Pechmarie und Hans im Glück.
Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C. v. D o r n a u. Nachdruck und Uebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
Das wirkte förmlich grotesk nach den Vorgängen der letzten Stunde. Trotz allen gerechten Verdrusses mußte Hans lachen.
„Du kannst mich auch ruhig noch 'mal ansehen beim Abschied!" sagte er neckend und hielt ihre Hand fest.
Sie tat'9, wie gegen ihren Willen dazu gezwungen. Ern einziger, rasch vorbeihuschender Blick war's in sein gutes,
ehrliches, güteleuchtendes Gesicht-Aber er sah doch
daß große, schwere Tränen in ihren dunklen Augen standen, und die seinen wurden Mild und sanft:
„Ich danke dir — für alles, was du mir gewesen bist, Marie!" sagte er sehr ernsthaft. Er wollte ibr noch mehr sagen: daß sie Vertrauen zu ibm haben solle — daß sie immer, immer (ruf ihn zählen dürfe — aber er fand kein weiteres Wort. Sie wußte das ja alles, auch ohne daß er sie's erst groß versicherte. Und der Kleinbahnschafsner mahnte aufgeregt zum Einsteigen, ehe ihm noch eingefallen war, was er ihr nock) sonst hätte sagen können. Da blieb's bei dem: „ich danke dir für alles, was du mir gewesen bist!" Die zehn Worte bildeten den Urtext, die Grnndmelodie für eine wundervolle Glückssymphonie, die aus der ganzen Reise in Maries bescheidener Seele tveit ertönte.
6 .
'Kaum betrat Marie die blitzblank geputzten Zimmer daheim, als sich Fiddi Moll bereits einstellte. Sie hatte Mille gehörig ausgefragt und am Fenster auf Maries' Ankunft gewartet. Dann war sie die Treppen hinunter- geschosseu, batte stürmisch und andauernd an der Wohnungstür geschellt, die sich grad' eben erst hinter Marie schloß, und hing nun weinend nnd jammernd am Halse der Ueber- raschten. Marie, noch in Hut und Mantel, versuchte vergebens, das kleine, zähe Geschöpf abzuschütteln. Mille, zuerst so verdutzt wie sie, kam ihr schließlich zu Hilfe.
„Was soll deuu das heißen!" rief sie erbost. „Mein Fräulein is eben erst da, nnd nun belästigen Sie ihr schon! Nomm-eu Sie gefälligst wieder, wen'.l sie sich ansgeruht hat."
Urrd sie nahm Fiddi Moll wie ein Kirrd an beiden Schrck- jbern und schob sie der Wohnungstür zu, ohne die geringste Rücksicht auf ihre Bitten und Wehklagen.
„Laß, Mille," sagte Marie sanft, Nach der ersten Ueber- xaschmrg und Entrüstung ob des jähen Ueberfalls spiirte sie jetzt nur ruxh Mitleid. Wie verzweifelt mußte die arme, narrische, kieiue Persou sein, wemr sie sich in Kannlles Gegemvart derartig gehen ließ, vor der sie ihre Sorgen INuo Mte bisher stets geschickt verbarg!"
„Laß ma, SDtttte/' tviedarholte sie, als die Alte nicht
gleich hörte. „Ich bin nicht müde, nicht abgespannt. Und wenn ich's wäre — du siehst ja, daß Fräulein Molden- brecher ernsten Kmnmer hat. Hier — nimm meinen Hut und den Staubmantel und laß uns allein —"
Fiddi Moll hatte schleunigst^mit Weinen aufgehört und lauschte begierig auf jedes trostreich dünkende Wort. Kamille sah ihre Herrin an — dann sie — dann wieder Marie seufzte und gehorchte schweigerck). Marie trat ins Wohnzimmer zurück, auf dessen Schwelle sie bisher gestandem nnd die Moll huschte gewandt hinter ihr hrnein, sah sich ängstlich um, ob auch Kamille wirklich fort war, und versuchte sich daun mit einem neuen Tränenstrom abermals in Maries Arm zu werfen.
2lber die war jetzt auf ihrer Hut. Sie zog sich hinter einen Stuhl zurück, dessen Lehne sie fest nmspamcke, mib deutete mit dem Kopf nach dem Sofa hinüber. . .
„Setzen Sie sich, bitte, nnd erzählen Sie vernünftig r befahl sie nicht ohne Strenge. „Ans Fhrein Briefe bin ich wirklich nicht ganz klug geworden. Aber Sie sehen, ich bin gekommen. Also reden Sie —"
Uixb Fiddi Moll redete. Oft von Schluchzen unterbrochen, weitschweifig nnd recht verworren. Aber schließlich schälte sich doch der Kern der Sache für die schweigsame Zuhörerin heraus: Die beiden gesck-äftsnnkuubigen Künstlerinnen hatten ihr Pensionat ganz ins Blaue hinein, ohne die geringsten Kemrtnisse, fast ohne Mittel begründet. Vticht nur die Möbel — nein auch Betten, Wäsche, Tafelgeschirr, Kücheneinrichtung, kurz, so gut wie alles war einem Ab- zahlungsgesck-äft entnommen. Die Zahlungen waren schon lange unregelmäßig erfolgt: jetzt stockten sie gänzlich. Ein paar Pensionäre hatten gekündigt, waren weggezogen —1 neue hatten sich nicht eingefnnden. Nun ivar das Ende da. Ein Eride mit Schrecken. Wenn sie bis übermorgen nicht zahlten, wirr de ihnen alles, alles wieder ans dem Hanse geholt — sie hatten damals blindlings einen Kontrakt unterzeichnet, wonach sämtliche Gegenstände bis zur Abzahlung des letzten Pfennigs Eigentum jenes Geschästs- nnternehmers blieben nnd von ihm zurückgenommen werden konnten, sobald die Zahlungen nicht pünktlich erfolgten.
Nun hatte Fiddi Moll alles aus ihrem krausen Herzen und Gehirn heransgeschüttelt. Sie saß stumm loeinend da, geduckt, wie ein Kind, das Prügel fürchtet — Maries kaltes Schweigen bedrückte sie immer mehr. Sie hatte sich das nach früheren Erfahrungen ganz bedeutend leichter gedacht!
AL er Marie schwieg wirklich nicht nur aus Vorsicht. Sie war erschrocken, aufrichtig erschrocken- Selbst ihr ungeübter Tatsachensinn sah ein, daß hier mit kleinen Mitteln nicht mehr zu helfen tvar. Hier mußte radikal eiugegrisfen werden — oder gar rächt. Und die Verantwortlichkeit lvar groß. Diesen unfähigen Unglücksweibern eine größere Snmnre Geldes vocschießen, hieß irn Grunde nur, ihren Leichtsurn, ihre Oberftächlichkeit unterstützen.
„Und da to-nmren Sie nun zu mir!" sagte Marie ver-


