Pechmarie und Hans im Glück.
-Die Geschichte einer Iugendfreundschast von C. v. D o r n a vl Nachdruck und Ueberseyungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
„Ich habe etwas mit dir zu besprechen, Mille," sagte Marie und setzte sich aus eine Ecke des Küchentisches.
Mille schob die Brille hoch, etwas verwundert durch die ungewohnte Feierlichkeit in Maries Ton.
„Na?" brummte sie. „Wird was Gescheites sein —"
„Ja. Etwas sehr Gescheites. — — Ich will arbeiten, Mille! Ich muH arbeiten! Ich muß etwas zu tun haben! Ich Hab' die Pflicht gegen mich selber, ganz abgesehen davon, daß ich's meinen Mitmenschen schuldig bin."
„Unsinn! Kernern Menschen bist du 'was schuldig! Wie kommst du nur darauf? Da müßte ich d-och auch etwas wissen!"
„Du verstehst mich nicht richtig, gute Mille," sagte Marie gednldia und stückte näher an die alte Kinderfrau heran. „Aber das kann ich auch gar nicht von dir erwarten, weil- ich,ja selbst erst eben dahinter gekommen bin. Nimm's nur auf Treu und Glauben, was ich dir sage. Wenn ich nicht bald was Ordentliches zu trm kriege, werde ich schlankweg verrückt! Manchmal habe ich schon halb und halb gefürchtet, es zu sein, diese ganze Zeit über
„Min, was redest du da für Zeug!" rief Kamille erzürnt. „Da Hab' ich nie was von gemerkt, mrd ich Hütte doch was merken müssen.-Du bist ganz so wie immer ge
wesen —"
„Meinst du wirklich? Dann war vielleicht die Anlage iinuner bei mir vorhanden. Jedenfalls lveiß ich jetzt, wie ich mir allein helfen kann: Durch ernste, tüchtige, zielbewußte Urbeiit für andere."
„Für andere! "kreischte Kamille. „Hat man je so was gehört! Für was für andre Leute denn?"
„Die 's nötig haben, die mich brauchen können! Es gibt ja leider Gottes so viele arme, elende, unglückliche Menschen in der Welt —"
„Undankbare Leute gibt's in der Welt! 'ne ganze Menge! Lern' das Volk nur erst kennen! Und für die willst du arbeiten!? Arbeiten! Was denn? Suppen kochen in der Volksküche etwa? Du kannst ja noch gar keine Suppe kochen, he!"
, Marie bog sich vor und sah der alten Getreuen neckend in die zürnenden Augen.
„Du bist ein prachtvoller Mensch, Mille," sagte sie förm- lrch heiter. „Während du mit einem zankst, bringst du einen immer auf die besten Gedanken. Als ich eben herauskam, Wichte ich noch gar nicht, wie ich's anfangen sollte. Jetzt wech ich's. Natürlich muß ich erst selber etwas versieben, ehe rch anderen helfen kann. Ich werde von morgen früh an bei drr m die Lehre gehen, Mille. Mein Lehen lang habe ich Immer nur hinter den Bilchern in der Schule gesteckt . . .
Als Lernende, als Lehrende. Im praktischen Leben bin ich jo dumm wie eine Wickelpuppe. Von morgen au wird gekocht, gewaschen, geplättet, genäht —"
„Ach, Unsinn! Das hast du all uich nötig! Dazu bin uh da! Das besorg' ich allein, so lange ich lebe?"
„Und später? Was dann? Wenn du mich einmal Haft allein lassen müssen?" fragte Marie sehr ernsthaft.
Sie hatte den Arrn Kamilles gefaßt und sah sie fest an: ihre schönen, dunklen Augen waren ganz tief und nachtschwarz geworden. Die Alte blickte scheu hinein und senkte die ihren.
„Na, denn — meinetwegen!" knurrte sie. „Wenn's dir
Spaß macht-. Da kannst du ja meinetwegen 'n bißchen
mithelfen uitb zusehen. Lange wird's ohnehin nicht dauern, dann bist du's über und sitzt wieder bei deinen Büchern "
Aber Mille irrte sich diesmal. Ihr neuer Lehrling ward die praktische Hausarbeit, in die er sich mit Feuereifer stürzte, nicht „über". Im Gegenteil: Maries Freude an ihrer neuen Tätigkeit wuchs mit jedem noch so bescheidenen Erfolge. Ihre immer bereite Geneigtheit zur ironischen Selbstbetrachtung fand reiche Nahrung.
„Es ist jd och etwas Wundervolles um die Genügsamkeit!" sagte sie zu Kamille. „Da wäre ich neulich am liebsten ausgezogen, die Welt für die Menschheit zu erobern — und jetzt fühle ich mich beseligt durch einen wohlgelungsuk^i Heringssalat? —> Schneidern muß ich übrigens auch noch lernen. Ich ne hure nächslerrs richtiggehenden Unterricht. Ich spüre es, wenn ich erst einmal imstande bin, etwa ein regelrechtes Kleidchen anzufertigen, habe ich den Gipfel menschlicher Zufriedenheit erklommen!"
Kamille gewann derartigen Betrachtungen nie eine scherzhafte Seite ab. Sie knurrte: „Du hast doch nicht nötig, Kinderkleider zu nähen —« für wen beim? Für arme Leute etwa?"
„Eben hast du mich darauf gebrncht, Mille; für das Kind der armen Waschfrau im Hinterhause! Wenn du nur ein bißchen Spaß verstündest, hätte ich lauge nicht so viel Spaß an dir —"
Die.nüchtern-praktische Tätigkeit, an der sie aber uu geahnte Freude erlebte, füllte freilich Maries Leben nicht völlig aus. Sie unternahm täglich weite Spaziergänge, die jetzt immer ein klares, festes Ziel hatten. Sie grast.wie sie's selbst nannte, nach einem ganz bestimmten samt-
sämtliche Buchhandlungen Groß-Berlins ab, ... .u jeder einzelnen die vorhandenen oder zukünftigen Werke Hans Im hoffs zu kaufen oder zu bestellen, und sie dehnte das Feld ihrer Tätigkeit bis weit in die Vororte, ja bis nach Pots dam aus!
Eine schöne, alte Eichentruhe auf ihrer kleinen Wob nungsdiele füllte sich allgemach mit Maries Einkäufen. Sie hielt die Truhe stets sorgfältig verschlossen und trug de.
Schlüssel immer bei sich.
Wenige Wochen nach jenem denkwürdigen Maiabend der so große Entschlüsse in ihr gereift hatte, schloß sic etiu Bekanntschaft, die gleichfalls dazu beitrug, das stille Schiss-


