Pechmarie und Hans im Glück.
Die Geschick) t" einer Jugendfreundschaft von E. v. Dornau. Nachdruck und Uebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
Dies war nun sein Schicksal. Der Weg, den Hans, der tapfere Kämpfer, der Sieghoffende —- Hans im Glück! — gehen mutzte. Ein Dornenweg, mit einer Kette am Fuße. Einer Kette, so schwer, so schwer, daß er fast daran verzweifelte, sie tragen — ertragen zu können. —
Mer das durfte nicht sein. So feige durfte er nicht sein. Er würde sein Geschick meistern, den Leidensweg dieser Ehe gehen mit Mcrmiesmnt. mit männlichem Erbarmen. Er durste seinen Jammer dies junge Wesen, das er zu seinem Weibe gemacht, nicht entgelten lassen. Es war ja nicht ihre Schuld, daß er sich so furchtbar getäuscht hatte. Sein die Schuld, sein die Lust. Nun saß es weinend in einer Ecke, das arme, schwache, verschüchterte Püppchen mit dem Vogel Hirn, mit dem leeren Herzen, und grämte fich und wußte gar nicht, was es eigentlich begangen hatte. — —'
Es war feilte Pflicht, sogleich zu ihr hinüberzugehen, sie tröstend und beruhigend in seine Arme zu nehmen, ernst- sreMi blich zu ihr zu reden — den Versuch wenigstens zu machen, das irre Seelchen zu sich emporzuziehen. —
Er trat in den Flur hinaus — kein Laut aus dem Eßzimmer! Unten im Hause sang die treue Amme seinem Kindchen ein Wiegenlied. Um seines Kindes willen mußte er Geduld üben, unerschöpfliche Geduld —> urrd weise und tapfer, uiid milde zugleich sein.
Er öffnete geräuschlos die Tür. Spähte mit bangem Zagen hinein — fuhr zurück — trat über die Schwelle — mit raschen, lautlosen Schritten hinter seiner Frau ans offene Mittelfenster. —-
Sie lag mit beiden Armen auf dem Fensterbrett ausgestützt, weit hinausgebogen, trotz des schneidenden Nordost, der ihr gerade ins Gesicht blies, und lachte — und lachte —
Er prallte bis zum Tisch zurück, stieß an einen Stuhl — sie fuhr herum und winkte ihn lachend näher:
„O! Komm! Sieh'" rief sie freudig erregt. „Da unten — da liegt der alte Nachtwächter Hausse — betrunken, total betrunken — am hellen, lichten Tage! Er ist grad' vor unserm Hause hingesallen und versucht schon feit fünf Minuten vergebens, wieder auf die Füße zu kommen. Es sieht zn drollig aus — alle Nachbarskinder stehen um ihn herum und johlen vor Vergnügen."
Sie war auch nur ein Kind — ein unerzogenes, ungebildetes Kind.-Er faßte sanft ihre Hand, zog sie in das
schützende Innere des Zimmers zurück und schloß dann rasch beide Fensterflügel.
„Oh Kind," sagte er freundlich) mahnend, „wie unverständig von dir! Du wirst dich erkältet Haben, so erhitzt, wie du bist vom Lachen! Ueberhauvt sollst du mir nicht länger
in diesem sonnenlosen Zimmer Hausen — wir werden umräu- men — was meinst du dazu? Das Eßzimmer nach drüben verlegen, und deine schöne Putzstube nach hierher — ist da- nicht ein geradezu großartiger Einsall?"
*
Marie kam erst am Vormittag des Tauftages. Sie hatte sich lauge niä)t entschließen können, ob sie der Einladung überhaupt folgen sollte oder lieber die Unmöglichkeit, ihr Pensionat ein paar Tage zu verlassen, vorzuschützen, — ^— — das das eben doch eine bewußte Unwahrheit gewesen wäre, bestimmte sie schließlich zur Reise. Sie schrieb Hans Jnrhoff erst am Tage vorher, daß und wann sie kommen würde. —
Nun mußte cm Versehen vorliegen — oder man hatte ihr die verspätete Zusage übelgenommen — jedenfalls war niemand an der Bahn, um sie in Empfang zu nehmen. Und sie hatte doch im stillen auf diesen Weg mit Hans Jmhoff gerechnet, als auf das einzige, was chr Freude bereiten konnte an diesem Tage-denn sonst war ein starker Wider
wille in ihr gegen diese ganze Klein-Kinder- und häusliche Glück-Atmosphäre. — Ein häßliches Gefühl, dessen sie nicht Herr zu werden vermochte! Jetzt wäre sie am liebsten gleich wieder nach Berlin zurückgefahren. Torheit! Sie nahm statt dessen einen Wagen, den sie zufällig leer auf der Station fand, und fuhr allein nach Hans Jmhoffs Haus.
Es lag im vollen, strahlenden Frühlingssonnenlicht. Der erste schöne Tag nach wochenlangen Stürmen. Das Hauleuchtete. förmlich schon außen vor Glück, schien's ihr-
aber niemand kam ihr entgegen. Auch nicht, als längst der Wagen hielt, sie hinabgeklettert war, bezahlt hatte. — Sie bedeutete dem Kutscher, noch einen Augenblick zu warten — sie werde gleich jemand wegen des Koffers hinausschicken. Verwundert stieg sie zur Haustür empor und schellte. E- lag beinahe etwas Unheimliches in dieser absoluten Stille und Verschlossenheit.
Im selben Moment ging die Haustür auf. Und Marke fuhr erstaunt — erschrocken zurück — eine Diakonissin in voller Tracht, ziun AuSgehen bereit, trat hinaus, grüßte
Marte mtt ernster Miene.
Und zugleich fiel ein ungeheurer, wuchtender Sckpreck auf die Besucherin —: Hans! War er — krank? Sie streckte wie abwehrend kleide Hände ans:
„Was ist los?" stieß sie atemlos hervor — „was ist, geschehen?"
Die Schinester sah sie ernst an.
„Sind Sie — eine Vernxrndte?" fragte sie zögernd. „Eine Verwandte von — Frau Jmhoff, meine ich?"
„Nein! Eine Freundin. Ist — ist jemand krank im Hause T
„Die arme junge Frau ist vor einer Stunde gestorben."
Eintönig, mit etwas geschäftsmäßigem Bedauern, hatta es die Krankenschwester gesagt. Jetzt tat sie doch einen er* schrockenen Ausruf, einen heftigen, kleinen Sprung vor-
tvärts.
Die fremde Dame war so totenblaß -ürückgetaumel^


