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(ein ihres Lebens auf bewegteres Fahrwasser hinauszusteuern.
Sie stand plättend in ihrer hübsch aufgeräumten Küche, als sich draußen, auf der Hintertreppe, ein ziemlich heftiges Wortgefecht erhob, dessen Klänge bis zu ihr hinaufdrangen.
Sie unterschied Kamilles scharf zugespitztes Organ und -sfnete hastig die Hintertür, bereit, ihre streitlustige Duenna nötigenfalls mit einiger Gewalt hineinzuholen.
Aber das Gefecht schien bereits zu Ende. Ein zurück- zeschlagenes weibliches Wesen flüchtete gerade mit Kehrblech »nd Besen in das Kellergeschoß hinab; Kamille setzte voll triumphierender Kraft ihren leeren Mülleimer auf die Küchentürschwclle, .und eine große, sehr stattliche Dame, die einige Stufen über ihr am Geländer lehnte, nickte ihr beruhigend und wohlwollend einen Gruß zu.
„So ist's recht, liebe Frau!" lobte sie. „Alles darf man sich nicht gefallen lassen! Sie sind viel zu nachsichtig und geduldig!"
Es War eine von Milles Schwächen, sich selbst für außerordentlich friedfertig zu halten. Die zahllosen Kämpfe mehr oder weniger ernster Art, die ihren Leoensgang begleiteten, waren ausschließliche die Schuld ihrer kriegerisch gesinnten Mitwelt. Sie betrachtete daher das Lob der fremden Dame als völlig glaubwürdig und verdient.
„Bin ich auch," knurrte sie. „Die dämlichen Leute wollen's nur nicht einsehen. Morgen!"
Und sie drückte fick) nach' einem schwachen Versuche, sveundlich, ja höflich zu grüßen, an Marie vorbei in ihr eigenstes Bereich zurück.
„Guten Morgen, liebe Frau!" versetzte die Dame liebenswürdig. Dann sah sie Marie an und lächelte: „Es kann der Beste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt!" Guten Morsen, Fräulein Krumpa! Ich freue mich, auf diese überraschte Meise unsere Bekanntschaft zu erneuern."
„Sie kennen mich —I" rief Marie erstaunt. Sie trat auf den engen Treppenabsatz hinaus und blickte zweifelnd «uf die Fremde, die von ihrer stolzen Höhe gnädig auf fte herablächelte.
„Ja, ich kenne Sie," sprach die Stattliche. „Wir haben fm vorigen Herbst zwei Tage in derselben Pension gewohnt. In der Steglitzer Straße — nicht wahr? Ich hielt's dort nicht aus — es gefiel mir nicht — ich haLe jetzt mit eines Freundin zusammen, hier im Hause, im dritten Stock, selbst eine kleine Fremdenpension begonnen. Sie werden meinen Namen übrigens sicher schon gehört haben: ich heiße Meta Gtilling."
„Ich bedauere — ich kann mich wirklich nicht entsinnen —"
Ein Mick unendlichen Mitleids fiel die drei oder vier Sinsen hernieder auf Marie Krumpas Haupt.
„Nicht? Sonderbar!" klang's ein wenig gedehnt herab, habe schon mehrfach in namhaften Konzerten gesungen. ier Sie sind wohl gänzlich unmusikalisch?"
Marie gestand etwas beschämt, daß dies der Fall sei, und die imposante Dame hatte die Güte, die paar Stufen zu ihr hinabzusteigen und ihr tröstend und verzeihend die Hand zu reichen:
„Es muß auch solche Käuze geben", versicherte sie liebenswürdig. „Auf Wiedersehen, Fräulein Krumpa — ich hoffe, daß Sie uns bald besuchen werden!"
Sie nickte noch einmal gönnerhaft und stieg wieder nach oben, während Marie ihr ziemlich verdutzt nachstaunte .
Eine Stunde darauf wurde heftig an der-Bordertür der geklingelt. Marie ging selbst öffnen, da Kamilla beschäftigt war, und sah eine kleine, zierliche Dame unbc-- nimmten Alters vor sich, die sofort mit ausgestreckten Händen auf ne zuschoß.
S r 7^^.'Südlich!" rief sie. „Wie Hab' ich diese Stunde rbeigesehut! Mem teures Fräulein - Sie gestatten, daß Sw umarme? Schon längst hätte ich versucht, in Ihr liebes Heim cmzltdrmgen, in Ihre Nähe — aber die äußerliche Veranlassung fehlte mir noch dazu. Wir sind ja alle die Sklaven äußerlichen Formenwesens, nicht wahr? Jetzt ist es mei- ner glücklicheren Freundin gelungen, Freundschaft mit Ihnen zu schließen — sie erzählte mir von Ihrem drolligen Zusam- meiitreffen, und da trieb's mich unaufhaltsam zu Ihnen —"
Marie fand jetzt zum ersten Male Zeit, einige Worte -inzuwerfen.
.Aber —" stammelte sie, „ich ioeiß ja gar nicht —"
„£)! Hab' ich vergessen, mich vorzustellen? Ich bin Fiddi Moll — Meta Stillings Freundin, Frdoi Moll —"
„Fiddi Moll?" wiederholte Marie ein wenig zweifelhaft.
„Ja, so heiß' ich. Das heißt: das ist mein Künstlername. Ich war Schauspielerin. Es klingt so drollig, nicht wahr? —! Fiddi Mols. In Wirklichkeit heiße ich Friederike Molleir- b rech er. Huh! Ein schrecklicher Name, nickt wahr? Ich bin riesig auf Ihre Häuslichkeit gespannt. Ich habe Sie immer schon aus der Entfernung bewunderst und darüber nachgedacht, wie's wohl bei Ihnen aussehen mag
An der fassungslosen Marie vorbei schwirrte das kleine Wesen durch die offengebliebene Wohnstubentür. Marie folgte ihm, gelinde belustigt, wie es nickend mrd wippend, unter unaufhörlichem Plaudern und Gelächter, hin uno her schoß-
„Wollen Sie aber nicht lieber Matz nehmen?" fragte sie schließlich ganz benommen, grad' als die Kreiste ihre Inspektionsreise ins Eßzimmer ausdehnen wollte.
„Platz nehmen? Aber natürlich! Aber gern!" Fiddi Moll versank in einen bequemen Urväterlehnstuhl. „Gott, wie süß der ist!" Sie betastete prüfend Polster und Bezug. „Hier gehe ich überhaupt gar nicht mehr draus weg!" erklärte sie vergnügt und kuschelte ihr winziges Körperchen noch tiefer hinein.
(Fortsetzung folgt.)
Der offene Uopf
• Bon Alfred Bo ck.
Dem Hannwilm am Bach sind kurz vor Ausbruch des Kriegs Vater und Mutter gestorben. Nun steht er als Fußardiklerist im Osten. „Man kam: nicht wissen, wie lange die Sache noch danert", hat er an seinen Vetter geschrieben, „ich will derweil meine Aecker verpachten. Sei so gut und fchaff's in die Reih."
Ter Petter fetzt'sich hinter den Ofen imd stellt über den Auftrag, der ihm erteilt worden ist, tiefsinnige Betrachtungen an. >,Tie Pächter," simeliert er, „vertummeln geliehen Gut. Hinterher hat der Hcumwilm das Ohrenkvatzien., Was soll ich Machen? He steht im Feld, ich muß ihm den Willen tun!"
Der Petter erhebt sich, geht zum Dorsoberhaupt und trägt den .Fall vor. Der Bürgermeister spricht: „Ter Hannwilm is ein kuranter Kerl. Dem müssen wir helfen!"
Heut sind dein Hannwilm seine Aecker im Gemeindehaus verpachtet worden.
Ter Bürgermeister bispert dein Beigeordneten zu: „'s war ein überspannter Verstrich!"
Er hat ganz recht. Bon beit großen und mittelschlägigen Bauern hat einer den andern getrieben, und mancher ist an hohem Steigpreis hängen geblieben.
Der Eisenkrämer, ein angesehener Mann im Ort, ist auch erschienen. Er hat aber nicht mitgeboten. Jetzt fährt er mit der Hand über das glattrasierte Kinn und spricht: „Wo was is, rieselt das Korn die Trepp' herunter. Ta sieht man's, 's is doch noch Geld unter den Leut'. Ihr könnt bald wieder was ans die Zündpfann legen: 's kommt eine neue Kciegsanleih'!"
Tie Gesichter der Bauern werden ehern — ernst. Ei Gewerzel, schon wieder eine neue Kriegsanleih'! Tie Aecker, die sie eben um hohen Preis gepachtet haben, müssen sie im Schweiße ihres Singe sichts zackern. Aber Acker bleibt Acker. Was man ihm gibt, das gibt er wieder. Und die Kriegsanleihe, die ihnen mühelos reiche Zinsen bringt? Papperlapapp! Ta liegt was im Wirbel! Alls reden sie durcheinander.
„Wo kommt das viele Geld dann hin?"
„Wer kann wissen, rvas draus wird?"
„Wann das Schuldenmachen so weitergeht, sind wir kapponiert!"
„Je mehr wir geben, desto länger dauert der Krieg!"
„Wir sind das Kommandiertwerden müd'. Früher war der Bauer ein freier Mann. Alleweil stecken die Herren Beamten überall ihre Nas' herein!"
„Ich tu mein Geld ans die Sparkass', da weiß ich, wo's liegt
„Tie reichen Kaufleut und die Munttionslieferanten müssen heran. Tw kriegens dreidoppelt wieder heraus. Wir brauchen unsere Klapperkreuzer für unser Vieh!"
einer Ecke sitz der Peter Seipp, genannt das Donner- kräutche, und gillert:
. „Ei du liebes Gottche! Wann ich nochcmal zeichcn, kratzt mir meine Frau die Slugen aus!"
Ter Bürgermeister hüllt sich in Schweigen.
Ter Eisenkrämer aber steht mit einemal auf, räuspert sich und spricht:
„Gebrüder, laßt mich auch emal was schwätzen. Gest hat mir mein .HeUlrich aus Frankreich geschrieben. In dein Torf, wo he liegt, werden die Bauersleut morgens zur Arbeit geführt Einer dein sein Hof verrminiert is, kam bei mein' Sohn und sagtp «Früher loar ich stolz und frei!" Und bat geuxnnt wie ein Kind, s gab meinem Heinrich ein' Stich ins Herz. „Wären die Enge lünder zu euch gekommen," schreibt er, „hätten sie euch vor den


