Pechmarie und Hans im Glück.
Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C. v. D o r n au. Nachdruck und Ucbersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortseirung.)
Wenn Marie in späteren Zeiten an ihren Braunschweiger Aufenthalt dachte, erstand nur ein wirres, buntes Durcheinander vor ihrem Geist. Der „Polterabend" ging für sie in einem Chaos von Kaffee und Kuchen, gefühlvollen Versen und ausgelassenen Kinderscherzen unter. Er spielte sich in zwei kleinen, mit Menschen und Dingen vollgepfropften Räumen ab -- „gute Stube" und „Eßstube", die zugleich Universalwohnstube der gesamten Familie Wiedenbrinck vor- stctlte. Sein größtes Verdienst war eine lobenswerte Kürze; um acht Uhr gab's belegte Butterbrote, dünne Bowle und Bier, und um neun ging man ausemanoer.
„Um die Braut zu schonen," erklärte die sorgende Hausfrau. Aber die Bowle tvar auch bereits erschöpft. Hans, Philipp und Marie, die einzigen „auswärtigen" Teilneh-» mer, begaben sich in ihr Hotel zurück, wo die beiden jungen Männer noch lange in herzlichem Gespräch zusammensaßen, während Marie sich früh zurückzog.
Durch ihre Träume dieser Nacht gaukelte unaufhörlich ein zartes Elsenfigürchen, ein rosiges, lächelndes Kindergesicht. Und dasselbe unbekümmerte, glatte lieblich lächelnde Gcsicktckeu kuospete am nächsten Bormittag unter Schleier und Myrtenkranz hervor — just als ob der bedeutungsvolle -Schmuck ein kindlicher Ve rk lei ckungs scherz sei.
Hans schien während der Trauung tiefbewegt und doch in männlicher Fassung. Marie vermochte den Blick gar nicht von ihm loszureißen. So durchleuchtet war das Antlitz von innerem Glück, ein so zielbewußter Ernst tag 'in Haltung- uub Gebärde. Und als nach vollendeter Zeremonie das schöne Püppcken an seinem Arm lächelnd und gedankenlos an Maries Platz vorüberschritt, kam's mit einem Male über sie, als ob sie zornig die Hand ausstrecken und es von seiner Seite hinwegreihen mühte. —
Die Regung ging vorüber, wie das andere alles auch. Das Hochzeitsmahl, auf Hansens Kosten nicht ohne Prunk in einem guten Weinrestaurant veranstaltet, verlief^ vorschrift-mäßig. Nachdem*die.Tafel aufgehoben lvar, das junge Paar sich zum Umkleiden zurückgezogen hatte, trat Marie aufatmend in eine entferntere Fensternische-des ziemlich großen Festsaals und Philipp Koch, der ihr Tischnachbar ge- Ivesen war, gesellte sich auch hier zu ihr und stand in schweigendem Ausruheu neben ihr.
Draußen fuhr der Wagen vor, der das junge Ehepaar zur Bahn bringen sollte. Tie jugendlichen Brüder der Braut, stark erheitert durch ungewohnten Weingenuh, umsckwürmten ihn trotz strömenden Frühlingsrcgens. Einer versuchte so^ gar, zum Kutscher auf den Bock zu klettern und wurde von einem erwachsenen Bruder laut scheltend wieder hinuntergeholt. Dann tauchte der Vater ans in seinem unmodernen,
schlechtsitzenden Fracke, einen baumwollenen Regenschirm über das kahle Haupt gespannt, ängstlich hin und her trippelnd in Erwartung des Brautpaares. Und endlich erschien auch dieses selbst — ein Lohndiener hielt Elfriedens Schirm sorgsam über sie — sie tänzelte, mit den Brüdern scherzend, zwischen allerlei kleinen Pfützen vorsichtig hindurch. Hans hatte dem Kutscher ein paar Worte zugerufen, nachgeschaut, ob das Gepäck richtig aufgeladen war. Nun hob er mit einem heklen Jauchzer sein Weibchen in den Wagen, dessen Tür der Vater offen hielt, und kletterte nach flüchtigem letzten Händedruck für diesen ebenfalls hinein. Noch einmal erschienen die' beiden glücklichen Gesichter schemengleich hinter der betränten Glasscheibe des geschlossenen Wagenschlages. Sie winkten und grüßten zu Marie und Philipp hinauf und nach dem .Hotelportal zurück, wo jedenfalls Mutter und Schivesteru standen. Schon ruckten die Pferde an — da tat sich die schlechtgeschlossene Wagentür von selbst noch einmal langsam lucit aus; der Lohndrener sprang rasch herzu und warf sie wieder zurück, der Wagen rollte davon, die JungenS erhoben ein frenetinisches Hurrageschrei. Marie aber wandte sich erstaunt, nein, entsetzt zu Philipp Koch um, der mit einem ächzenden Seufzer ihren Arm wie stützesuchend packte. —
„Was ist los?" rief sie erschreckt. „Fehlt dir 'was? Bist du krank?" Er sah so furchterregend blaß aus! Aber er hörte sie gar nicht — er blickte immer starr durch das Fenster, auf den Fleck, wo eben Hans Jmhosfs Hochzeitskutsche gestanden - und umklammerte Maries Arm nur fester und wies mit dem ausgestreckten Finger keuchend hinaus:
„Da! Hast du's nicht gesehen? Eben — das Schreckliche?" stöhnte er.
,-Was denn?" Ich verstehe dich nicht! Sag' doch, was los ist!" ries Marie bange. ,«Jch Hab' nichts Schreckliches ge sehen —"
„Nichts gesehen? Nicht, wie der Wagenschlag noch einmal aufging?"
„Sa, das natürlich. Aber da tvar doch nichts Schreckliches dabei!"
„Du hast ihn nicht einsteigen sehen?"
„Söit? Wen denn in aller Well!?"
„(Ihn ihn-zu den beiden hinein —"
„Ni mm's mir nicht übel, Philipp," sagte Marie halb beunruhigt, halb ärgerlich. „Aber du bist nicht reckt bet Tröste! Ich kann beschwören, daß niemand zu den beiden eiugestiegeu ist. Wer sollte tvohk auch ans den verrückten Einsalt kommen! Dazu hat selbst das Fritzchen nicht genug Sekt getrunken."
Philipp ließ Maries Arm los und sttckck mit der Hand über das Gesicht, als wische er dort etwas weg.
„Du hast recht," hauchte er mühsam lächelnd, „ick bin töricht, so etwas zu sagen. Vergiß es. bitte! Ick ich bin nicht ganz wohl. Ich bin so rauschende Festlichkeiten nicht gewohnt. — Wann reist du ab?"
„Morgen früh mit dem Acht-llhr Zuge/' sagte Marie hastig „Aber willst du mir nicht erklären, Pbipp —*


