Pechmarie unb Hans im Glück.
®ie Geschichte einer Jugendfreundschnst von C. v. D or n au. Nachdruck und Uebersejzungsrechl in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
Und dann bekam sie mit einem Schlage so unermeßlich viel zu tun, daß ihr für fruchtloses Grübeln nicht dir geringste Muße mehr blieb.
Haus hatte ihr nicht auf die wenigen, steif-üngeschickten Zeilen geantwortet, die ihre kostbare Kranzspende begleiteten. Das war ihr recht so —• sie erwartete keinerlei Dank —« sie hätte auch gar nicht gewußt, was er ihr, was sie ihm nun noch in aller Welt schreiben sollte. Die hohe, schwarze Mauer seines Unglücks reckte sich unübersteigbar zwischen ihnen ans. Er brauchte ja feilte Freunde nicht mehr — auch Philipp, der ihr öfters einen fröhlichen Gruß, einen lieben Planderbrief sandte, wußte nur durch seinen Neffen, wie es in Hans Jmhosfs Hause stand. Und es war herzlich weuig. was der junge Mann zu berichten wußte: Herr^mhosf lebe ganz still für sich — er schiene viel j$u arbeiten — man träfe ihn fast nur aus einsamen Spaziergängen — er scheine körperlich wohlauf zu sein und sähe ein wenig abgearbeitet und müde, sonst aber gesund alls. Und das Kind gediehe prächtig — die alte Liese überzeuge sich manchmal davon. Das war alles, was die treuen Freunde erfuhren — fünf lange, ewig lange Monate hindurch.
Dann endlich — September — legte der Postbote einen jener wohlbekannten, länglichen, heimlich trotz aller Vernunftsgründe so bitterlich vermißten Briefumschläge in Maries .Hände.
Es geschah am Sedantage; draußen flatterten bunte Fahnen gegen beit blaß blauen Himmel uno Maries Seele hißte eine wundervolle Freudenflagge.
Er hatte sich von selbst wieder auf sie besonnen — er wußte wieder, daß er noch treue Freunde besaß. —
Sie flüchtete mit ihrem kostbaren Schatze in das winzige, nach den: Hof zu gelegene Stübchen, das sie als Schreib- und Arbeitszimmer benutzte. Niegelte hinter sich zu, riß in sren- diger Hast'den Brief aus —'
Und saß dann doch, mit dem offenen Schreiben in der Hand, ohne zu lesen, in urplötzlicher, beklemmeilder ?Dlt- losigkeit , . .
Was würde er ihr zu sagen haben? Würde er die ganze Wucht seines Jammers vor ihr ausschütten? Oder würde er in stolzer Verschlossenheit ihr hungriges Herz mit ein paar Brosamen kärglich-kalter Dankesworte befriedigen wollen?
Sie wußte nicht, was von beiden sie am meisten fürchten sollte. Und las schließlich doch, alle Kraft zusammen ruf send: über die Freude w-ar fort. Bis sie die ersten Zeilen mit starren Augen, fliegendem Atem entziffert — dann lvar di« Freude überwältigend reich wieder da. —
Er schrieb: „Liebe Marie!
Heut' komme ich mit einer riesengroßen Bitte zu Dir. Ich weiß mir nämlich absolut nicht mehr zu helfen, und da bin ich in meiner Kopflosigkeit schließlich aus Dich, treue Seele, verfallen und bitte Dich im Vertrauen auf unsere alte Freundschaft um Deinen Rat, Deinen Beistand. —
Denke bloß: Meine dicke Mieke hat das Heiraten bekommen! Eine unheilbare Krankheit, gegen die kein Kraut zu wachsen scheint. Der Erwählte ihres Herzens — ein versoffener, rothaariger Tischlermeister — besteht aus baldigen Abschluß des für ihn jedenfalls vorteilhafteren Bündnisses: er ist Witwer mit fünf unerzogenen Rangen. Mieke bat mir also heute früh zum 1. Oktober gekündigt. Ihre Schkvester.
die brave Pflegerin meines Buben, und ich selber habeil zwei Stunden lang vergebens versucht, sie ihrem unheilvollen
Entschlüsse abspenstig zu machen. Sie ist seftgeblieben, wenn auch unter Tränen strömen. Augenblicklich setzt sie die Küche unter Wasser, nachdem ich sie hinausgeschicrt habe, um an Dich schreiben zu können.
„Was soll ich tun?" „Wat kann Eener dorbi dauhn?" fragt unser Landsmann Jung Jochen.
Ich kenne hier kaum einen Menschen — Phipp ist in Venedig — seine alte Liese, zu der ich gleich Hals über Kops rannte, weiß für den Winter wenigstens keinen Ersatz. Zum Frühjahr wär's möglich, daß sie mir jemand verschaffen könnte. —
Ader ich kann den Winter über nicht mehr hierbleiben, Marie! Meine Arbeit dieses Sommers ist fertig. Und geworden — geworden, Marie! Du sollst auch mit ihr zufrieden sein. Wer nun muß ich hinaus! Nun fängt die Einsamkeit, meine treue Helferin bei der Arbeit, an, mich zu belästigen. — So undankbar ist der Mensch Ich will fort — Neues sehen, in mich aufnehmen, empfinden — leben mit einem Worte! Ich habe bereits an Phipp Koch geschrieben, daß er mich in Venedig erwarten soll, — sein Nesse füllt seinen Posten zur völligen Zufriedenheit aus — Phipp und ich, lvir wollen zusammen reisen diesen Winter — bis nach Aegypten soll's gehen. —
Mer oas Halls gehört noch dies und das künftige Jahr mir. Ich kann's nicht aufgeben, schon um des Kindes willen. Miekes Schoester ist die treueste, liebevollste Wärterin. Auch darüber hinaus reichen ihre Leistungen und Geisteskräfte nicht — Du verstehst nun, was ich brauche, nicht lvahr? Ich suche nicht so eine einfache Küchenfee, sondern eine Art Wirtschafterin, eine Vertrauensperson, der ich Haus und Mnd und alles übergeben kann, bevor ich lveggehe.
Und da meine ich nun, in Berlin findet sich so was eher als hier. Und ich meine ferner, daß Du mir gewiß gern behilflich sein wirst, ein derartiges Wesen auszugraben. Es gibt doch wohl Burealls für so'was, nicht wahr? Du erkundigst Dich gewiß einmal und schreibst mir, ob Du was gefunden hast. Ich gebe alles blindlings in Deine Hände.
Herzliche Grüße von Deinem
alten HanS Jmhoff."


