Pschmarie und Hans im Glüch.
Die Geschichte einerJngendfreunbschaft von C. v. D o r n a u. Nachdruck und Ueberseyungsrecht in frenide Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
Phipp Kock) nahnr sich der Jugendfreundin gleichfalls nach Kräften an. Er besorgte ihr noch vor Schluß'des Jahres einen fünften, sehr korrekten und zuverlässigen Pensionär — eine Landsmännin noch dazu, die Tochter des heimatlichen Kreisarztes, ein bedächtiges, pomadiges Ding, das unter seiner nüchternen Außenseite die unbegreifliche Kühnheit besaß, sich in der Reichshauplstadt zur Klavierlehrern! ausbilden zu wollen. *
Unter diesen Stammgästen tauchten dann vorübergehende Erscheinungen auf, Passanten, zufällig Hergeratene: auch wohl mal ein unsicherer Kantonist — so nannte es Marie >—, den man schleunigst wieder loszuwerden versuchte. Im allgemeinen waren fast alle Fremdenzimmer ständig besetzt, und das Geschäft ging, wie abermals Marie fest- stellte, geradezu glänzend. Nicht, daß es übermäßig viel einbrachte— ihr kain's eher vor, als ob sie dabei nicht unerheblich Geld zusetzte —, aber welche Fülle von Schaffensfreude. Arbeit und Sorge für andere brachte es ihr! Und wie glücklich fühlte sich die große Mehrzahl ihrer Gäste — wie prachtvoll schmeckte es allen! Es war, wie sie Hans Jmhoff schrieb, geradezu ein Genuß, ihnen bei den Hauptmahlzeiten zu- zusehen!
In bh zweiten Februarhälfte wurde Hans Jmhoff ein Sohn geboren.
Ein übersprudelnd glücklicher Brief brachte Marie die Freudenkunde. Alles war nberrascheud leicht und gut gegangen. Elfes Mutter, pünktlich erschienen, nahm sich der Pflege der jungen Wöchnerin mit Hingabe an. Der nächste Brief brachte gleich gute Kunde. Elfe sähe lieblicher aus denn je, blühe wie eine Rose und lasse sich nach Herzenslust verwöhnen. Das Kind gedeihe prächtig bei der tüchtigen Kathrin, Miekes verwitweter Schwester. Wann der kleine Heide getauft werden solle, wäre noch nicht bestimmt — Elfe behalte sich die Entscheidung darüber vor, bis sie wieder ganz wohlauf sei — «aber soviel sei ihnen beiden, seiner F§au und ihm, schon ganz gewiß: Marie müsse dann kommen und ihr Patenkind selbst über die Taufe fwiwn!
Von da an wurden Hans Jmhoffs Briefe kürzer und flüchtiger.
„Er hat jetzt keine Zeit mehr für mich," dachte Marie ergeben. Aber es war doch etwas anderes, was Hans die Feder wieder ungeduldig ans der Hand werfen ließ, sobald er sich zu einem Briese an die Jugendfreundin bereitgeseht hatte. Die Zeit fehlte it;Vn weniger, als Seelenruhe, Stimmung. Er litt in diesen Tagen und Wochen mehr, als er sich's selber je eingestand WaS fast alle Eheleute zu noch tnutflerer Liebe, zu noch tieferem Einverständnis zusammen^
? führt: die Geburt des ersten Kindes — ihm brachte e? ein Gefühl erschreckender Entfremdung. Zum ersten Male Elfriedes steter Gegenwart entzogen, ihrem lächelnden Liebreiz, ihrer sanften Schmiegsamkeit entrückt, begann er auch zum ersten Male ernsthafter über sie nachzudenken. Sie ließ ihm Zeit dazu. Sie hauste die ersten Wochen mit ihrer Mutter in dem großen Schlafzimmer zur ebenen Erde; Kind und Amme wurden in einen kleine'.: Raum neben der Küche verbannt. Denn Elfe weigerte sich trotz Zureden von Arzt, Gatte und Mutter standhaft, den Kleinen selbst zu nähren, und behauptete, zu schwach zu sein, um den Kinoerlarm zu vertragen. A^lch nachdem sie das Bett verlassen hatte, Hans sie jeden Morgen nach oben trug in ihr geliebtes, von Winter- sonyenschein durchflutetes Prunkzimnier — auch da blieb sie am liebsten allein, nur von der Mutter gepflegt und bedient, die unermüdlich treppauf und treppab lies, um mit leckeren Gerichten, die sie trefflich zn bereiten verstand, der anspruchsvollen Patientin stets wachen Ltppetit zu befriedigen. — Mutter und Tochter verstanden sich vortrefflich. Frau Wiedenbrinck schien beseligt, den vergötterten Liebling wieder einmal nach Herzenslust verzieheil zn dürfen, und Elfriede ließ sichs lächelnd, behaglich — wie ein geschmeicheltes Kätzchen — gefallen.
Nach dem Kinde fragte sie kaum, ließ sichs höchstens ein paarmal an: Tage bringen und schickte es rasch wieder hinaus, sobald es zu schreien begann. Die übrigen Hausgenossen schienen ihr vollkommen gleichgültig. Sie kümmerte sich um nichts roeiter als das eigene Wohlergehen. Auch für.Hans hatte sie nur ein zerstreutes Zulächeln — ebenfalls einen Auftrag, eine Forderung. Und zum Schluß immer das gleiche: „Arbeitest du auch fleißig? Ist denn die neue Geschichte immer noch nicht fertig? Dü mußt jetzt ja doch sür drei verdienen."
Das jagte ihn dann stets mit verdüsterter Stirn -aus ihrer Nähe. Selten an die Arbeit zurück — die loollte ihm .wirklich, gar nicht mehr von der Hand gehen in dieser Zeit —, eher ins Freie, in die gedankenschwere Einsamkeit. Oder zu Philipp Koch, der, erquickend auznsehen für den treuen Freund, aufblühte, in der Gesellschaft des frischen, guten Jungen, beit er liebevoll in Haus und Herz anfgenom- men. Oder auch ins Wirtshaus, den Ratskeller oder eine kleine, behagliche Honoratiorenweinstube, in der er ein paar freundnche Stunden zn verbringen hoffen durfte, bei v inerrt guten Tropfen, in nicht gerade anregender oder gar aufregender, aber dock) gemütlicher Unterhaltung. — Alles war besser als die öd§ Unbehaglichkeit des eigenen Hauses! Elfriede, zum ersten Male in ihrem Leben wirklich trank, wenigstens pflegebedürftig gewesen, ließ sich noch immer ^ mit dem vollen Egoismus unerzogener Kranker rücksichtslos gehen. Ihre Mutter unterstützte sie darin. Halls erschrak manchmal geradezu, wie sehr sich die beiden in Meinungen, Ansichten, Ausdrncksweise ähnelten. Und seine Schwiegermutter war ihm von der ganzen Familie seiner Frait twm Anfang an am unsympathischsten gewesen.-


