Ausgabe 
18.4.1917
 
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©ritt» Scholz, so -letz btt fmtge Leutnant, wurde eS ganz warm Ums Herz, als er in das Pfarrhaus hineinkmn. Nachdem er drei lange Monate im Schlamm und Schnee herumgelegen l)atte, grad' Dnfrieden war, wenn man itachts ein Dach über sich und etwas Stroh Wider sich hatte, da mußte ihm das Pfarrhaus ja auch wie ein Palast Vorkommen.Europäische Mädel," wie er sich ausdrückte, Gardinen und alle die Kleinigkeiten, die unser verwöhnter Ge­schmack iu einem Mohnraum verlangt, machten die Zimmer behag­lich. Am meisten freute sich Hainz über einen schönen Flügel, da war also anzunehmen, daß irgendwer musikbegabt im Hause lvar, und Musrk, ach, lvie hatte man die die ganze Zeit entbehrt. Er füfcte der Frau Pfarrer, einer freundlickien, rundlichen, alten Dame Elterlich die Hand, tätschelte dem jüngsten Sohne des Pfarrers, Sever, der ihn neugiertg musterte, wohlwollend den Kopf fühlte sich überhaupt infolge der Freundlichkeit seiner Quartiergebcr und' der Umgebung sofort heimisch.Sagen Sie, Herr Leutnant," be­gann der Pfarrer ein Gespräch,wtie sieht es vorn au der Front aus?"O, sehr gut, die Russen verhalten sich ganz ruhig."Das ist gut, aber sagen Sie, wie lange wird dieser Krieg noch dauern?" ,Ha das weiß ich auch nicht," lachte Heinz,aber was wollen Sie, hier hinten ist ja der reinste Frieden. Ich habe mir vorhin den Kirchgang angesehen, das war wirklich ein sehr hübscher Anblick, die bunten Kleider und Tücher. Leider sieht man bei uns zu Hause dies immer weniger, denn unsere Bauern wollen städtisch gekleidet sein und verachten vielfach ihre altiiüerliefcrtc Tracht. Da ver­drängt nun Grau und Schwarz immer mehr die alte Fsrbenfteudtg- keit, es ist wirklich schade daruin." Hier sprang der kleine Sever herbei und sagte, sichtlich stolz auf seine Kenntnisse:Bitte, Herr Leutnant, zum Frühstück." Man erhob sich und ging hinüber. Am Tisck-e hantierte ein junges Mädchen.Melusha," rief der Pfarrer, ich möchte dir den Herrn Leutnant vorstellen." Dieser war ganz begeistert. Dieses süße, ovale Gesichlchen, wie sich der Spitzenkragen um das feine Hälschen legte, das Kleid leicht und luftig die ganze Gestalt umschloß, und die .lugen, diese großen, schwarz-n, strahlcn- den Augen! Mit der Sicherheit einer Dame sah das Mädchen ihn an, gab ihm die Hand:Es isttmir eine große Ehre, Herr Leutnant." Heinz strengte sein Gedächtnis an und sagte eine chm aus früheren Zeiten geläufige Phrase Demunverdienter Freundlick^eit" undzu schätzen Wissen". Bei Tisch beachte er das Gespräch mit großer Ge­wandtheit wieder auf Volkstrachten und von da ans Volkslieder. Er bemerkte bald, daß die Pfarrersfamilie äußerst mujtflit&enb war. Mau vertiefte sich in ein- Gespräch über Musil und bald saß man am Flügel. Melusha spielte, spielte erst ukrainische Volksweisen, daun, klassische Musik. Die wuchtige, männliche Musik Beethovens, die Weiche, wehmütig- schluchzende Chopins, die belveglichece Mendels­sohns »wechselten.

Für Heinz begann nun eine schöne Zeit. Wenn sein Dienst vorüber lvar, cklte er nach Hause und schnitt auf Tod uud Leben- Melusha die Cour. Er freute sich, wenn er sah, daß sie dem nicht gleichgültig gegenüber blieb, ein kleines Aber nxtr aber doch dabei. Er mußte an ein paar blaue, tteue Augen denken, die ihn beini Ab­schied damals so lieb uud traurig angesehen.Ich möchte Ihnen gerne etwas Liebes tun," Halls Lene damals gesagt. Ach er schlug sich vor den Kopf, er liebte das Mädchen lvahnsinnig, er vergötterte, er verehrte es, und sie nein, iwe hatte er nur so blind sein können! Einen wundervollen Frühling hatten sie zusammen verlebt, fröhlich uud ungezwungen. Sie l>atten zusammen gerudert, im Walde getollt, und er hatte sie verehrt, lvie ein Jüngling eben nur seine erste Liebe verehren und lieben kann. Mit jeuer Reinheit urtb Innigkeit, mit der er in der Geliebten den Inbegriff offen edlen Frauentums sieht, mit jenem Feuer und jener Ganzheit, mit der er sich für sie eher in Stt'icke schlagen ließe, als etwas Böses an sie heranzulasscn, mit jener Bescheidenheit, mit der er sich durch jeden svenndlid>en Blick, durch jeden .Händedruck beglückt fühlt. Er hatte seinem Idealewig tteu" bleiben wollen imb kam sich jetzt ordentlich schlecht vor. .Er beschloß, sich Melusha gegenüber zurückhaltender zu benehmen. Was empfcntd er auch für sie? Gew>, sie war schön, und wenn man aus dem Schn tz.rn graben kommt, du lieber Gott, dann freut man sich über ein hübsches Gesicht, über etwas Freund­lichkeit doppelt.

Melusha war eine echte Ruthenin, feurig, kokett, lebenslustig: aber iu dem kleinen Köpfchen saßen nicht nur niedliche Grillen und Launen, sondern auch ernstere Gedanken, die sie dann in ihrem drolligen Deutsch Heinz vvrtrng. Sie lieble Hein^. Gegensätze zie­hen sich mt, der etwas stille, blonde Jchnge gefiel ihr. Daß er bei seiner Jugend Offtzier nxtr, imponierte ihr, denn der deutsche Osfi-

1 N,er lvar ihr der Inbegriff der Tüchtigkeit und Tapferkeit. Sie jörte gern seine einfad)en Kriegserzählungen, in denen dasIch", ast nie vorkam, sondern immer durch das bescheidenereWir" er- etzt wurde. Es ärgerte sie, daß er sich so zurückzog, und sie suchte hu durch kleine Koketterien zu reizen. i

So saßen sie eines Tagi^s wieder zusammen am Flügel. Heinz verloren in den Anblick dieses bezaubernden GeschöcheS, Melusha wollt« gefallen, ihre Augen blitzten erregt, ihre Wangen glühten, alle Leidensclxrft, alle Hingebung legte sie in das Spiel. Sie sah hinreißend schön aus. Heinz wehrte sich dagegen, aber die Töne wahnven ihn gefangen, Musik entnervt, sie zwingt uns iu ihren Zanberbnnn. Heinz lauschte und ttäumte, eine süße Sehnsucht nach Liebe, Söiärme, Freude zog in sein Herz. Wenn er die Notenblätter umlegte, forftrte er die Wärme threS Körpers, den Duft ihrer Haare.

Er beugte sich Weiter vor, sekne Schulter berührte Lhre Schulter

da war es geschehen. Melusha wandte sich jäh, ihre Arme umschlaw gen seinen Hals, ihr Busen lv-vZte. ich ganzer Körper bebte, leiden- sckwftlich suchten ihre Augen ferne. Heinz schrak auf. doch die bren> rwnden schwarten Älugen hielten ihn feit. Blitzschnell ,chwirr5en ihm seine Vorsätze durch den Kopf, er dachte au Lene, doch sek feilt Tor, burdföuefte es ihn, hier furchst du, waS du dort ersehnst, Liebe, Leidenscl-aft, ach und er küßte die roten Lippen, die ihm «rtgegengehalten wurden, preßte den schlanVm Körper an sich, klißbe, küßte ohne Besinnung.

Aufatmend standen sie endlich gegenüber. Melusha drückte, sich auf den Zehen erhebend, iwch einen Kluß auf seinen Mund und huschte hinaus. Er sah ihr nach. Wtie war es doch gekommen? Es litt ihn nicht im Zimmer. Er stürmte hinaus in die kalte Winter­luft. Ha, wie der Schnee unter den Füßen krachte, wie eisig der Wind entgegenschlug, wie das kühlte. Nun hatte er doch, was er er­sehnte, weshalb jauchzte er denn nicht? Wienn Leite zu ihm freund­sich gewesen lvar, dann war er doch immar ganz selig gewesen. Liebte er Melusha? Nein, da war ein Mißton, das war nicht Liebe. Was hatte er empfunden, als er sie küßte? ' Das Weib hatte seine Sinne berauscht, ein Taumel lvar es gewesen. Es durfte nicht wie­der sein, er mußte ihr das sagen.

Er kehrte beim. Melusha kam ihm lächelitd entgegen. Trium- phiereitd, wie ihm schien. Da faßte ihn ein Zorn, daß ersich hatte so gehert lasselk. Der Rausch lvar verflogen.Fräulein Melusha." begann^er kalt,ich habe Sie tun Verzeihung zu bitten, wegen vor­hin." Sie lächelte und ivollte ihn lviedec umscküingen. Er trat zu­rück.Melusha," sagte er wärmer,verzeihen Sie, aber das darf nicht sein, daheiln . . .[ ." Sie verstand, blitzt« ihn zornig an, brach plötzlich in Tränelt ans und eilte fort.

Heinz sah ihr nach. Er war wohl doch etwa- zu schroff ge- .wesen. Doch was Hilsts. Es nxtr eben Krieg, und mit ihm wurde auch nicht sanft umgegangen. Sein Bewußtsein, richtig und ehrlich gehandelt zu haben, wurde aber doch etwas gestört. Unnrutig ging er fort zu den Kameraden, wo es wie immer fröhlich, übermütig und sorglos zuging.Wir trinken den Wein, und küssen die Maid traS lassen den Eulen das Klagen" klangs ibm entgegen. Er stürzte einen Becher hinab. Ja, das war der richtige Ton, nur nicht denken, warum sich alles noch schwerer machen.

Umüerreigen rmö Nmde Nieder im 5?öhling.

Der Frühling ist so recht die Zeit der Kinder. Froh, den engen Stuben rmh den langen Abenden entronnen zu seilt, ttun- meln sie sich drangen int Freien umher und beginnen nun alle die Spiele, die schon bei den llreltern uttd darüber hinaus bei früchren Generationen üblich rvarnr. Wohl die am meistert oer- brsiteten Spiele, nanventtich bei ben^l^m, sirw» der Reigen rmd ähmiclie Scheie. Dabei werden allerlei Lieder gesuugert, die auch schon uralt sind und die sich alle dein Gedankenkreis der Kinderwelt anschließen. Vielfach gibt es für das Zteigenschel noch besonder? Benennungen wie KreiSschelett, Knäuelmachen, Zamtdinden nn8 Zatn,lösen, und diesen versäriedenen NantQt entsprechend rmrd der Reigen im einzelnen and) nach recht mannigfacher 2lrt gescheit. Die Liedchen, die dabei zum Bortrag ftmmten, sürd oft voll von kindlichem .Hnnlor mtd kil»dliid)er Sd-aliheit.

So heißt es in einem Lieddren, das die Kiitder in verfrhiedetten Gegetlden Teiitsahlmrds sinaeit:

Tie Kuh, die flog ins Sd>ivalbemrest Viit zroanzig nuigert Ziegen.

Der Esel zog Pantoffeln an ltnb ivollte zu ihr fliegen.

Tie König irr von Porttigal,

Tie handelt mit Spinat.

Ter Stephansturnt vont Wiener Tal,

Ter nnrd alsbald Soldat.

Von Kinderchilichen und Kinderärmchen wt'rtxm beim RenMt- schel Zäune aiifgefüchtt, loobei daun imeder eine der Geschelimtert hinter dem Zaun Aufstellung rrehnten muß. Das Lied, das die Kinder dal>ei singen, lautet:

Wir wollert den Zaurl binden.

So lnnden wir den Zaun!

Tie .... (Name) hilbsch und fekn,

Soll in den Zaun gebunden sein.

So wird eine der Schelgefährtimteu nach der Mideren besun- aeit und in den Zaicn gebrmden, bis dann die Zannlöftmg beginnt. Tabet wird ein Liedd^m gesungett> in des es heißch:

Wir wollen den Zaun lösen.

So lösen rvir den Zaun!

Tie .... (Name) hübsd> und fei«,

Soll ans dem Zaun erlöset sein.

In einent Liedclien, das namentlid) in Nord- uud Ostdcutsd)- land gesungen nnrd, heißt es:

Tritt in de;t Ktris, du meine ^iosa.

Tritt in den Kreis, du meine Vlonur,

Tritt in den Kreis, mein allerletzter.

Ment allerletzter Trost!

Ist dann ein Mädd-en in den Kreis «ingetretcn, so muß diese znnäM das Einschlafen am Abend darstellen. Dabei wird der nächste Vers gesungen, in dem e^büßt: