büß die Schwester eine jähe Ohmnacht fürchtete. Aber Marie hielt sich allein aufrecht. Sie führ sich mit beiden Händen nach oem Kopfe:
„Gestorben? Gestorben?" hauchte sie. „Hans Jmhoffs Frau — gestorben? Das — das ist ooch — nicht wahr, nicht möglich —l 4 *
Schwester Agnes schüttelte sehr betrübt den Kopf mit der weißen Haube und zo-g zugleich die Handschuhe an.
„Es kam auch sehr rasch — sehr überrasche uh," erklärte re. „Eine Lungenentzündung — die arme junge Frau hatte ich vor neun oder zehn Tagen heftig erkältet. Eine ge- ährliche Wendung nahm die Krankheit erst vor einigen Tagen — heute früh trat plötzlich Herzschwäche ein. Herr Jmhoff hat sie Tag und Nacht gepflegt."
Schtvester Agnes hielt erstaunt inne. Die Fremde hatte jäh Kehrt gernacht und stürzte in fluchtähnlicher Eile zu denr unten warterrderr Wagen.
„Fahren Sie mich sofort zur Bahn zurück — rasch! rasch!" befahl sie. Sie saß schon drin, ehe der Mann sich nocl) recht besann. Und floh, ohne einen einzigen Blick zurück- zuwerfen —i Nein, sie konnte ihn nicht sehen in seinem Schmerz >-i sie konnte es nicht! Sie wäre an seinem Leid zugrunde gegangen!
7 .
Wenige Tage später erhielt Marie irr Friedenau einen ebenso überraschenden als Freude und Trost spendenden Besuch:
Philipp Koch machte ans seiner Reise nach dem Süden in Berlin den ersten Aufenthalt und suchte seine Jugeud- freundin aus.
Sie fanden sich gegenseitig recht verändert seit dem letzten Zusammensein im Herbst. Marie erschien weich, zu Tränen geneigt, in bitterlicher Sorge um den. anderen, schioergeprüften Freund. Phipps ständige, sanfte Ruhe dagegen war von einer großen, stillen Heiterkeit wie verklärt, ^ynt Gegensatz zum vorigen .Herbst, wo sein Wesen überschattet schien von bangen Ahnungen, wo sein gutes Auge Hans Jmhoffs Gesicht immer wieder in sorgenvoller Bedrücktheit suchte --doppelt auffallend war diese Wand
lung, da er ja doch erst gestern denr Freunde geholfen hatte, serir junges Weib zu begraben. —
Er sprach kein Wort von ihr, nur wenig von Hans, sondern fast ausschließlich von sich selber. Auch dies — dres vor allem — befremdend ungewohnt an ihm. Er erzählte, daß er schon lange eine brennende Sehnsucht nach dem Süden verspürt habe. Und so froh sei, nun endlich mit Mem Genüssen reisen zu können. Daß er auch schon mehrere Wochen früher ausgebrochen wäre, wenn nicht dies — du .verßt schon" — dazwischen kam.
Und nun wollte er weiter gehen, immer weiter nach dem Süden, dem Ziel seiner Sehnsucht - und Ostern, das ja in diesem Jahre so besonders spät fiel, in Rom verleben. Wohin es dann weiter ginge, wisse er noch nicht — er beabsichtige, sich ein wenig aufs Geratewohl treiben zu lassen.
„Das habe ich noch nie im Leben tun können," sagte er Mit seinem glücklichen, leisen Lachen, „sondern inimer ganz ^ ä u Hause gesessen und nach der Uhr gearbeitet,
l!£r r b r?r mt J d>ei i> brst die Großmutter, dann den Bruder, IZMich den Vater gepflegt - bis sie alle, eins nach dem
andern, starben. An unserer Krankheit, du weißt ja-
Uni> , """ 6?ht's mit einem Male, endlich, endlich, in die dbe, schöne freie Welt hinaus! Das bekomme ich nun alles noch zu sehen — denke mir, Marie!" '
' r '3 a ' ^**5? j/* s^hr nett für dich!" sagte sie etwas un-
aenoiien "^ U ^Ä ^lrklich noch schrecklich wenig vorn Leben genchjen —- — für erneu Mann- wenigstens. Wir Frauenzimmer fühlen uns ja gewöhnlich in der Enge am wohlsten ei ? gräßlicher Gedanke, so aufs Gerate-
sah zum Fenster hinaus und ließ sein iwt en iaTte7 ' Kl-okusblüten im Doppel- faß?• "® a§ Hand macht?" wiederholte er nach. denNrch - zerstreut erschien's Marie. ■ ^
* !?' ", mit starker betonter Un«duld du
kannst dir doch vorstellen, daß ich gerne wissen möchte, wie
€S €r ^ ein Schicksal trägt, ob er seyr sehr
unglücklich, ob er zerschmettert ist ' 9 ' ' 9
®Iinän. e hXüdh WiliPPs Auge wich nicht von ben
„Er spricht nie darüber," sagte er langsam.
„Nun, natürlich nicht — das glaub' ich wohl! M« bas sieht man doch — du mußt es doch sehen — fi
„Weil ich sein Freund bin, meinst du? Oder als i-h S pökenkieker'?" — Philipp lächelte ganz leise vor sich hin. —4 „Liebe Marie — fern Freund bleibe ich freilich bis zunr letzten Atemzuge. Aber ich glaube, es gibt Dinge, die sich auch denr vertrautesten Fveurrde nicht enthüllen. Dazu gehört, was Hans Jmhoff jetzt durchlebt. Da hindurch nruß er ganz allein, aus eigener Kraft —, und er komint auch hüi- durch, glaub' nrir das! —- Aber w-eder ich noch du, noch irgend ein anderer Merrsch in der Welt vermag ihm dabei zu helfen!"
„Es tut es würde trägt.'
„Wie ein Mann!" sagte Philipp feurig. Sein großes, glauzercd-es Auge kehrte vom Fenster zurück und senkte sich tref in das ihre. „Daran laß, dir genügen, Marie. Er schweigt —- und arbeitet. Er braucht nichts als Stille und -Arbeit, und hat beides die Fülle."
„Mer sein Kind!" Marie rang die Hände im Schoße vor innerer Qual. „Das Kind kann ihm doch nichts sein, als Sorge und Unruhe — was wird mit dem?"
Philipp sah zu Boden und überlegte.
. , ,.,Es bleibt uns jetzt nichts übrig, als auch hier geduldig abzuwarten, bis er selber Rat und Hilfe verlangt, sagte ler Nach> lkurzem Besinnen. „Jede Ernmischuug.wäre vom Uebel. Vorläufig hat er die treuesten Dienstboten — die /i -^2 vergöttert das Kind — und Miete ist beschränkten Geiste-, aber willigen Herzens. Wir können ihm jetzt nichts Besseres antun Marie, als daß wir gar nichts für ihn zu tun versuchen!"
„Das ist schwer!" seufzte Marie. Sie erhob sich gleich dem freunde, der abschieduehmeud vor ihr stand. „Aber ich >ehe ein, du hast recht, Phipp. Und was uns schwer wird, darauf kommt es gar nicht au. Nur auf ihn kommt es' an^Mir daß er scylreßlich wieder Mut zum Leben bekommt, nachdem ihm sein ganzes Lebeusglück zertrümmert ist!"
„Sein Lebensglück?" wiederholte Philipp sinnend. Wieder ging sein Blick gedankenvoll ins Weite. „Mit dem Worte wird, glaub' ich, doch manch Mißbrauch getrieben," sprach er leise, langsam, wie immer zu^ sich selber redend. „Nie und nimmer glaube ich, daß Haus Jmhoff damals in zeitskutsthe^ob^^ ^ seines ganzen Lebens in die Hoch-
kn hJL und schwieg fast erschrocken, so jäh.
so heftig hatte Marie seinen Arm gepackt.
„Phipp," sagte sie, leise wie er, aber mit stockender, zitternder Stimme. „Was hast du gesehen — damals am
lenfter'ftanfaen?" 8 “ 661 ~ bu unb id) rusammen am
Aberlie'tteß ch^Kos B€rfud,t£ ™
wtffcn®“ mU6t mit iel)t faöen! " rkf f <e; "Ich muß das
, , kehrte er suh ihr bereits mit der alten, sanften Hei- schwebte°i^d £ r iu ’ bte beute wie ein zarter Duft um»
rs* /'? e '?s ^enfch muß müssen!" scherzte er freundlich!
Äv -Tt en md und Ton wieder ernst, wenn auch die Gute nicht daraus verschwand:
mnta/W* großes Unglück hielt — da
mals. kurzsichtig sind wir Menschen — selbst wenn un-
schimpfen! Der Tod ist nicht kuH stew^^^^r, selbst nicht, wenn er in eine Hochzeits- Nltschc steigt — er kann auch dann manchmal ein Helfer ein Erlöser, werden - Leb' wohl, Marie. Und verzage nickt £!; n *VrU'A Ct cLr V ^!} jungen in der Heimat denkst fm ßW.x*s ^^llch Wieder darauf besinnen, daß er tm Grund doch der „Hans im Glück" bleibt" —
x waren Phipps Kochs Abschiedsworte. Und so wun
derlich und dunkel sie erschienen - es ging doch von ihnen noch mehr aber von der sanften Güte und Heiterkeit des kleinen Phipp selbst, von der Erinnerung an sein tiefes klares Auge eme lindernde Wohltat aus für Maries Herz - ein
schÄren^Monocke'hlniMghalfs—^ b '° nädj ' teu 6üte ^
(Fortsetzung folgt.)


