Ausgabe 
24.3.1917
 
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Nicht doch! Nicht doch! Es gibt irichts zu erklären. Nur um Verzeihung Hub' ich zu bitten, daß ich dich unnütz erschreckt habe. Ich fahre noch heute abend in ztvei Stunden. Wir haben wohl die Verpflichtung, liebe Marie, uns ein wenig Hansens Schwiegereltern zu widmen; wenn's dir recht ist, aehen wir jetzt zu ihnen."

Der Rest oes Hochzeitstages war für Maries Gedächt­nis wieder nichts als ein verschwimmender Wirrsal von tränenreichem Mutterstolz, tiefen Bücklingen, schönen Redensarten und viel Lärm, Last und Unruhe.

4.

Die Heimkehr war trostlos.

KamÜle hatte die Abwesenheit ihrer jungen Herrin zu einem höchst ergiebigen Scheuer- und Reinemachefest ver­wendet. Die ganze Wohnung strahlte förmlich vor Sauber­keit und Ordnung. Die makellose Aufgeräumtheit wirkte geradezu beklenimend. Marie setzte sich mit schmerzlichem Lächeln cin ihre Sofaecke, und die Alte kramte schimpfend und glückstrahlend den Koffer aus und stellte jedes Ding wieder an seinen Fleck.

Nun frtobe also alles wieder, wie es vorher gewesen

war.

Nein, es lvar doch anderes Die sttunpse, müde, taten­lose Gleichgültigkeit blieb verschwunden. Statt dessen kam eine peinige^ide Unruhe, eine ziellose Sehnsucht über das Mädchen, daß es sie nicht im Hause, in der engen Wohnung litt, täglich viele Stunden durch menschenübersüllte Straßen oder in die verhältnisniäßige Änsamkeit des nahen Grunewaldes Hinaustrieb. Todmüde kam sie dann gegen Abend zurück; uno es war ein leiser Schimmer wohltuender Wärme in ihr, wenn ihr kleines, sauberes Heimwesen sie empfing, die zankende, besorgte Alte nach Tee und trockenen Strümpfen lies.

Der leichte Freudesunken verlosch freilich allzu bald und die Abende dehnten sich endlos. Diese dunstigen, ver­schleierten Frühlings abende mit ihrer entnervender: Lau­heit, ihren aufpeitschenden Winden, ihren Regengüssen, die die garrze Welt in ein Meer von Tränen zu Versenker: schienen.

Einmal, in: Mai war's, trat sie auf dem Rückwege von einen: ihrer weitausgedehnten Spaziergänge in eine Buch­handlung ein, um sich schnell noch etwas seelischer: Aus- füllsel für die Abendstunden zu holen. Gleichgültig überflog :hr Blick die Bück)ertitel auf dem Ladentische. Da schärfte er sich plötzlich, wurde starr und groß, sie griff nach dem schmalen Hefte, das der Verkäufer schon wieder achtlos bei­seite gelegt hatte.

Hans Jmhofs! O! Ein Buch von ihm!" ries sie.

Der junge Mensch sah erstaunt zu, während sie es in fröhlicher Hast durchblätterte.

Es ist nur eine Broschüre," erklärte er halb entschul­digend.Eine Plcniüerei, eine soziale Skizze:Arbeit". Ich alaube nicht, daß sie von Interesse wäre. Die Dame wünscht dochl etwas Unterhaltendes."

Ich kaufe dies Heft," sagte Marie hastig.Und ^rben S:e noch etwas anderes von ihm? Ich nehme alles. B:tte, sehen Sie genau nach."

Der junge Mann befragte ein dickleibiges Nachschlaae- buch und erklärte danach, daß der betreffeiche Autor bisher mrr erst e:n kleines MärchenbuchMärchen für große f 5 ** also voraussichtlich für das Alter von zwölf bch vierzehn Jahren herausgegeben habe. Das Büchlein Ware nicht vorrätig, könnte aber sofort besorgt werden wenn die Dame wünsche

, ^ 5 ??? sprach diesen Wunsch mit ziemlicher Heftig-

Wahreich s:e an der Kasse bezahlte, versenkte er seine Nase noch einmal :n das bewußte Buch und stürzte den^her^ wuchtiger ^Geschäftsmann hinter der Davongehen-

Ech noch ein drittes Werk voii von Hans ^^off :n Vorbereitung!" versicherte er atemlos Ein

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, 61 drehte imb wand sich:Ein bisher leider fast qän^ lich unbekannter Autor." > > o rr

Unbekannt!" rief die Dame ernpört.Ich kenne ihn. Schicken S:e m:r den Roman zu, sobach er erschienen ist."

^ 5 N der nächstei: Buchhandlung, zwei Straßen weiter.

fand Mar:e das Märchenbuch Hans Jmhoffs vorrätig. Sie trug's im Triuniphe Hein: und las die beiden Büchlein noch an demselben Abend glatt durch. DieMärchen" warert zartsinnige, von feinster Schelmerei durchtränkte kleine Dich­tungen voll Duft mrd Reiz. Und die kleine Broschüre sprachs in hohen, ernsten Tönen von Fluch und Segen der Arbeit von dem Fluche, der die Menschheit aus dem Paradiese trieb und ewig treiben würde zu qualvoller Frohnarbeit um Befriedigung selbstsüchtigster, niedrigster Bedürfnisse und von dem Segen, der in der selbstgewählten Arbeit für

große allgemeine Ziele läge.-Die Sprache des kleinem

Buches war freudlos, zuweilen bitter, das Werk eines Riir- genden, nicht eines Vollbringenden/«es mochte in der aller- trübsten Epoche seines Lebens geschrieben sein. In jenen Jahren, als Hans Jmhofs fast daran verzagte, je das Große schaffen zu können, das er in sich fühlte.

Mit liebevollem Verständnis versenkte die Jugendfreun­din sich in beide, untereinander so wesensverschiedene Merk­chen, die ihr °doch jedes sein Bild klar und rein vor Augen stellten.

Als sie zu Ende gelesen, trug sie die Büchlein auf ihren Lieblingsplatz im Erker nrid ging zu Kamille in die Küche hinaus. Die Alte saß, mit der Hornbrille auf der Nase, ihren fetten Huiid neben sich, unter der Hängelampe und stopfte Strümpfe.

(Fortsetzung folgt.)

Die Ztecklingszucht bei Kartoffeln.

Bon Herrn Prof. Dr. Gisevius-Gteßen erhalten wir folgende Zuschrift:

Die Idee, bei Kartoffeln durch Stecklingsverwendung an Saat­knollen zu sparen, ist eine sehr alte. Vor mir liegen u. a. zwei Zeitungsaufsätze aus den Jahren 1814 und 1816, in denen diese - Frage behandelt wird. Wäre diese Methode wirklich so einfach durchführbar, so billig und. so sicher, wie es vielfach heute behauptet wird, so hätte sie sich schon lange in der Praxis eingebürgert. Tat­sächlich aber hat man sich auch später immer nur darauf beschränkt, sie bei Sorten-Nenzüchtungen zur schnellen Saatvermehrung an­zuwenden mrd zwar nur in dem Falle, daß man gärtnerisch ge-, ichulte Kräfte und daß man besten Gartenboden in reicher Düngung und hoher Kultur, endlich daß -nrstt.nnch die Möglichkeit des Be­gießens der Pflanzen bei Trockenheit zur Verfügung hatte.

Ter Mangel an Saatkartoffeln hat nun jetzt neu die Frage zur Erörterung gestellt, inwiefern inan heute. 1917, ausnahmsweise das Kartoffelsaatgnt durch Stecktingsanzncht strecke:: soll.

Da gärtnerische Einrichttnlgen zur Stecklingsgeivinnung ebenso notwendig ftnd wie gärtnerisch geschulte Kräfte, und bei dem großen Umfang, den diese haben müssen, ist diese Methode der Saatkartoffelstreckung ohne weiteres für das platte Land und für den prattischen kleinen oder großen Landwirt undurch­führbar. Ter Ankauf öon Stecklingen ist angesichts der Preise für den prakttsckwn Landwirt gleichfalls unmöglich. Auf y 4 Hektar braucht man nach den verschiedenen Angaben 10 000 bis 20 000 Ltück, und der Preis pro Stück schüvankt zwischen 4 bis 12 Pfennig. Aus diesen Angaben heraus würde ohne Trans­portkosten sich das Stecklingssaatgut pro Morgen (= V 4 Hektar) auf 400 Mark bis 2400 Mark stellen. Rechnet- man an Knollen- saat 10 bis 12 Zentner pro Morgen und gibt man für Original- saat heute 30 Mark pro Zenttier, so macht das pro Nttirgen nur 300 bis 360 Mark aus.

Tie Stecklinge brauchen besten, reich gedüngten und auf das Beste zubereiteten Boden, wnrn sie gedeihen -sollen. Sie müsse:: be: trockenem Wetter gut gegossen und dauernd gut gepflegt werden Be: einem Nachtfrost gehen die Stecklingspflanzen im Freien rettungslos nach dem Auspflanzen zugrunde, ohne daß sie sich aus einer Knolle neu entwickeln können, wie das bei den Saatknollen der Fall ist.

Einer unserer ttichttgsten praktischen sachverständigen Landrvirte gibt an, daß er be: gut behandelten Kartoffelstecklmgen aus deren Pflanzen pro Morgen 20 Zentner Ertrag herausbrachte. Bei gärtne- ri,cher Behandlung werden die Erträge sich höher stellen. Bestimmte Angaben darüber haben sich bisher nicht ermitteln lasser: Alle

Nachrichten aber heben hervor, wie unsicher und umständlich das Verfahren ist. Es kommt u. a. vor, daß die Stecklinge zur Hälfte oder in noch größerer Anzahl verholzen, so daß sie nach dem Aus- pflanzen nicht weiterwachsen. Ferner wird hervorgehoben, daß nur sehr wüchsige Sorten zur Stcckllngsanzucht brauchbar sind, und daß man dabei auch noch schlecht keimende Knollen ausscheiden muß Vre Anzucht bis zum Auspflanzen nimmt sechs bis sieben Wochen m Anspruch, zum Bewurzeln der Stecklinge braucht man pro Mor- gen 50 bis 110 Quadratmeter (je nach den verschiedeueu Angaben) an mit Glas gedeckten Frühbeeten oder an ähnlick)cn srostgeschützten Raumen, wenn man nicht Blumentöpfe vorzieht.

.Überschätzt man den Wert der Saatkartofselstreckuttg, so nistet m der Gedanke ein, man könnte mit Sicherheit von 100 Zentnern ^ratknollen 90 Zentner ersparen mrd als Nahrung für Men- Ichen verbrauchen. Darin liegt eine große Gefahr, da in Wirklich-