Ausgabe 
31.3.1917
 
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Pechmarie und Hans im Glück.

Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C. v. D o r n a u. Nachdruck und Uebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.

(Fortsetzung.)

Marie saß gerade und steif auf einem Rohrstuhl ihr gegenüber und besah sich den ungebetenen Gast. Bisher war er' mit einer Gelenkigkeit und Flinkigkeit umhergehnscht, daß sie den undeutlichen Eindruck eines losgetaslenen lless- chens einpfing. Nun sah sie, daß das schmale Gesnhtcyen auch von geradezu affenartiger Häßlichkeit war.

Meta und ich, wir sind sehr, sehr innig befreundet/" plauderte ihre Besucherin unterdes.Wir haben ja auch jedes nur noch das andere wir stehen völlig allem und verlassen in der Welt. Das ist bitter und schwer zu ertragen r- nicht wahr, Fräulein Krumpa? Aber srellich Sie werden davon nichts wissen, Sie haben gewiß unzählige liebe Freunde und VerwandteV

Da irren Sie doch," sagte Marie kühlMir geht's gerade so wie Ihnen. Nein, noch weniger gut: Meme alte Kamille ist der einzige Mensch, den ich in der Welt habe.

JD, Sie Arme! Sie Aermste! Kamille-das ist

Ihre alte Wirtschafterin, nicht wahr? Ja, von der werden Sie allerdings wohl kaum geistige Anregung empfangen! Da haven's Meta und ich doch wirklich besser. So ver­schieden wir sind wir sind sehr verschieden so gut ver­stehen wir uns doch. Wir lesen, wir Plaudern, wrr phllo,o- phieren. Sobald wir Feit haben, natürlich. >zch spbzrell habe ja natürlich viel zu tun. Obgleich unser Pensionat leider nicht voll besetzt ist. Nein, leider nicht. Sieben Zim­mer und nur vier Logiergäste. Ja, es ist bitter. Wir müssen uns plagen. Mer wir tragen's doch gemeinsam - nicht

wahr?" . ^

Das ist die Hauptsache," sagte Maria, zum ersten Male sympathisch berührt. Sie übersah erst jetzt, wie fadenscheinig das schwarzseidene Mäntelchen, wie dürftig der Federschmuck auf dem Hute ihrer Besucherin war. Eine ehemalige Schau­spielerin!'Die sich jetzt mühsam ihr tägliches Brot mit Zinnnervermieten verdiente! Mehr schien ihrPensionat" doch nicht zu bedeuten.

Und die andere Freundin, die stolze, stattliche Wenn sie wirklich dienamhafte" Sängerin wäre, für die sie sich -anscheinend selbst hielt, hätte sie wohl kaum nötig gehabt, den kümmerlichen Lebenserwerb der Freundin 51 t teilen.'

Ein warmes Mitteidsgesühl wallte in Marie aus. Unb, vielleicht zum ersten Male ein Dankgefühl gegen den tpten Wohltäter, der sie ans dieser Kleinlichkeitsmisere für immer hermtzögeh-o.ben, ihr die Möglichkeit der freien Selbstbestim­mung gegeben hatte,

Ihr Gast plauderte unentwegt tveitev, währen- sie nach­denklich .urzuhören schien. Hans Jmhoff hatte eS gesagt:

Marie verstand so prachtvoll zuzuhören! Die Mitteilungen ver kteineii Schauspielerin wurden immer persönlicher, hmtter herzbrechender Dazwischen spazierten die munterer Aeuglein unbefangen im Zimmer hin und her durch die offene 9?ebeutür ins Speisezimmer hinüber, wo jetzt Krv- mille erschien und sorgsam den Eßtisch zu decken begann.

O, Sie haben's ant!" seufzte Fiddi Moll plötzlich mitten in die rührselige Schilderung einer schmachvollen Intrige hinein, die sie einstinals vom Pyrmonter Kur­theater vertrieben hatte.Sie habeu's gut nicht tvahr? Ich sehe Ihre alte Wirtschafterin nebenan checken wie pünktlich und eigen sie das macht! Sie ist sehr tüchtig^ nicht lvahr? Wir haben immer schlechte Dienstboten>

Sie können sicb's gar nicht vorstellen, wie viel Not und Aerger ich damit habe

O doch!" sagte Marie freundlich.Ick) verstehe es sehr loohl. Ja, Sie haben recht, mir geht's gut mit meiner alten Kamille. Sie ist fteilich auch nicht eigentlich ein Dienstbote, sondern mehr eine alte, lieoe Freundin mto Vertraute."

Sie stand auf, iutb der Gast erhob sich gleichfalls ellvas rstaunt. Es kanr Marie eben so vor, als ob der Besuch

mn lange genn oürde außer si

gedauert hatte, und sie nmßte, Kamille niivv uupci | mj sein, wenn dev Fischanflauf verdürbe. Üarie hatte ja nun bereits gelernt, daß ein Auflauf kem mg es Warten verträgt! t t ..

Sie reichte Fräulein Fiddi Moll verabschiedend me and und versprach, bald einmal nach oben zu kommen und eit Besuch zu erwidern. Fräulein Fiddi faird nach kurzer lerlegenheitspause. ihren Redefluß wieder; sie sagte Marre och tausend Liebenswürdigkeiten, und so lchloß diese »taats- und Anstandsvisite zll beiderseitiger Zufriedenheit, vmille betrachtete die fortgehende Fremde, die mich chr och rasch ein paar Begrüßungs-Worte widmete, mit mrß- .anischer Unzufriedenheit.

Was is denn das? Was will denn das bei dir 2" rnniinte sie, als knapp die Wohnungstür ins Schloß ge­ilten war.

Marie setzte ihr auseinander, daß das Fräulein eine 'ensionsinhaberin aus dem dritten Stock und die Freundin er netten Dame sei, die sie heute vorniittag auf der Hinter- ?eppe kennen gelernt hätten.

So! Von der!" Kainille schien leidlich besänftigt.Das ; ein vernünftiges Frauenzimmer. Ich kenne sie schm: ie ganze Welle. Wir reden öfters zusammen. Sie hat mich uch schon 'mal geftagt, lvas du eigentlich wärst und so den auzen Tag cnrftugst Aber ich habe ihr geantwortet, du itest gar nichts lvir hätten das' nicht nötig, wir waren Rentiers! Damals hattest du noch nicht die närr'sche Idee lll dem Koche::- und Wirtschaften-Lernenckvollen "

Avei Tage später gab Fräulein Meta Stll- ng ihre Bisllenkarte ab, während Marie ihren tägliche^ ewewlrßten Ausflug uirternahm. Marie hielt's rmn doch rr angebracht, sich für soviel Aufmerksamkeit erkeimtlich

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