Ausgabe 
24.3.1917
 
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kett die Erträge aus Stecklingeil nicht entfernt die Höhe und noch weniger die Sicherheit der Erträge erreichen, welche wir aus Saat- knallen geroinnen. Jnr Gegenteft müssen wir pro Morgen oder pro Quadratmeter mit sehr sehr niedrigen Durchschnittserträgen rechnen, wenn wir Stecklinge benutzen.

Wer die Stecklingszucht als gleichtvertig mit der Saatknollen- Vettvendung empfiehlt, macht sich volkswirtschaftlich eines schwereil Rechenfehlers schuldig. Er verwechselt zwei Aufgaben miteinander. Die ein ^Aufgabe wäre die, aus einer gegebenen Menge Saatgut möglichst viele Zentner Speise­kartoffeln zu erzielen, ohne Rücksicht auf die Kosten des Saat- oder Pflanzengutes und ohne R ü cksicht auf die Arbeit und aus die uns zur Ver­fügung stehende Bodenfläche. Diese Aufgabe könnte durch Stecklingsanzucht gelöst werden. Sie würde voraussetzen, daß der Mensch sich n u r mit Kartoffeln ernähren kann, und daß wir die Kartoffel als Volksnahrungsmittel durch keine anderen Früchte ersetzen oder strecken können. Diese Vor­aussetzung trifft nicht zu. Wir künneil die Kartoffel durch Möhren «Gelberüben), Weißrüben, Kohlrüben, Runkeln (z. B. Roterübenh Erbsen, Bohnen, Faseolen usw. usw. sehr wohl er­setzen und als Volksnahrungsmittel mindestens sehr wohl strecken.

Tie uns volkswirtschaftlich wirklich zur Lösung gestellte Auf­gabe ist eine andere, mft der wir die eben besprochene Aufgabe nicht verwechseln dürfen. Unsere Aufgabe ist es, aus der uns heute verfügbaren Bodenftäche auch aus unseren Stadtgärten möglichst viel Nahrungs­mittel herauszuholen, d. h. möglichst viel Kar­toffeln, Gelberüben, Kohlrüben, Runkeln, Erbsen, Bohnen, Linsen, Faseolen usw. Ten Luxus ausschließlicher Kartoffelernährung tonnen imb brauchen lütt uns heute nicht zu leisten. 200 bis 300 Zentner Gelbe- rüben pro Morgen gewonnen, sind weit billiger zu erzielen und geben uns viel viel mehr Nahrung als 30 Zentner Kartoffeln, die wir ans Stecklingen unter viel höheren Opfern gewonnen haben.

Richtig^ ist es also, den Kartoffelbau nur so weit auszudehnen, als uns Saatknollen hierftir zur Verfügung stellen. Stecklinge können nur ausnahmsweise in gärtnerischen Betriehen dann ver­wendet Werder, wenn besonders günstige Umstände dafür sprechen. Es genügt idicht, wenn die Stecklinge in Gärtnereien nur angezogen nno dann tu Die Hände ungeübter Personen gelegt werden. Unsere Aecker und Gärten sind im übrigen nicht mit Kartoffelstecklingen, sondern ausgiebig mit Gelberüben, Kohlrübeü, Runkeln, Erbsen, Bohnen, Fa'.eolen, nff't Kohl und Kraut aller 'Art zu bepflanzen.

Zur Beruhigung ängstlicher Gemüter sei noch daraus hinge- wiesen, daß war mit die,ein Wege die Kartoffel nicht ganz antz unserer Küche ver'choinden lassen wollen; wir wollen aber reich- lrche Nahrungsmittel zuin Strecken der Kartoffeln gewinnen. Tie Gefahren der ^tecklingsrernwndung liegen auch darin, daß wir wenig Kartoffeln auf viel Land gewinnen, und daß uns keine genügende Menge von solchen Früchten zuwächst, mit denen wir die uns fehlenden Kartoffeln darm ersetzen oder strecken können. Tie Gatten unserer Stadtbewohner sind dazu da, um Nahrung für uns zu gewinnen. Als Versuchsfläche zu dienen, dazu sind zu schade, .ue stecklingszucht bei Kartoffeln ist noch keine allgemein als brauchbar erwiesene Methode, eher ist sie nach den vor­liegenden Erfahrungen schon als unbrauchbar und Volkswirtschaftlich als schädlich erkannt, sofern es sich nicht um rein gärtnerische Kirnst betriebe handelt.

Ich spreche meine Ansichten in dieser Frage jetzt aus, da man sonst die Zeit versäuuit, um 'ich den Samen anderer Pflanzen für unsere Garten noch zu verschaffen.

5chnecken und Zroschschenkel.

dkachdem unsere Ernährungsfrage immer kritischer wird und es den Hausfrauen fti Stadt imd Land immer mehr Schnnerig^ «eiten macht, WtvechMmg in die täglichen Mahlzeiten zu bringen halte ich es für zeitgemäß, endlich ans'die bei mis überall in großen Mengen vovlommenden Weinbergschnecken und Frösche, die beide für die Ernährung so gut «nutzbar gemacht werden können, hinzu- wi-ersen. ^n Süddeutschland such diese delikaten Gerichte längst bekannt und bilden gerade ut jetziger Fastenzeit eine hochwillkom­mene Abwechslung bei reich und arm. Der ärmeren Bevölkerung tnetet außerdem der Verkauf der gesammttren Schnecken und Frösche eure gatte Er,verbsquelle, da sie ihre frische Ware in der Stadt auf dem Markte oder vmi Tür^zu Türe ziehend, in kürzester Zeit ko^wiw. Einlesen der schriecken uiiü Einfangen der Frösch- «mm durch größere Kruder, gewöhnlich Knaben, besorgt »verdcn Schnecken und ^Froschschearkel" höre ich ivohl manch' K-miperlrch Dämchen ausrufeir, während der Hausherr vielleicht Ichon einmal außerhalb mit diesenDelikatessen" bekannt geworden rst. und sie im Gehernien zu schätzen versteht! Wie jedes Land seine Eittmr niid Gebräuche hat, so hat es auch seine Küchenspezialiräten, und daherivar es ftir Mich, vor vielen Jahren aus Süddeutsästand gekommen, mst eure Entbehrung, in der Zeit znckschen Weihnachten Mw Osterli auf diese vorzüglichen Gerichte verzichten zu müssen. Ab^.' Nicht allem als Delikatesse wollen wir diese Gerichte be- twchchen, vielmehr als Volts- und Gefangenenernährirng, soweit Um diese ber den letzteren auf die Privatverpflegung erstreckt.

Voriges Frühjahr war ich in einer sehr schnecken reichen Gegend Mitteldeutschlands, wo mau offenbar von der praktischen Verwen­dung dieses Weichtieres noch wenig Wnung hat, denn zu tausenden lagen sie am Rande eines beschatteten Tannenwaldes und man hatte fast Muhe, nicht bei jedem Schritt und Trftt einige tot zu treten. IN meiner Behausmvg aaagelangt, jmnnrerte mir die Wirtschafterin vor, daß sie nicht wisse, mit was sie die aus dem Gute beschäftigten 10 g», fangenen Franzosen morgen satt machen solle, Fleisch ist nicht mehr viel da, und auch die Kartoffeln seien fast alle. Da ließ ich Lrrzerhand einen Korb voll Schnecken einsammeln, was kaum 10 Minuten in Aiispruch nahm: diese wurden gewaschen, gekocht, aus dem Gehäuse gezogen, geputzt und airderen Tags in einer Mehl­schwitze m ft ettvas Essig gedämpft, dazu eine tüchtige Schüssel voll Mohrrüben. Nach dem Essen brachte einer der Franzmänner die geleerten Schüsseln zurück uird mit strahlenden Augen sagte er m gebrochenein Deutsch:Oh! Serr gut, serr gut! Wollen sia Meder mal bringen! Merei beaucoup!^ Ich sah auch allea^ andern Gesichtern an, daß sie nach dieser Mahtzeft ganz besoirdersj zufrieden schienen, und sie nahmen an mir vorübergehend heute befmrders höflich ihr Käppi ab.

Weim wir die zoologische Stufenleiter von beit Fischen abwärts verfolgen, so gelangen wir zu den Krebsen, Garnelen, Fröschen, Anstern und mit einem kleineil Seitensprung zur Schnecke. Und zwar konimt ftir die Küche ,nur die große, recht fleischige Weinl^rg-4 schnecke, vom Spätherbst bis zum Frühjahr, solange sie sich noch im Winterschlaf befindet jund eingedeckelt ist, in Betracht. Bei, eintretender wärmerer Jahreszeit verläßt die Schnecke ihr Ver­steck «und ko Mutt pus der Erde, wirft ihre Teckelscheibe ab und richtet ihrer Gefräßigkeit halber oft vielen Schadeii an Unseren; Pflanzungen, insbesondere in den Weftrbergeii an.

In Württemberg, Baden, Oesterreich und vielen andern Län- derii werden fte in besondererr Schneckengärten gezüchet, mit Kohl­blättern und gequelltem Hafer gemästet und dann in großen Mengen hauptsächlich «nach Frankreich verkauft. Ein Franzos« wird ein .^chneckengericht, gut zu bereitet, j eder deutschen .Haus­manns kost vorziehen.

Bei uns finden wir die iwch festgedeckelte Schnecke besonders an Hecken, Gebüschen, Zäunen usw. etwa 68 Zentimeter tief in der Erde. Sie können mit Leichtigkeit selbst von kleineren Kindern eingesammelt werden. Wem: man mit einem gewöhnlichen Stock, noch besser Feuerhaken, außerhalb des Ortes an einer Hecke oder eurem Gebüsche in der Nähe der Wurzeln die Erde wegkratzt, wird man alsbald auf eine sich noch im Winterschlaf beffndliche, einge- deckelte Sckmecke ftofjen, und wo deren eine zu finden ist, sind ge­wöhnlich noch viele, so daß man oft in ganz kurzer Zeit mit einigem Spürsinn eine genügende Menge hat, um eine reichliche Mahlzeit für mehrere Personen zu erhalten. Man rechnet für einen Schnek- kenliebhaber gewöhn lick) 1012 Stück.

Die Zubereitung kann aus die verschiedensten Arten sein. Ich will hier nur die gebräuchlichsten anführen, während aus jedem bessern Kochbuch die raffinierteren Zubereitungen zu ersehen sind.

Tie Schnecken werden im Gehäuse sauber gewaschen, in stru­delndem Salzwasser etwa eine halbe Stunde gekocht. Dann zieht man die Schnecken mit der Gabel aus dem Gehäuse, entfernt den schwärzlichen Ring, der um die ganze Schnecke geht, scl-neidet den Schwanz und das Harte vorn am Kopfe weg, spült sie durch Salz- Wasser und Echt sie in einer gut gewürgten Mehlschwitze mft etwas Efsigzusatz weich.

Auf vorige Art gereinigte, ftr Salzivasser weichgekochte Schnei ken fckstnecken^vorzüglich ftr einer Salattnnke und gehen mit Katto-- feln in der Schale ein gutes, billiges Essen.

Nun zu den F r o s ch s ch e n k e l n. ,

Mit ganz besonderer Vorliebe wurde ich mich jetzt weniger b«it Fröschen . «als deren Schenkeln zu, die eftrmal gegessen' unstreitig zu unfern Lieblingsspeisen zählen, demr das Fleisch ist wohl das zarteste, das es über Haupt gibt, und außerdem von einem außerordentlichen Wohilgeschnrack! Von Oktober bis Mar'sind die Frösche am besten. Ihre Keulen geben nicht vur eine ,sehr schmack­hafte, leicht verdauliche Speise, sondern find für Magenkranke und Wiedergenesende außerordentlich empfehlenswert.

Tic Frösche kommen in großer Zahl überall in Bächen, Tümpeln, Tersten und ^Seen vor, gehören zu den schrvanzlosen Lurchen mit glatter Haut mW laugen Hinterbeinen. Das Fangen der Frösche erfordert wenig Ilebmrg. Mft einer Kelle können an froschreichen Stellen oft mehrere auf einmal ans dein Wasser ge­schöpft nerden. Diese werden dann schleunigst durch einen Schlag ans den Kops getötet, die Hinterbeine so abgelvennt, daß sie an-, einanderbleiben, die Hosen abgestreift und di. Beine gekreuzt in- einandergeschoben. Ter Vorderu U dürfte den Euren ein ebenso uni! konimener Leckerbissen sein, wie die oben hergericksteten Sävenkel in oer feineren Küche ivill kommen sind. Glücklichrwvise braucht ja die t!Oansfran die Frösche, nicht selber zu fangen, zu amputieren und ihnen die Hosen abzuziehen. Sie bekommt dieselben sfr und fettig geputzt und hergerichust zu l.rusen. In vielen Gegenden werden die Froschscl>enlel in den Häusern feil geboten, da sie ein langes Hernmliegcn nicht verttagen. Wo diese gleich zum Markte gebracht lverdcn können, erfpart sich das Hermnlansen, bis man, Rme Liebhaber dafür hot. Ich kenne E>.'genden, wo einige hundert oo^c tmriend Frösche in den nächsten zel-n Hänieru abgefetzl werde» können.