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Gegen Mitte März, ungefähr fünf Wochen nach der Ge- burt des Kindes, kam er von einenn Sonntag-Bornrrttagv- spazieraange, dem sich der jetzt schon gewohnte rMhsäwppen an ge schlossen hatte, gegen Mittag i,n fern Haus zuruck, Er stieg, ohne aufzusehen, die Stufen zur, Haustür empor -- er unterließ es seit langem schon, sich über die wunderliche Architektur des HäuScl>ens zu freuen — er öffnete selbst mit bcm Drücker und strich leise, mit abgewandtem Kopfe an der halbasfenen Küchentür vorüber. Aus der Küche quock Etz- aeruch und die laute, breite Stimme seiner Schwiegermutter, die Miete ausschalt. Frau Wiedenbrinck war beute schon den ganzen Morgen über ohne sichtbaren Grund mißgestimmt gewesen, hatte mit den Leuten gezankt, mit Elfe geschmollt und sogar dom Sckiwiegersohn, dem sie sonst mit respektvoller Unterwürfigkeit begegnete, eine muffig?, saucrtöpsisc!)e Mcene gezeigt. Hans stieg die runde Treppe enwor, nicht in Spruw- gecr, wie damals, als er Marie «mgohott, sondern langsam, fast schtverfällig der Widerwille stieg mit ihm empor. Oben ging er sogleich ins Eßzimmer zu seiner Frau — denn Elfriede hatte seit einigen Tagen ihr schönes Südzimmer als zu schade für tägliche Benutzung auf Rat ihrer Mutter wieder abgeschlossen, und die bedeutend kältere und unfreundlichere Eßstube bildete seitdem wieder den allgemeinen Wohn- raum der Familie, Hans aber hatte sich, da sein kleines Schreibkabinett unheizbar war, schon seit den ersten kalten Herbsttagen ganz oben, in Maries ehemaligem Fremdenstübchen, mit seiner Arbeit einguariiert und schlief auch dort seit der Geburt des Kindes.
„Ich Hab' mit dir zu reden, Elfe", sagte Hans sogleich beim Eintritt. „Deine Mutter ist unten, das paßt gerade — ick) komme ja kaum mehr dazu, etwas mit dir allein zu besprechen. — Wann soll Bubis Taufe sein? Mir müßten uns nun wohl endlich entscheiden! Ich war vorhin ein Biertel- stündchen bei Phipp, und da —"
„Schon wieder!" unterbrach Frau Elfe grämlich. „Al'e paar Tage gehst du zu dem! Das ist doch übertrieben und hat gar keinen rechten Sinn mehr —"
„Keinen Sinn? Na, erlaube mal — Phipp kann doch jetzt noch nicht gut wieder zu uns kommen! Ec will übrigens bald verreisen — auf ein paar Wochen zum mindesten — nach dem Süden — Doktor Miumler wünscht, das, und er kann sich's ja jetzt leisten, Haus und Apotheke sind bei Liese und seinem Neffen in guten Händen. Da er aber doch bei unserem Jungen Gevatter stehen soll, und ich ihn gern selbst
dabei hätte —"
Adermals fiel Elfriede dem Gatten ins Wort.
,Hch wünschte, du hättest ihm gar nichts davon gesagt!" ksgte sie mürrisch. Hans fand wieder, sie würde ihrer Mud- tcz ähnlich, sobald sie mißmutig aussah. Das reizte ihn.
„Warum nicht?" fragte er ziemlich scharf. „Ich wäre wirklich begierig, zu erfahren, was dich plötzlich anderer Meinung gemacht hat! Deine Mutter vielleicht?"
„Mama?" Elfriede lächelte erstaunt. „Wie kommst du aus die? Die hat doch gar nichts damit zu tun — über Bubis Katen haberr doch nur du und ich zu bestimmen."
„So! Ich freue mich, daß du das einsiebst. Also — ehe sie wieder nach oben kommt: Wann soll die Taufe sein? In acht Tagen? Länger könnte Philipp keinesfalls warten —"
Elfriede stand langsam auf — sie benahm sich inimer noch ein bißchen als Kranke, sie fand das sehr interessant — sie tat ein paar Schritte und blieb dann nachdenklich am Mitteltische stehen.
„Ich wollte eigentlich bis nach Mamas Abreise warten!" sagte sie nach verdrießlichem Ueberlegen. „Sie ist doch' nun
bald lange genug hier-es war ja sehr bequem für mich,
aber es muß doch schließlich alles ein Ende haben!"
Hans, der nach seiner Gewohnheit auf und ab gegangen war, blieb überrascht stehen.
„Ich dachte, du würdest gerade wünschen, daß deine Mutter bis zur Taufe hierblieve — und am Ende muß sie doch wohl selbst Gevatter stehen — sie oder der Vater —" sagte er zögernd.
Elfe schüttelte lebhaft abwehrend das hübsche Köpfchen.
„Eins von den Eltern? O! Das fällt mir nicht ein! Was hätten wir wohl davon!" ries sie —
„Aber — werden sie das nicht übelnehmen?"
Die liebevolle Tochter zuckte gleichmütig die Achseln.
„Möyen sie. Ich kann's nicht helfen. Ich werde doch un- serm Bubi nur Leute zu Paten aussuchen, von denen er mal wirklich was hat. Mama scheint sich freilich in der Tat eingebildet zu haben, daß wir sie oder den Vater bitten würden
— sie sprach heute früh beim Aufstehen davon, daß Papa und Else doch wohl auch zur Taufe herkämen. Das sollte uns passen, nicht wahr? Ich habe ihr gleich erwidert, daß wir noch gar nicht wüßten, wann das sein sollte — und daß nur. nicht beabsichtigen, den Tag groß zu feiern. Seitdem ist sie schlechter Laune. Langrveilig, nicht wahr? Ich wäre ganz froh, wenn sie so bald als möglich abreiste!"
„Das ist sehr unrecht von dir — deine Mutter ist sehr gut zu dir gewesen, diese ganze Zeit über, Elfe," sagte Hans vorwurfsvoll. Er tadelte sich selbst damit, denn er wußte insgeheim, daß auch er froh sein würde. Die kleine Frau schien ihin das aus dem Gesicht abzulesen. Sie flog plötzlich mit der alten spielerischen Leichtigkeit in seine Arme Utrd bot ihm lachend den Mund zum Kuß.
„Tu nur nicht gar so brav — alter Brummbär!" sprach sie heiter. „Dir ist sie schon lange lästig geworden, das weiß ich wohl— bu ahnst gar nicht, was du manchmal für ein fürchterliches Gesicht aufsteckrest, wenn wir uns beim Essen oder nach dem Abendbrot zusammen unterhielten."
Hans sah nicht ohne Rührung in das liebliche innge Gesicht. , ;
„Da hast du doch also mal an mich gedacht, nicht nur an dich selber —" sagte er sinnend.
„Na, man kanti doch nicht immerzu nur an sich selber denken! Also, du gibst zu, du gestrenger Gebieter, daß du auch gar nichts dagegen hast, erst wieder du Weilchen mit mir allein zu sein —"
„Ich glaube, es wäre gut — für uns beide gut," sagte Hans mit einem Seufzer. „Deine Mutter— ohne es zu beabsichtigen natürlich — entfremdet dich mir —" ^
„O, du bist ja eifersüchtig!" rief Frau Elfe in helleni Triumphe.
„Nein, nein — das nicht, du mißverstehst mich —"
„Doch, doch — es ist so. Und ich finde das schrecklich nett von dir! Es tut mir wohl, weißt du. In der letzten Zeit warst du gar nicht mehr so nett zu mir wie sonst; also daran war Mama schuld! Und mit den Leuten verträgt sie sich auch nicht. Ich Hab' immer angst, daß die Mieke uns kündigt. Jetzt, wo sie endlich ein bißck-en Bescheid weiß. Und zu sparen versteht sie nicht — wir verbrauchen jetzt eine entsetzliche Menge Geld!"
Ha,ns machte sich hastig aus den weichen Armen frei, die ihn zärtlich umschlangen.
(Fortsetzung folgt.)
KrWings! lumen.
Von Dr. E. Scheibener.
In so mancher Gegend glaubt das Volk ivoch gemeinhin an den Kornregein, der es mit aber glaub csck-ec Scheu erfüllt. Wir aber wissen es längst. Der „ftornregeu" rvird verursacht durch die Knöllchen eines unserer liebsten Früh!ingsgeioäch \t, des Scharbockskrautes (Nanunculus sicaria). Das Pflänzchen entwickelt diese Knöllchen in seinen Blattachsen, also — im Gegerrsatz zur Kartoffel — oberirdisch. Nachdem die Pflanze verblüht und die Blätter vergilbt, bleiben die Knöllck>en, die unterdessen sich losköst^n, auf dem Baden zurück, um im nächsten Jahre zu neuen Pflänzchen auszu- keimen. Da die Pflanze da, wo sie vorkommt, meist in großer Gesellschaft iwäckLt, so liegen nach Schlich ihrer VegetationsPeriode die Di öll che n oft in großer Zahl umher und so konnte der Glaube an einen „Kornregen" leicht entstellen Wer für das reizende Gewäcl)s sich lveiter interessiert, dem sei gesagt, daß eS nierenförmig gekerbte, settglänzende Blätter besitzt, weiterhin drei Kelch- und acht oder mehr tiefgelbe, glänzende Blütenblätter.
Eine Unzahl von Benennungen kommen der Pflanze zu, das Schicksal eines jeden über luetoe Strecken verbreiteten Krautes. Die 'gebräuchlichsten sürd Feigwurz imd Scharbockskraut. Teö altberühmte Mediziner und Botaniker Rudolph Jakob Cainerariuß brachte da schon seine iErörterungen: „Die Erfahrung gibt, daß, dieses Kraut eine souderlick-e Eigenschaft hat, die Jeigivarzen zu vertreiben — danneuhero eg auch den Namen führet —, so daß man die frische Wurzel samt Blättern zerstoßet und überlegt, oder das Pulver darauf streuet. Die Wurzel wohl zerstoßen mit einein süßen, gebratenen Apfel vermisck-et und wie ein Pflaster übergeschlagen, stillet wunderlich die Schmerzen der Feigwar-en. Die Blätter dieses Krautes unter dem Salat gegessen sind gut wider den Schar- bock (Skorbut)." Daher rührt der Name Scharbockskraut. Noch beute dieneu indessen die Blätter des KvanteS als Hübnerfutter, so in Siebenbürgen, loo es Hänkelzelat (HänKck-Hühnchen) heißt. Der Kärntner nennt es Zigeunerkraut oder Zigeunersalat, iveil nach seiner- Meinung die Zrgeuner es m Salat beseiten. Leicht verständlich ist ums nach den gemaltstem Andeutungen des Oester- rcichecs Bezeichnung „Erdgerste" oder „Himmelsbrot". In einzelnen Gleichen werden die erwähnten Knöllchen gegessen. In Nordböhmen heißt die Pflanze Brrtterschmirgel, in Nioderüsterreich wohl


