mußt hi Betracht ziehen, in Ivelcher Umgebung sie.auf- gewachsen ist! Da, wurden id-evarti-g^ Themata nicht e-rfrctert!
„Aber fidler nicht!" sagte Marie bereitwillig. Die Familie Wiedenbrinck erstano vor ihrem geistigen Auge. Haus ging schweigsam auf und ab. Marie folgte ihm nachd-enklrch mit den Blicken, plötzlich sagte sie fast schüchtern:
„Sprich nnr immer zu mir, wenn's dir wirklich gnt tut, Hans! So bin ich doch hier zu etwas nütze! Deine Fron darf mich auch nicht nur als Gast betrachten, wenn ich wirklich ein Weilchen bei euch bleiben soll — sie muß mir schon erlauben, ihr ein ivenig im Hause zu helfen, ich versteheftetzt etwas davon, ich bin bei Mille in die Schule gegangen —"
„Das werben wir gern an nehmen^ nickte Hans dankbar und erfreut. „Vielleicht bekümmerst du dich gleich mal um den Kaffee? Das ist nämlich sonst mein Amt. Ich wecke unterdes die Gnädige und bringe sie wieder nach oben. Gar zu lange darf sie mir nachmittags nicht schlafen, das ist nicht gesund." Hans hielt zvgerno inne, tat ein paar Schritte der Tür zu, blieb stehen:
„Sie bedarf ein wenig der Schonung, die süße, kleine Frau," sagte er in einem po-ssierlicl)en Gemisch von Stolz und Verlegenheit. Er sah Marie dabei nicht an. Aber sie verstand ihn gar nicht.
„Ja, es ist wirklich sehr he-itz heute!" gab sie freuitdlich zur Antwort.
Worauf Haus belustigt auflachte und vergnügt pfeifend nach unten lief.
Die nächsten Tage vergingen sehr einförmig. Hans saß den ganzen Vormittag und einen großen Teil der Nachmittage an der Arbeit oder unternahm weite, einsame Spaziergänge, zn denen er die beiden Damen nie aufforderte. Seine Frau liebte Spazierengehen überhaupt nicht, und er nahm wohl an, daß Marie lieber bei ihr blieb. Sie entschädigte sich fite den Mangel an Bewegung durch ausgedehnte häusliche Tätigkeit. Es kan: ganz von selbst so, daß sie bald hier, halb dort helfend einsprang. Frau Elfriede duldete es lieblich lächelnd, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Ihre Miete sah begeistert zu, !venn das Fräulein Kuchen buk oder sie die Geheimnisse des Silberputzens lehrte. Im Lande der Blinden ist der Einäugige König. Marie gestand sich's in ehrlicher Selbsterkenntnis. Dieser gänzlich ahnungslosen Küchenfee, dieser grenzenlos gleichgültigen 5^aussrau gegenüber stellte sie wirklich schon so etwas wie eine wirtschaftliche Kraft vor.
Elfriede tat gar nichts, oder so gnt wie nichts. Sie ordnete hübsck)e Blumensträuße, sie ging ein wenig bin und her im Hanse, sie gab mit nichtigem Stirnrnnzeln Geld heraus. Im übrigen schonte und Pflegte sie sich. Und sah lieblich «ns und lächelte rntd wippte und girrte um Hans herum, schmiegte sich zärtlich an ihn und trieb ihn schließlich mit mahnenden Bitten an seine Arbeit zurück.
Während sie nachmittags ruhte, saß Marie stets bei chm in seinem Arbeitszimmerchen — oder kletterte, sobald es erst kühler ward, hinter ihm her durchs Fenster ans den Altan — und saß still da, während er schweigend oder in lebhafter Rede — je nach seiner augenblicklichen Stimmung — vor ihr auf und nieder ging.
Das waren chre Feierstunden, um derentwillen sie dablieb. Denn sonst war ein steigendes Unbehagen in ihr gegen dies ganze Hauswesen mit seinein Mangel an Ordnung und Sauberkeit, gegen die E.ingeengtheit und Interesselosigkeit ihres gemeinsamen Lebens, gegen die Frau, bereu Gast sie war. Gegen die Frau besonders, so redliche Mühe Marie sich auch gab, mit so freundlich geschmeidigen Worten auch Elfrrede sie umschmeick>elte — sie kamen sich keinen einzigen Schritt näher. Marie schalt sich, daß die Schuld nur an ihr lelber läge: ihre .Herbheit und Strenge, ihr unliebenswür- vrger Charakter stießen das sanfte, schmiegsame Weibchen zurück. Aber sie konnte nicht anders. Stocksteif stand oder saß sie da, ließ den milden Regen von Blicken, Lächeln, Händedrücken, frenndlick)en Worten über sich ergehen und bekam nichts weiter fertig, als dies alles wenigstens nicht srchtbar abznschütteln!
Gegen Abend ging man meist zu Dreien spazieren. Nicht weit und nicht rasch, denn beides liebte Elfriede nicht. Und iwch denl Abendessen stellte sich öfters Phipp Koch ein; Frau Elpnede erlaubte dann gnädig, daß man ihren Salon durch- -chrrtt, und man saß plaudernd auf deni Altan. Elsriede behandelte deil kleinen 2lpotheker mit besonderer Freundlichkeit und Rücksichtnahme.
„Er wird liicht lange mehr leben, passen Sie auf!" sagte sie, wichtig ihre Stirn kräuselnd, eines Abends vorm Zw- bettsgehen zu Marie. „Und daß er so ganz allein steht in der Welt — eigentlich feilten Menschen hat außer Hans —, das ist dock) sehr traurig — für ihn! Was hat er nun vor: all seinem Gelde? Denn er ist reich — oder wenigstens ver- mögeitb. Nein, ich habe es Hcnts schon oft gesagt: wir wollen uns seiner recht annehmen und ihn immer mehr ins Haus ziehen. Er soll doch fühlen, wie gnt wir's mit chm meinem Er soll auch Pate bei unserm Kindchen stehen —i hoffentlich erlebt er das doch noch!"
Marie stand zu Stein erstarrt. „Euer —> Kind ■—il M stammelte sie endlich.
Das liebenswürdige, etwas gezierte Lächeln der jungen Hausfrau bekam entschieden einen Strich ins Boshafte.
„Ja — haben Sie davon wirklich noch nichts gemerkt?" fragte sie leichthin und beschloß, .Hans den „unbezahlbaren Witz" nachher gleich brühwarm zu berichten. „Im Februar sott's ankommen," plauderte sie heiter, während Marie ab- gewandt stehen blieb. „Jetzt haben wir bald Oktober —» hnh! Ich wünschte, es wäre erst vorüber. Dazu lasse ich meine Mittler Herkommen — sie soll mich pflegen. Sie versteht etwas davon, hat ja selbst acht Kinder gehabt."
Frau Elfriede plauderte noch ein ganzes Weilchen fort, ohne daß sich Marie ans ihrer Erstarrung löste. Erst als sie die Schritte des jungen Hausherrn auf der Treppe hörte —> er hatte Phipp Koch hinausgelassen — kam wieder Leben in die versteinerte Gestalt. Sie murmelte ein paar Worte, die ntan mit etwas gutem Wollen für einen Gute-Nacht- Gruß halten konnte, und lftf nach oben, ehe noch Hans den erstell Treppeitabsatz erreichte.
(Öornetfimg folgt.)
wie Uirschbarierz Cito ins Elend kam.
Ter deutsche Michel ist leider auch im Weltkrieg nock> nicht ausgestvrben. Und er ist gefährlicher, als man glaubt. Denn er ist ein selbstsüchtiger Mann, der denkt, wenn es mir mir gut geht, was liegt am Vaterland, das ist doch nur für die Großen da. Darum möchte ich euch heute eiue Geschichte erzählen, eine Geschichte, von der wir sagen: Gott sei Dank, daß sie nich wahr ist und auch durch die Tapferkeit unserer Soldaten nicht wahr wird. Tie aber wahr würde, wenn der deutsche Michel mit seiner Selbste sucht ans Ituder käme. Also hört zu:
In ganz Talheim lvar festliche Freude. Waren doch die Männer uud Burschen l)eim gekommen aus dem langen Krieg. Was lag auch den Talheimern viel daran, daß der Krieg nach so viel Heldentaten und vergossenem Blut schließlich doch noch verloren gegangen n ar? In Deutschland waren die mächtig geworden, die nur au sich selber dachten. Das waren die, die nur in selber keine Not leiden wollten, wenn auch dje anderen darüber ^rlnmgerten! Ta l>atteu äe in Torf und Stadt die Nahrungsmittel versteckt uud zurückgehalten, hatten selber gelebt, als sei es im Frieden, und die Arbeiter in den Kriegsfabriken waren darüber vor Hunger ohnmächtig an ihren Arbeitsstellen zusammengebrochen, und als die Kriegsanleihe kam, hatten sie erklärt: wir zeichnen nrchts, die Großen sollen aufhören, wer wollen unsere Männer uud Sohne nicht in den Krieg lassen. Wohl hatten einsichtige Männer gewarnt, hatten gesagt, cs ist ein Verbrechen an euren Kälbern und Enkeln, wenn wir setzt Frieden schließen, gerade vor dem Siea aber der deutsche Michel gab nicht nach, und die deutschen Sütatsmänner mußten Frieden schließen.
Tie Engländer hatten als erste Bedingung für die Frirdeusver- handlimgen verlangt: das deutsch Heer muß lwimgeschickt und die deutsch Flotte muß ausgeliefert lverden. Kaum lvar aber das geschehen, so besetzten sie selbst alle deutschen Häsen, englisch und französisch Trupven rückten in der Psalz, Rheinhessen, Rheiuproviuz uud Elsab-Lothringen ein und besetzten auch noch das westfälisch Industriegebiet. Ganz Ost- urrd Weslpreußen, Schlesien uud Polen kameil unter russisch Verwaltung. Deutschland niußte die Kriegsentschädigung für sämtlich feindlichen Staaten einschließlich Serbien, Montenegro und Rumänien überliehmen mit 300 Milliarden. Das kümnierte fteilich die Talheimer wenig in ihrer Festesfreude Sie jubelten und jauchzten, daß sie ihre Männer und Burschen unederhatten, und die. l)eimgekehrten Soldaten jubelten mir i'uuen. Nur ganz wenige waren miter ihnen, die mit ernsten Gesicheru dem Festjubel aus dem Weg gingen. Unter diesen wenigen war auch Klrschbauers Otto.
Ter alte Kirschbauer lvar der reichste Mann in ganz Talheim Und er bildete sich eiu< in seiner Gegend mit am meisten Schuld am Frieden zu sein. Wieviel Frucht und Kartoffeln er zu wenig angegeben hatte, hätte er selber kaum sagen können, und seine Muchkanne, die er zur Molkerei schickte, Ivurde von Tag zn Tag leerer. Er meinte, die Faulenzer in der Stadt hätten immer noch genug, und als ihm der.Herr Lehrer einmal von der Not der Munitionsarbeiter erzählte, ba zuckte er die Achseln, die mochten ja die Arbeit liegen lassen, dann gabs auch 'Frieden. Uub als die Kriegsanleihe kam, da ging er von Haus zu Hans und sagte: Zeicl-net


