Pechmarie und Hans im Glück.
Di" beschicht? - - ? -dfreundschast von C. v. D o r n a u.
Nachdruck und Ue^. rjctzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
Sie kam auch nicht recht zur Besinnung, nachdem das Brautpaar sich am Hoteleingang verabschiedet hatte, und sie sich in dem vorausbestellten Zimmer allein sah. Da war so viel zu besorgen, was die an Reisen nicht Gewöhnte verwirrte: Auspacken und einrichten und allerlei Anfragen des Hotelpersonals beantworten. — Nein, zu speisen wünschte sie nicht mehr; sie hatte bereits im D-Zug gegessen. Sich an eine Dable d'hote setzen, wie man ihr zumuten wollte — entsetzlicher Gedanke? Sie hatte da keinen Bissen heruntergekriegt. Und zum Kaffee sollte sie bereits bei Hansens Schwiegereltern erscheinen. Punkt fünf Uhr — man plante einen ganz frühen Polterabend. Da blieb ihr nur sehr wenig Zeit zuin Ausruhen, und sie bedurfte ja dessen auch nicht. Sie kraulte zweck- und ziellos zwischen ihrem Gepäck imb stand dazwischen in tiefen Gedanken.
„Elfe" nannte Hans seine Braut! Ja, sie besaß etwas Unirdisches, Unpersönliches: als ob sie kein richtiger, alltäg- licher Mensch tväre, wie Marie selber lind Hans und die andern alle; sondern ein Gedicht, ein Lied, ein flatterndes! Wölkchen, eine Erscheinung aus einer andern Welt. Und dazwischen war sie wieder wie ein girrendes Täubchen gewesen in ihrem weißen Schivanenpelzmützchen und -kragen, mit alt dem Nicken und Trippeln und sanftem Geschmiege.
Alle Menschen, die Marie bisher gerannt hatte, waren ihrem klardenkenden Geist so leicht in die eine der drei Kategorien einzuschalten gewesen, die es für sie nur gab: sie erschienen entweder „nett, anständig" — davon gab's nach Maries Ansicht nur sehr wenige! — oder „gleichgültig, bedeutungslos" — das waren die meisten! — oder direkt „widerwärtig". Das schone Lebewesen, dessen Bekanntschaft sie eben gemacht hatte, paßte in keine. —
Nein, auch nicht in die erste. Ganz gewiß nicht. Kein nachhaltiges sympathisches Gefühl war in Maries Herzell wach gewordeil. Jetzt, wo sie dem Zauber entrückt loar, dem Auge und Ohr in Elfriedes Nähe unterlagen, stieg gegen ihren ernsthaften Willen, vergebens mit Beschämung zurückgewiesen, ein nagendes Mißtrauen, eine feindselige Kälte in ihr auf.
War dac> etwa Neid? Pfui, Marie! Beleidige dich nicht selbst! Etwas so Niedriges kennt deine Seel« nicht, wird sie nie beherbergeil. Es mußte etwas anderes sein, ettvas, was sie noch viel weniger mit Namen hätte nennen mögen.
Schluß! Fertig? Zieh' das unvermeidliche SckM'arz- fcibeue an, putze dich, so gilt du kannst: Du bist heut' zu Hans Jmhofss Polterabend geladen, als „das Letzte Bißchen u:as ihlir voll seiner Jugenozeit übrig geblieben istch
Kn würdevollen Schwarzseideium — nicht dem ehe* ..verschnaufte sich", !vie sie's vor sich selber nannte, wah-
maligen Treuenbrietzener Festgewande freilich, sondern eineni ileuen, modischen, weltstädtischen — trat Marie mit dem Glockenschlage fünf Uhr in den winzigen Flur der Wiedeubrinckschen Wohnung. Man hatte sie wohl nicht ganz so pünktlich erwartet — jedenfalls war sie der erste Gast — ein paar Zimmertücen hatten sich spaltenweise geöffnet — und waren rasch, wie erschrocken, wieder zugeschlagen worden. Die rothändige Aufwärterin, die sie hineingetassen, führte sie nach flüsternder Unterhaltung an einer dieser Türen mit der Bitte, ein wenig zu warten, in ein leidlich großes Gemach, das entschieden die Prunkstube vorstellte. Die typische „gute Stube" kleiner Leute, mit dem Geruch des Unbewohntem, rnit Bnntdruckbildern in breitem Goldrahmen, gesticktem Haussegen und vielen gehäkelten Deckchen. Dlrrch die halboffene" Tür des Nebenzimmers lugten ein paar Kinderköpfe, um gleich wieder kichernd zu verschwinden. An einem der beiden Fenster stand ein weißgodeckter Tisch, auf dem die Hochzeitsgeschenße aufgebaut waren: viele Handarbeiten, ein billiger Chronometer, ein paar Basen und dergleichen. Irr der Mitte, als Paradestück, Maries kostbares Silbergeschenk.
Nach kaum fünf Minuten erschien auch, schon der Hausherr, ein langer, magerer, mittelalterlicher Mann, mit Bück- Urrgen und Entschuldigungen und devoter Verlegenheit. — Dann kam die Mutter, klein, rundlich, aeuwhnlich; das ehemals wohl hübsche Gesichtchen allzu sehr in die Breite gegangen; mit einem Wortschwall, der Marie zu erstiMN drohte, und kleinen grellen Augen, von denen ihr's vorkmn, als ob sie unaufhörlich an ihren: Gesicht, ihrer Kleidung, ihrem ganzen äußeren Menschen herumpickten. Marie wurde aufs Sofa genötigt und die Kinderschar aus dem Eßzimmer nebenan herbeigeholt, um ihr mit Dienern und Knixen und frischgelvaschenen Händen vorgesteltt zu werden. Dcnwisck-Ln tauchten noch verschiedene erwachsene Wiedenbriuas aus: eine anscheinend bedeutend ältere Schwester Elsriedes, Telephonbeamtin, lang und dürr wie der Vater, ein festgefrorenes, säuerliches Lächeln völliger Resignation aus dem spitzen Gesicht. Einige sehr alte Tanten, Schlvestern des Vaters. Ein Sohn des Hauses, der Volks sch ullehrer zu sein schien, und ein anderer, der fraglos Verkäufer in einem Warenhause war. Und noch verschiedene andere Familien- mitglieder, deren Name und Stellung Marie nicht klar wurde.
Ihr schwirrte allgemach der Kopf, und doch spürte sie ein innerliches Erleichtertwerden: die Familie Wiedenbrinck gehörte zu den Leuten, über die man nie mehr nachdenkt, wenn inan sie einmal kennen gelernt hat.
Mer es war doch angenehm, als mit einem Male die Flurtür sehr geräuschvoll 'aufgerissen wurde und Hans Fm- hosf in überjprudeluder Heiterkeit eintrat. Er brachte Philipp Koch urit, den er soeben von der Bahn abgeholt hatte, und Marie stand ein paar Schritte uiibea utet zur-Seile und rend sich der Strom der Wiedeubrinckschen Begrüßungsfeier- lichkeiten über den armen. kleinen „Phipp" ergötz


