Ausgabe 
21.4.1917
 
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Briefe, die sich kreuzten, führten eine vollkommene Versöh­nung zwischen ihnen herbei. Marie teilte dem Freunde kurz Mit, was sie zu tun beabsichtige, und wenn sie sich in ihrem Entschlüsse auch nicht durch ihn erschüttern ließ, so holte sie doch wenigsterrs in Nebendingerl seinen Rat ein und befolgte ihn nach Möglichkeit. Alles, was Sinn und Verstand hatte bei Marie Krumvas Unternehmung, was zu ihrem Vorteil und Bestell dabei, war, geschah aus Hans Jmhofss Veran­lassung hin. Daß das nicht mehr wurde, war wirklich nicht seine Schuld. ii

Er empfahl sie auch an seinen Verleger in Berlin, einen alten, wlird.lgen Herrn, in Geschäftssachen außerhalb seines Verlages so unerfahren wie ein unmündiges Kind oder wie Marie selbst, was dasselbe besagte; aber er konnte sie wenigstens beraten, in welchen Blättern man aln zweckmäßig­sten inserierte, um ihr Pensionat zu enrpfehlen und er xomite ihr sogar nach einigen Wochen selber eine Pensio- narm verschaffen, eine junge Russin, die an der Berliner Universität studierte. Die Russin rauchte übermäßig viel Blgaretten, verqualmte die ganze Wohnung und bezahlte da­für nicht ganz pünktlich aber sie bildete doch mit der tau­ben Stlftsdame, Fräulein Fiddi Moll und Fräulein Meta Stllllng zusammen einen festen, kleinen Stamm.

, 2a! Fiddi Moll und Meta Stilling gingen dem neuen Unternehmen nicht verloren! Als sie die dritte Etage räu­men mußten, waren sie zu Marie hinabgestiegen und hatten sie um gastliche Aufnahme gebeten. Nur für ein paar Tage nur, brs sie sich anderwärts untergebracht, einen neuen Beruf gefunden hatten. Aber der fand sich so rasch nicht. Und auch in eine aridere Pension überzusiedeln, zeigten sie gar keine Lust. Wozu auch? Bei Marie war's unbeschreiblich sau­ber und nett, und die alte Mille kochte wunderbar. Nach acht Lagen nachdenr Marie auf einen warnenden Brief Hans jmhofss hin den beiden Gästen wegen ihrer Zukunftspläne ein wenig auf den Zahn zu fühlen begonnen erschienen sie b^e vor ihr mit dem Vorschlag, sie zunächst selber in Pen- swn-Wohnung u^d volle Verpflegung zu nehmen. Als vollzahlende Pensionäre natürlich. Meta Stilling hob das sehr hervor. Und Marie kam sich außerordentlich schlau- berechnend, kalcherzig und geschäftsgewandt vor, als sie sich nur unter der Bedingung bereit erklärte, daß die Zahlungen

binen ganzen Monat int voraus zu erfolgen hätten^

Meta Stilling erkannte die Forderung für voll berech- £ l ?ir^ an o- '^/wlte mit ihrer kleinen Freundin in zwei ^immerchen der zweiten Etage über. Sie verfehlte nicht, Marie gleich in der ersteil Stunde mit einer gewissen Emphase das vereinbarte Kostgeld für den beginnenden Mo- nat zu überreichen. Auch die nächsten Male erfolgten die Zahlungen uberwältigerid exakt. Marie schriebt trium­phierend dem Freunde. Der Gedanke kam ihr niemals, daß wurde" Ia mit ^ rem Egonen Gelde bezahlt (Fortsetzung folgt.)

Der Herzenbrecher.

Ein heiteres Gcschichtchen von Käthe v on Beeker.

Die Frau Amtsrichter besuchte die Frau Doktor. Sie trat groß und gewichtig ein, die zierlichen Salvnmöbel zitterten' alle heimlich bei ihrem energischen Schritt, und ihre schlanke, zierliche Herrin zitterte gleichfalls heimlich, warf einen angstvoll sorgenden Blick auf die fernen, hohen Empirebcinchen ihrer Lieb­linge mW lnd dann mit reizeiider Handbewegnng uiid annmtigem Läckieln den stattlichen Besllch in die Wohnsüü>e, irr der iveite Lehnstühle mit festem Untergrniide eine erquickliche Sicherheit boten ^klärte die liebenswürdige Wirtin,da Jot meine Mia ihr Spielwinkelchen, kann ihren lieben, kleinen Besuch am besten empfangen, und tvir beiden Mütter genießen die Freude Unsere Kinder in ihrem Beisammensein zu beobachten."

Die Frau Amtsrichter hatte nänüich ihren Stammhalter- gebracht, per z-ugleich li.hr Ebenbild toar, nur ins' männlich? amd vier- tähnge übertragen, aber in diesem Verhältnis ebenso stattlich und gewichtig wie die Frau Mama. ,

Die lächelte breit Und zufrieden. Ja ich wollte Ihrer Kleinen- eine Frellde macheii. Sie ist immer so allein, imd kleine Mädck)-en Niögen kleine Jwigens besonders gern. Sie rnachen meinem Bubi sckion jetzt alle den Hof. Ter wird mal ein Schlimmer werden! Er laßt ste alle an sich herankommen und ihn umkosen, aber er selbst bleibt kühl bis ans Herz hiimn. Freilich, vor Ihrem Elschen. wird ferne stolze Zurückhaltung wohl kaum Vorhalten, die ist ja wie ein Püppchen, nmn nurgt sie kairm anznrühren, so zart! Aber Bubi wird das auch nicht ttm, er ist nach jeder Seite hin zurück- haltendr

Ms Frau Doktors ausdrucksvollem Gesicht hatten sich bie­der langsamen, wohlgefälligen Rede ihres Gastes allerlei sindungen abgespiegelt, es kostete die Mühe, dem derben, blonden! Junge::, der Mutters Kleid fest in einer der fetten Hände haltend, sich mit einer gewissen mißmutigen Würde in das Zimmer schob, über das borstige Haar zu streichen und liebenswürdig auf ih« herabzulc^elst, denn die Bemerkung, daß alle lleinen Mädchen dieses kleine Walroß wie Frau Doktor ihn heimlich nannte> umtosen sollten, ging ihr als sehr stolzen Mutter eines kleinen, reizenden Mädchens gegen das mütterliche und weibliche Empfrn- den, und nur die anerkennende Wendung, daß vor Mias Liebreiz sich selbst das männlich stolze Herz Bubis erwärmen müßte, sänftigtü ihren heimlichen Aerger.

Ta kam auch schon Mia angeflattert, im weißen Spitzenlleio- chen mit mattgrüner Seidenschärpe, mit feinen nackten Aermckien und Beinchen, auch Empirestil wie die Salonmöbel, mit blonden entzückenden Löckchen und rosigem Blumengesicht, ein lleines, süßes Menschenküch, nein, ein Schmetterling, eine Blüte, ein Ge­dicht, roenigstens in den Augen der Mutter, während über das runde Vollmondsgesicht der Frau Amtsrichter fast etwas wie Mit­leid flog urrd ihr Blick sich zur Erhöhung schnell auf ihren fest- geständerten, rotbackigen SprMing senkte. Sie schob ihn eilt Stück vorwärts, Mia entgegen.Da, Kleines, da Hab' ich dir einen. Spielgefährten gebracht, mit dem kannst du dich amüsieren, während ich mit Mama spreche."

Mia war entzückt, die Frau Amtsrichter hatte recht, sie kam so selten mit Kindern zusammen, mrd in ihrem Herzchen war so viel Liebe. Freurrdschaft und Geselligkeitstrieb! Das rosig« Gesichtchen wurde noch rosiger und strahlte wie eitel Scnrnenschein, ihre feinen, weißen Fingerchen faßten gleich eine der roten Fett­hände des Gastes, Und ihr helles Vogelstinrmchen zwitscherte selig: Komm' m:r, lieber Bubi, ich zeige dir all meine Spielsachen^ Wir lvollen zusammen spielen und ich erzähle dir ein schönes Märchen. Ich Hab dich doch so lieb, Bubi!"

Damit zog sie den wie ein Eichxlum fest Wurzelnden mit zärtlickier Getvalt vorwärts, ihrem Spielwinkel zu, ihnr immcrtf lieblich zu redend und ihn mit den weißen Fingerchen streichelnd.

Frau Amtsrichter lachte befriedigt auf.Sagt' ich's nicht? Sie fängt's inrmer gleich an, Liebeserklärung und Liebkosung^ Ja, die Mänrner haben es gut, von früher Kindheit an werden sie von den Frauen verwöhnt und umgirrt." Die Mutter der lleineu Zärtlichen lächerlte süß-sauer.Das wollen wir nun doch nicht sage,;. Mia würde jedes kleine Mädchen ebenso liebevoll emp­fangen, sie hat eben ein gastliches, liebevolles Gemüt und freuU sich der Spielgefährten, ganz gleich, ob es ein Junge oder ei:- Mädchen ist.

Na ja, ich sag' ja auch nicht, daß sie ihn gleich heiratent will," lachte Bubis Mutter witzig, .trotzdem ich gegen solch ein Schwiegertöchterchen nichts einzuivenden hätte" bei sich dachte sie, daß ihr solch ein erbärmliches Spinnendingchen für ihren Pracht- jungen höchst unwillkommen sein würdeaber dagegen läßt sich nickst streiten, der Zug zum Mann steckt schon im jüngsten Mädel. Hören sie nur den Ton der Zärtlichkeit. Ich «vette, dasl klingt anders, als we:m sie da ein Gleichwertiges vor sich hätte!"

Wirklich klang aus dem Spiellvinkel Mias Silberstimmchen in den kosesteN Lauten herüber:Da, setz' dich, mein liebest Bubi, in mein Stülstchen. Ach, nein, da gehst du nicht hinein, du bist ein bißchen zu dick! Hier, mein lieber Bubi, willst du ans dem Schemelchen sitzen? Ader das ist nicht so weich, ich hol' der ein Kißchen, mein lieber Bubi!"

Dazu flatterte das Spitzenlleidchen, :cnd die Iveißen Füßchen tanzten um das breitbeinig dasteheiche kleine Walroß, wie die Frau Doktor, und zwar diesmal mit viel grimmigerem Ausdruck, Bubi uneder heimlich umritte, herum, und das kleine Walroß schnaufte und brummte und ließ sich darrn schiver und ungeschickt auf dem sorgsam herbei geholten weichen Kissen nieder.

Bubis Mutter lächelte befriedigt und ein bißchen spöttisch zu Mias Mutter hinüber, aber da der Triumph so augenscheinlich auf ihrer Seite war, kam ein edle Siegerregung über sie, und ft# lenkte von der konrpromittierenden Hmidlungslveise Mias ab.

Ich komme nänüich nur auf einen Sprung heran, um über das Wohltätigkeitskonzert mit Ihnen zu spreche::." Die Unter­haltung bog nun in ganz abliegeude, harnüvse Bahnen; aber die Hausfrau loar nur nnt halbem Interesse dabei, die andere Hälfte horchte und blickte immer nach dem Spielrvinkel. aus dem nach wie vor Mias immer zärtlicher werdendes Geplauder klang und mit jedem Wort einen Dolch in das stolze Herz ihrer Mutter stieß. Tie liebe, kleine Unscluüd bemühte sich rnlmnrd um die Pflicksten der Gastfreundschaft, sie kramte all ihre Spielsachen ans, rühmte sie mit süßem Zwitschertou. strcickielte zwisck>endurch die immer röter glül-euden Wangen des in lieblosen: Sckpveigen Verharrenden und wttr so allerliebst, daß Sein Mensch von natürlichem Empfinden, lelbst lvem: er erst vier Jahre zählte, diesen: Liebreiz hätte wider- stel>en können. Nur Bubi »v-iderstand, er regte sich nickst. Dieses Walroß! wie Frau Doktor ihn jetzt ohne milderirdeS Beinxuk heimlich imnnte mib dabei etueit folcl-eu Zorn in sich fühlte, daß sie an: liebste:: anfge standen :viire und ihn geohrfeigt hätte. Bet alleden: uxn° die Ko!^crtm:gelecM:heit in Ordmmg gebracht, und die FrcM Amtsrichter schickte sich -um Gehen an.