Ausgabe 
31.3.1917
 
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51t zeigen, unb sie stieg qm selben Nachmittag in die dritte, Etage hinauf.

Ein P-appschild trug die Namen, mit roter Tinte kalU- araphisch schön hingemalt:Friederike Mollenbrecher und Meta Stilling, Pensionat für In- und Llltsllinder". Die Korridortür stand offen, unb eine kreischende Weiberstunme rief drinnen, ehe mxh Marie läuten tonnte:

Nein, das tue ich nicht! Hier lassen tue ich ihr nich! Wenn Sie die Wäsche nich bezahlen können, nehme ich ihr

eben wieder mit." ^ ^

Mer liebe Frau Müller", erhob sich llangvoll eine ziveite Stimme, die Marie als die des Fräulein Meta Stilling erkannte.Sie müssen dort) gerecht sein? Meine Freundin, die die Kcrsse Mhrt, ist gerade ausgegangen, und ich Hab' zufällig kein Geld bei mir"

Kennen wir! Kennen wir! Airsreden haben wir immer? Nee, nee, diesmal lasse ick mir nich wieder übers Ohr hauen, wie die beiden letzten Male. da ts auch immer noch nichts von bezahlt! Die Wäsche nehm' ick mit Punktum un verklagen werde ick Ihnen auchf"

Marie wollte sich gerade wieder leise zurückziehen und ihren Besuch ans einen gelegeneren Zertpunkt verschieben, als die Tür völlig aufflog und dieliebe Frau Müller" hohnlachend erschien, hinter ihr nrit stiller Duldermiene die Dame des Hauses.

Sie erblickte Marie und errötete in peinvotler Verlegen­heit, und auch Marie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg ans ehrlichem Mitgefühl.

Rasch entschlossen trat sie an der Waschfrau vorüber in den schmalen Korridor und drückte Fräulein Stilling, ohne sie anzusehen, ihr eigenes Portemonnaie iu die Hand.

Bitte," flüsterte sie nrit herzklopsender Befangenheit, nehmen Sie dies ja? Tun Sie mir den Gefallen und bezahlen Sie die Frau davon Sie geben nnr's gelegent­lich wieder"

Es tvar schwer zu eirtscheiden, wer von den beiden anderen am erstauntesten ans sah. Die Sängerin faßte sich zuerst.

Sie sind sehr gütig," stammelte sie.Sie bekom­men das Geld sofort wieder

Es hat keine Me," sagte Marie frohen. Herzens' und wandte sich taktvoll ab, während Fräulein Stilling sehr rasch mit der Waschfrau abrerhnete. Frau Müller hatte sich von ihrem erstell lvortlosen Staturen erholt und benutzte die günstige Gelegeilheit, um sich auch noch die beiden aus- stehenden Wäscherechnungen bezahlen zu lassen.

Es sind im ganzen einundzlvanzrg Mark und siebzig Pfennige," tvandte sich Meta Stittilrg nrit wiedergewom rrener würdevoller Ruhe an ihre Geldgeberin.Sie ge­statten, daß ich Ihnen eine Bescheinigung darüber ausstelle."

Mer das ist ja ganz uno gar nicht nötig!" rief Marie eifrig, während sie ihre erleichterte Börse tvieder einsteckte. Krau Müller ging kopfschüttelnd die Treppe hinab und stellte nnerlich fest, daß es doch noch immer viel dumme Leute in )er Welt gebe. Marie wäre ihr am liebsten gefolgt sie ühlte sich unsäglich befangen und wagte es kaunr, Frau- ein Meta anzusehen Mer diese selbst schien ihre anfäng­liche Verlegenheit airss glücklichste überwunden zu haben.

Sie ging mit einem liebenswürdigen Lächellr über Ma>- ries Antwort himveg, öffnete eine Seitentür unb forderte den Gast etwas herablassend auf, näherzutreten. Kein Wort ftel mehr über die leidige Geldangelegenheit, und Marie lauschte erleichterten Herzens der würdig abgemessenen, mit Zitaten geschmackvoll verbrämten Unterhaltung ihrer neuen Bekannten.

Nach kaum zwei Minuten öffnete sich vorsichtig die Tür und Fräulein Fiddi Molls pikantes Aefschengesicht lugte hinein.

Ist sie wirklich ganz fort?" hacuhte sie ängstlich.

Ihre Freundin stand würdevoll auf.

Wir haben Besuch, Fiddi," erklärte sie kalt. Jetzt sah Fränlcm Fiddi Marie und hüpfte freudig erregt auf sie zu.

O, und solch lieben Besuch -- nicht wahr!" rief sie glückstrahlend. Marie entging mit knapper Not einer Um­armung. Sie saß etwas benommen unter dem Wortschwall, Vr sich über sie ergoß.

Ich habe mich in der Speisekammer versteckt gehabt; ich fürchtete, das rabiate Frauenzimmer könnte im ganzen Hanse nach mir herumschnüfseln," erklärte Fiddi Moll höchst offenherzig.Solch eine Unverschämtheit, an der Bordertür Ifu klingeln, als ob sie ein Besuch »väre> bloß weil ich ein

paarmal die Küchentür nicht aufgemacht hatte nicht wahr? Die Leute sind alle voll eurer Unkulanz. Wret bist du sie eigentlich schließlich los geworden, Meta? Ich sah die Wäsche im Korridor liegen-"

Fräulein Meta hatte vergebens versucht, einige war­nende, znnl Schweigen mahnende Winke anzubringen. Marie fühlte tiefstes Mitleid mit ihr und stellte rasch eine Zwi- schensrage nach der augenblicklichen Besetzung der Pension, der Fräulein Fiddis Redestrom sofort rn andere Bahnen lenkte.

Erfreulich ward die Unterhaltung freilich auch nicht gleich; Fiddi Moll klagte erheblich. Aber ihre Freundin schnitt ihr endlich das Wort ab urrd sprach witzig, geschcidt, in wohlgenuideten Sätzen über das Berliner Pensionats'- Wesen im allgemeineu. Sie wurde rite persönlich. Ihre glatte, elegallte Unterhaltung lieh ihrell Gast die ersten unangenehmen Eindrücke vergessen, und heiter und an­geregt ging Marie schließlich davoil. Sie hatte seit längerer Zeit den Umgang mit einer gebildeten, unterrichteten Frau, völlig entbehrt wohl überhaupt noch nicht viel genossen verwöhnt war sie jedenfalls nicht im geringsten und in ihrer erstickenden Herzenseinsamkeit fand sie's ebenso neu wie köstlich, daß man ihre Gesellschaft suchte und wertschätzte, schätzte, wie es hier ganz zweifellos der Fall war.,

Vielleicht sprach da auch etwas geschmeichelte Eitelkeit mit. Fräulein Fiddis Bewunderung zum mindesten war gar zu naiv-schwärmerisch, um nicht insgeheim wohlzutun die Hauptsache aber blieb doch immer: hier waren Menschen, die ihr Freundliches entgegenbrachten, denen sie Freundliches er­weisen durste!

Sie fand bald und immer öfter Gelegenheit, sich den neuen Bekannten freundlich zu erweisen. Ihrem unter Ka- milles Anleitung geschärften Haussrauenblick entging nicht, auf wie schwachen Füßen das Unternehmen der beiden Frenn- dinnen stand, wie wenig sie die Fähigkeit und die Mittel be­saßen, es ertragreich zu gestalten.-Ehrlich und demütig

schlug .sich Marie an die Brust und bekannte:Grad so wär's mir unter ähnlichen Verhältnissen ergangen! Und sie ertrug Kamilles häusliche Herrschsucht mit heiterem Gleichmut, ja mit Dankbarkeit. Sie lernte ihr eigenes Heim höher schätzen, seitdem sie Einsicht in das zerfahrene, schmuddlige Hauswesen der Anderen getan hatte. Sie spürte auch ihnen gegenüber

etwas wie dankbare Rührung.-

(Fortsetzung folgt.)

Des Dichters Sonntag.

Dort PaulAlexanderScheitler.

Tie Sonne war heute besonders früh aufgestairden und schritt majestätisch durch die Straßen der Stadt. Für jedes Fenster hatte sie ein Lächeln bereit, über jede Blume streichelte chr goldener Finger. Bon ihrem goldroten Atlaskleid schimmerte irr die ver­borgensten Gäßchen ein Zipfelchen, urrd wie sie strahlend durch den Tag ging, königlich, musizierte das Orchester der Pögel und harfte der mutwillige Frühwind in den Bäumen eine Sonntags-- musik.

Tie Menschen saßen im Gotteshaus und sangen zum Orgel­klang. Bor den bmtten Kirchenfensteru aber stand die Soime und lauschte und ivartete utib malte zum Zeitvertreib lauter bunt flimmernde Heiligenbilder an die Altarwände, lauter glitzernde, glimmernde Heiligenscheine. Es n>au, als wollten sich die blin­kenden Lichtringlein zu Ketten und Netzen verschmelzen, mit denen die Gleißende die Menschen einsing und sie mrt sich nahm, hinaus iu die freie Gottes Ivel t. Wie jener sagenhafte Rattenfänger schritt sie voran, und aus oer Stadt folgten ihr reichgeputzte Menschen in me Helle Flur, in Wiesen, Wälder und Berge. Junge und Alte strömten ihr nach aus der eiMn Stadt, den sonnigen Lag zu ge­nießen.

Nur einer folgte der Lockende,, nicht, obwohl sie lange vor seinem Fenster stand uird winkte, wie eine Liebste, die auf den Liebsten wartet. Ter Dichter, der droben im Mausardeustübchen 1>auste, dem Himmel näher als den Menschen^ er hatte das Fen­ier aufgestoßen mrd blieb wie gebannt von der köstlichen Morgen- rische des Sonntags am Fenster gestützt. Er sah in den weit ges­pannten, seidig glänzenden Archer, in dem das Sonuengold wie in einen, Tiegel schmolz und kochte, er sah das Lichtgold Berge und Wälder überrieseln, sah es über die Dächer sich ergießen mrd auf die Gassen tropfen, sah es im Spiegel der Fenster anfblitzen und. selbst in der trüben Lache des Straßengrabens wie flüssiges Gold schimmern und sprühen. In seinem eigenen Blute fühlte er's brodeln und sieden, in seinen Ohren sang und summte es, wie eine Sinfonie der Schönheit

Er sah Jnuae mck> Alte mit feierlicl>em Gesicht ans den Türen treten und gravitätisch die Gassen hinabspazieren. Paattoeise oder iu Gruppen strebten sie hinaus in di« sonnenver-artberte Land-