Ausgabe 
21.4.1917
 
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Beßlich. Verdrießlich, nicht, weit sie iricht helfeii wollte, ftmdern weil sie sich's nicht jutraufce, helfen zu könnvii.> Fiddi Moll fing s-oglerch wieder mit lemten Klagen an. Wir haben ja niemand anders aW Sie," schluchzte sie, ^Veinerr Menschen weiter in der Welt! Und wir dachten': Die, die Sie nnt Glücksg übern so gesegnet fiub, könnten uns doch wenigstens ein wenig über die nächste Zeit h-i bis tvir wieder mehr Pensionäre haben"

Einen Augenblick!" unterbrach Marie. Sie hob Schwei-

f eu gebietend die Hand und ging bis zum Erkerfenster inüber, wo sie sinnend stehen blieb.

Hier hatte Hans Anhoff gesessen, hier hatte sie sein Buch gelesen. Sein Buch, in dem so viel Irren und Frieden, Suchen und Kämpfen war.> Und Hans Im hoff hatte ihr gedankt, für alles, was sie ihm gewesen war.

Sie stano noch ein paar Minuten in ernstester Ueber- legung. Dann kehrte sie zu der kleinen Bittstellerin zurück, die ihr angstvoll und verschüchtert entgegensah, und blieb dicht vor ihr stehen.

Ich »will Ihnen helfen," sagte sie nach einer kleinen Pause voll atemloser Spannung. Das Geschöpfchen schnellte jubelnd in die Höhe, wollte sich freudeweinend in ihre Arme stürzen sie drückte es nicht unsanft, aber energisch auf seinen Sitz zurück.

Ah will Hhnen helfen," wiederholte sie lauter und

S ster. Sie trat ein wenig seitwärts und schob einen schützen- n Stuhl zwischen ihre Person und die der anderen.Aber ich will das anders, als Sie denken so, wie Sie's wün­schen, geht das nicht hören Sie mich einmal ganz ruhig und vernünftig an, ohne dazwischen zu schwatzen. Wollen Sie das?" »

,^Ja," bauchte Fiddi Moll demütig. Sie saß bebend da und starrte oie so Verwandelte schweigend an. Marie stützte sich auf die Stuhllehne und entwickelte klar urrd ruhig, was sie zu tun beabsichtigte.

In Wirklichkeit wurde sie sich erst beim Sprechen klar. Ganz, wie's Hans Jmhoff von sich behauptet hatte. Der liebe Freund. Immer wieder tauchte sein Bild vor ihr auf, und tin leises Lächeln überflog chr ernstes Gesicht.

Mit Geld allein, was doch die beiden nie würden zu- rückzahlen können, war ihnen absolut nicht geholfen. Marie fetzte daö der etwas ungläubig Aufhorchenden logisch ausein-

6 ander und sich selber gleichzeitig auch. Sie gab ihr auch onungslos zu verstehen, daß sie die beiden Freundinnen erhaupt für unfähig halte, ein derartiges Unternehmen tzu leiten. Daß sie sich vor allen Dingen entschließen müßten, das Pensionat aufzugeben und etwas anderes anzusangen, toaS chrer ihrer Begabung mehr entspräche und, als wich­tigste Bedingung, nicht mehr Anlagekapital von ihnen for­derte, als sie wirklich besaßen"

,^Za, aber" Fiddi Moll lauschte angstvoll, rang ver­zweifelt die Hände.Wenn wir unsere schöne Pension jetzt ausgeben dann haben wir doch erst recht nichts?"

Natürlich nicht! Aufgeben ist auch nicht das richtige Wort. Ich will sagen: Sie müssen die Pension eben abtreten verkaufen."

Verkaufen!" Fiddi Moll spitzte gierig die Ohren. Das Wortverkaufen" hatte goldenen Klang. Aber gleich über­fiel sie wieder Angst und Verzagen:Wer wird mrs die aber gleich abkaufen mögen!" ächzte sie.

Da trat Marie tief Atenr schöpfend einen Schritt vor.

, "Ich!" sagte sie fest.Ich kaufe sie Ihnen ab! Jetzt glerch sofort. Und übernehme sie selber. Ueber den Preis werden )vir uns schon einigen; denn natürlichf' hier mackste wiaxie den Versuch, äußerst geschäftsmäßig, äußerst kühl, berechnend und zurückhaltend auszusehennatürlich muß ich mich erst ganz genau unterrichten, wieviel die Pension jetzt wert ist, wieviel Sie hineingesteckt haben und wieder rechtmäßig herausbekommen müssen! Wir werden gleich mal zu Ihnen nach oben steigen, und Sie müssen sich schon dazu verstehen, mir alle Ihre Bücher und Llbmachungen vorzulegen." ' u

Ob Fiddi Moll sich dazu verstand! Ihre Freude war ww ihr Kummer. Sie schleifte Marie förm- lich im Triumph nach oben, sie tanzte, lachte, schwatzte bis zur völligen Atemlosigkeit. Sie holte Fräulein Meta Stil- ling herbei, die würdevoll ins Zimnrer rauschte und Marie mit königlicher Gebärde die Hand reichte:Niemand trete ich unsere Schöpfung lieber ab, als Ihnen!" Dann schlepp- ten berde ein halbes Dutzend höchst unordentlich geführter Ausgabe- und Einnahmekvnten herbei, aus denen sich auch

viel klügere Geschäftsleute als' die arme Marie nicht heraus« gefunden hätten. Sie häuften Papiere Kontrakte, Rech* nungeu, Mahnbriefe vor ihr aus, bis es Marie schwindlig wurde und sie um ein Glas Wasser bat. Sie macksten eine Art Winkelkonsulenten ausfindig einen Referendar a. D.

der bei der Prüfung der Bücher und Regelung der Geld­geschäfte verlvendet wurde. Uebrigens ein guter Bekannter von Fiddi Moll ans früheren Zeiten. Marie hegte ein ge­wisses Mißtrauen gegen den ziemlich heruntergekommen ausschauenden Herrn uno wimmelte ihn sobald als tunlich wieder ab. Ob sie nun wirklich ein paar hundert Mark mehr oder weniger zahlte darauf kanr es ja gar nicht so wesentlich an. Die Hauptsache blieb, daß alles klar geordnet urrd den armen hilflosen Geschöpfen dauernd aeholfen wurdet Marie nahm schließlich die ganze Sache allein in die Hand, machte einen dicken Strich durch alle Berechnungen und! Kostenanschläge, die doch nur Verwirrung in die gaiize Air- aelegenbeit hineintrugeii und nannte den Freundinnett kurz uno bündig eine Summe, die sie ihnen für Ueberlassung des Pensionats und Ablösung der bisher gezahlten Raten aus setzte. »Eine Summe, die, so klug Marie sie auch bemessen zu haben glaubte, die kühnsten Erwartungen der beiden Damen und ihres geheimen Beraters doch noch übertraf.

Vorher war Marie zu der gesprächigen Hauswirtin ge­gangen und hatte sich mit ihr anseinanderg^setzt. Das toav leichte Mühe, sobald man erst durch den Schwall von Ge­sprächigkeit hindurchgedrungen war. Die brave Hausbesitzerin war eine zu tüchtige Geschäftsfrau, um nicht sehr rasch ein­zusehen, wieviel vorteilhafter es für sie sei, mit dem ver­mögenden, hochanständigen Fräulein Krumpa zu tun zu haben, als mit dem unzuverlässigenTheater-Pack"" im dritten Stock.

Marie löste also sowohl den eigenen Mietskontrakt alS den der beiden Damen Mollenbrecher-Stilling. Dafür mie­tete sie ben ganzen gerade leer stehenden Stock des Hauses! und richtete ihn mit ihren eigenen und den fertig abgezahl­ten Möbeln ihrer Vorgängerinnen sehr hübsch und zweck­entsprechend als Fremdenpensionat ein. Es kostete sie das alles viel Geld viel mehr, als sie zuerst angenommen hatte urrd sie mußte ihr Kapital erheblich angreisen. Aber was schadete das? Ihr blieb ja soviel reichlich genug! Und sie war glücklich, glücklich in der Ueberfülle der Arbeit

und im Bewußtsein, Menschen aeholfen zu haben, die ihr vertraut, auf sie gehofft hatten, oie ohne sie verloren ge- wesen wärerr.

Mille hatte sich erst sozusagen mit Händen und Füßen, jedenfalls mit Aufgebot all ihrer Redekräfte gesträubt. Aber Marie faßte schließlich ihren Arm und sah ihr tief, tief in die rornrgen Augen:Siehst du denn nicht ein, Mille, daß ich das haben muß die Arbeit, das Sorgen damit ich mein Leben ertrage?" Da schwieg sie und fügte sich. Und ihre wirtschaftliche Tüchtigkeit schwelgte bald rn der ausgezwun­genen Aufgabe. Dies Scheuern, dies Putzen, dies Nichten und Kramen es war wundervoll! Ein kleines flinkes, sauberes Dienstmädchen mußte der Alten *itr Hand gehen. Es stand in zitternder Abhängigkeit vor ll)r ein halb­verhungertes Waisenkind Mille zankte und erzog und fütterte das kleine Ding heraus, als ob^s ein Konkurrent ihres fetten Puffs werden sollte.

Von den drei Pensionären ihrer Vorgängerinnen behielt Marie nur einen einzigen. Eine alte, stocktaube, sehr lau- ursche und anspruchsvolle Dame, die eine kleine Stiftsrente zu verzehreil hatte und wegen Unverträglichkeit aus so vielen Fremdenpensionen hinausgegrault worden lvar, daß sie des Unterschlupfs bei den Damen Moll und Stillina \xolj sein mußte. Die beiden anderen waren ihrer schmudd­ligen Wirtschaft mir deshalb treu geblieben, weil sie mit dev Zahlung im Rückstand waren. Marie erließ den beiden groß­mutig ihre Schuld und tat sie hinaus. Es waren außerdem zwei Herren ein Student und ein ältlicher, beschäftigungs­loser Hauslehrer da sie beabsichtigte, nur Damen aufzu­nehmen. Dazu hatte ihr Hans Jmhoff so dringend, so berz- llch, unter Anfiihrung so triftiger Gründe geraten, daß ein Widersprich undenkbar blieb.

Sie standen jetzt beide in lebhastesteni, frenndschaftlichf- stem Briefwechsel. Hans hatte ani Tage nach ihrer über- sturzten Mreise einen seiner sonnigsten, gütigsten, zugleich lerstandigsten und übermütigsten Briefe au sie gerichtet. Fast n derselben Stunde, in der sie an ihn schrieb lind ihn wegen ihresdummen, albernen" Beiiehmens beim Abschied sehr drollig und widerwillig um Vergebung bat. Diese beider,