Abgang ruhig und würdevoll vor Marie:
„Ich bedauere Sie, daß Sie derartiges erleben muß- ten!" erklärte sie erhaben. „Aber ich habe dieser Person eigentlich nie besseres zngetrant."
„Ich denke, sie war Ihre Freundin!" rief Marie.
Die andere nickte unerschüttert.
„Früher vielleicht. Mer jetzt habe ich ihr sofort erklärt: „Mein FrMnd kannst du nicht länger sein" — — wir sind für ewige Zeiten geschieden. —, Ich komme nur, uni zu. fragen, ob ich jetzt nicht besser in das leergewordene Zimmer umziehe? Es ist kühler und ruhiger!"
Sie zog also in das bessere Zimmer, unb sonst blieb alles beim alten. Leider auch bie Methode der Pension^ zahlung, die die beiden Danren seit einiger Zeit angenommen hatten.-Mit der haperte es nämlich schon'längst be
denklich. Marie mußte stunden und iinmer wieder stunden.
-Und gestern, am ersten September, hatte Fräulein
Stilling keinen Pfennig mehr beznhlt.
(Fortsetzung solgt.)
Der Uamps in der Steppe.
Bon K. Eggert.
Im Schutze großer, schattiger Schi rumkazien, einige hundert Meter abseits der großen Karawanen straße nach Tabora, mackst in der Ugogvstcppe gegen Mittag eilt berittener Zug der Maschmen- gewehr-Abtlg. Nr. X kurze Rast, um den durch langen Ritt er-' matteten Maultieren Erholung zu gönnen. Abgesattclt, von ihren schlveren Lasten befreit und mit Spannfesseln versehen, weiden die Tiere unter Aussicht eines Mkari das dürftige, trockene Gras unter den geg-n die Tropensmine schutzspendenden Bäumen ab. Sattelzeug und Ausrüstung liegen zu sofortigem Aufbruch bereit.
Unter Führung deS Leutnants G. .. ist die Abteilung als fliegende Kolonne schon tagelang unterwegs, uin die Engländer« dort aufznsnchen, tai sie es am tvenigsteu vermuten, ihnen unter gründlichster Ausnutzung des Moments der Ucberraschnng ein Gefecht *u liefern, ebenso schnell, wie glommen, wieder zu verschwinden, um an «anderer Stelle das Gleich zn versuchen. Dia des Landes unkundigen, englischen Hilfstruppen können ein Liedchen von diesen fliegevden Maschinengewehr-Abteilungen singen, die wochenlang Steppe und Urwälder durchkreuzen, keine Mühe und Entbehrung Jemwu, Hunger und vor allen: Durst willig ertragen, nur mit dem tinm Fiel vor Augen, den Feind zu treffen und Zu schlagen. A:is digemn Söhnen des Landes rekrutiert, vorzüglich


