Ausgabe 
17.3.1917
 
Einzelbild herunterladen

126

feit miteinander habt. Aber sie war eben mit einem Male

wieder da.-Und ich weiß auch, wie es gekommen ist.

Me wir Erinnerungen austauschten, du und ich und ich, ein warmherziger, selbstloser Junge, wurde im Geiste, von des Gedankens Blässe unangekränkelt da ist's so ganz all­mählich über mich gekommen.-Und Philipp Koch hat

recht: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Und du hattest recht mit den:, was du über die Sehnsucht nach dem eigenen Heim sagtest. Mein in der Welt wird man kalt und hart und armselig. Das hab^ ich an mir jetzt recht deutlich gespürt. Wie sagt der Dichter?Alle großen und guten Ge­danken konrmen aus den: Herzen!" Merns ist in Selbstgenüg­samkeit verknorpelt und verknöchert. Nun weiß ich wieder, oatz es etwas Besseres gibt. Nun kann ich wieder mit dem Herzen denken. Sie wird's mich lehren, sie, die so ganz Herz. Seele, Zartsinn ist. Ach, Marie! Liebe alte Marie! Wie soll ich's dir je danken, daß du mich auf mein besseres Selbst zurückgefuhrt hast!"-

Hans sprach in überquellendem, hingerissenen Ernpfin- den. Er berauschte sich an seinen eigenen Worten, er strahlte, er glühte. Und Marie stand inrmer schweigend und sah an ihm vorbei und sab, daß es immer lastender dunkel wurde harrte aus, ob nicht irgend etwas geschähe, was sie von den: ungeheuren Druck befreite.

Jetzt machte er eine seiner raschen Bewegungeil auf sie zu, streckte die Hände chr entgegen, als ob er dre ihren fassen, sie an sich ziehen wollte. Das gab ihr die Kraft, auf die sie gewartet hatte. Sie hastete an ihm vorüber, sie stieß ihn fast zurück:

Du mußt fort," drehte sie atemlos hervor.Wenn du dich jetzt nicht sehr beeilst kommst du gar nicht mehr zum Zuge zurecht!"-

Qrr lachte hell ans. Es war ein Lachen, das anch ihn befteite. Ein prachtvoller Kamerad, dieses Mädel! Bei ihr vain man nicht in Gefahr, sich in uferlose Gefühlsschwelgerei zu verlieren! Er zog die Uhr:Du hast recht!" und reichte ihr flüchtig die Hand:

Leb' wohl für heutej ich werde laufen müssen bleib lieber zurück. Ich schreib' dir, sobald sich's entschieden hat rmch deiner Berliner Pension, nicht wahr? Morgen geht'- nach Braunschweig!"

Er schwenkte grüßend den Hut und wandte sich zum Gehen. Noch einmal drehte er sich halb zurüch

Du! Dein Geld! Ich Hab' jetzt keine Zeit, mit dir abzurechnen! Ich tu's nnterioegs und schreibe dir, wieviel du zurückbekommst, und geb's dir gelegentlich. Du kriegst jedenfalls noch 'ne Menge zurück der Tag war billig!"

Und er grüßte und winkte noch einmal und sauste davon -h tn froher Haft, seinem Glücke zu. Marie aber stand wie festgenagelt und starrte ihm aus trockenen Augen nach. ^ Et" billiaer Tag! Ein billiger Tag! Hartes, rasch unter­drücktes Schluchzen erschüttere ihre ganze Gestalt. Ein billiger Tag! sagte Hans im Glück. Der armen Marie kommt eine bange Ahnung, als habe der Tag sie unendlich viel gekostet.

3 .

Liebe Marie!

^reicht, der groß« Wurf ist mir gesungen, bas holde Wunder ist an mir geschehen. Befürchte nicht, daß ich

mit . etn ^ Schilderung meiner Dräutigamsseliakeit an- äden werde. Dazu habe ich selbst in tneirrer schwimmenden mr e 5?^. Fl viel Respekt vor Deinem klaren, nüchternen ^?^^tsblrck! Vielleicht anch das Gefühl, daß man aus jO^chbm Traum wohl ein Gedicht schaffen kann oder ein Lebensgluck aber keinen halbwegs verständlichen Brief ^bre cmßeren Geschehnisse sollst du erfahren. Und auch

tnnrr;S ie weißt Du ja uun bereits. Es

i t brnfach ein Kinderspiel, und beden-

tete ^ so v^el. Sie hatten bereits von der Wendung in erfahren, so daß mir anaenehmerweise lang- «Ällärungen erspart blieben. Gleich nachdem ich etnx^ bangen Herzens - in das genreinsame Familienwohn- zrmmer getreten war und die Glückwünsche aller entgegen^ hatte, verkrümelten sich erst die Mutter, dann die MN -/Üblich ward auch der Vater abaerufen, und ich blleb mit Elfe allem zum erstenmal in unserem Leben hat rmmer auf mich gewartet, immer. Und nie an Sill 0 jemals. Du müßtest das von ihren eigenen

Lippen hören, tn welche Llbgründe demütiger Zerknirschung

in welche Weltmeere unbegrenzter Seligkeit mich dies Gv» ständnis gestürzt hat!

Ein ganz klein wenig fange ich aber doch schon wieder an, nach einem festen Stutzpunkt in all der himmlischen Verwirrung zu angeln. Elfe besitzt ein wundervolles Ver­ständnis auch dafür. Ihrer: gutherzigen, ein bißchen welt­fremden Eltern erscheine ich leider jetzt als ein halber Ki'ösus. Sie haben ja nie auch nur annähernd ein Einkom­men von sechstausend Mark besessen geschweige denn solch märchenhaftes Kapital, was da jahraus, jahrein Du­katen ansheckt, ohne daß mar: was anderes dabei zu tun hat, als vierteljährlich ein paar Kuponzettel abzuschneiben.| Bon einer dichterischen Tätigkeit hat die gesamte Familie Wiedenbrinck wieder mit der einen göttlichen Ausnahme selbsttedend keinen Schimmer von Begriff. Sie nehmen's bei mir für einen netten Zeitvertreib, eine Laune, die sichl ein so reicher Mann schon gestatten darf. Sie begreisen'A nicht als Selbstzweck, und sie fassen anscheinend anch nicht, daß man damit nebenbei auch noch Geld verdienen kann. Elfe versucht, ihnen das letztere wenigstens klar zu machen, da sie wohl empfindet, daß den braven Leuten für den idealen Wert niemals Verständnis aufgehen wird. Und Else ist es auch, die völlig mit mir überein stimmt, daß ich mich bald von ihr losreiße, irgeno wo anders in die Einsamkeit begebe oder auf Reisen seelisch auslüfte je nachdem mein Genius es fordert und die stilgemäßen Monate bis zu unserer Hochzeit damit verbringe, erst einmal etwas zu leisten, was mich vor mir selbst berechtigt, die Hand rrnch der holdesten aUer Menschenblumen aus zu strecken und ge­meinsames Leben auf meirrer Kunst zu gründen.

Ich Hab' auch bereits einen aanz großen, ganz wunder­vollen Plan. Aber wenn ich dir davon zu erzählen anfinge, würde dies kein Brief, sondern ein Buch und das Buch soll erst im nächsten halben Jahre geschrieben werden.

Sie kennt den Plan und versteht ihn und billigt ihn und regt stündlich neue Gedanken in mir an, weniger durch Worte, als durch ihr Lächeln, ihr Erröten, einen Seufzer, einen Angenaufschlag, aus dem der ganze Himmel ihrer Seele schaut.

S>alt, Hans Jmhosf! Eine gewisse, kühle, kaltherzige, junge Dame lacht in diesem Augenblick hell auf. Lacht den

verliebter! Bräutigam ans.-Ich schicke Drr ein Bild,

das Dich besiegen wird, alte Marie!

Tausend Grüße von ihr und mir.

. Dein Hans I."

Marie !fa£ den Brief an einem nebeldüsteren, nässe­triefenden Nachmittage, eine Woche nach ihrer Rückkehr in die Berliner Pension. Es war so dunkel geworden während des Lesens, daß sie den Kops ganz nahe an die Fenster- )erben pressen mußte, um die Schlußsätze zu entziffern. Das Brld, das der Umschlag noch enthielt, war in dem trüben Därnmerliclst nicht mehr zu erkennen. Sie saß eine Werte unentschlossen und sah in die fließenden Regerimassen draußen. Der Lärm der Großstadt tönte kaum bis zu ihrem Znnmer im vierten Stock hinauf; es war unsäglich still um fte her. So still, daß sie das tödliche Schweigen nicht

mehr ertrug.-Sie sprang auf, schaltete das elektrische

Lrcht ern, das rn einen! Mornent das ganze kleine Zimmer in blendenden Glanz tauchte, und bettachtete, dicht unter der Lampe stehend, das Engelsköpfcl)en von Hans Jinhoffs Braut mrt lerdverschärsten Blicken.

Es besiegte sie, ganz wie er's gewollt hatte. Sie sah mit einen: Lächeln auf, gerade in den Wandspiegel hinein Sah drrn sich selbst, die gerade, steife Gestatt, eckiger noch rn den Bewegungen als in den Formen sah das eigene' dunkle, unregelmäßige Gesicht, das puritanerhaft schlicht geschettelte Haar, die anmntlose Linie des fest zusammen­gepreßten Mundes, die starren, strengen Augen. Unbarm- herzrg zerglrederten diese Augen das Bild im Spiegel -h U no dann tat Marie, was Hans Jnrhofs von ihr erwartet hatte: sre lachte lachte laut und herbe.

- du dkirrin!" sprach sie Hohnvolt zu ihrem Spregelbrld. Dann verbarg sie Brief und Bild von neuem tm Umschlag, vergrub alles in ihrem Reisekoffer, ganz tief unten, zog dre Schreibmappe hervor und setzte sich zur Ant­wort zurecht: 1/0

Lieber Hans!

Ich danke Dir für Deinen Brief und das Bild Deiner Braut und gratuliere anch schön. Glück braucht man Dir ^eEck^nicht erst zu wünscl-en. Du wirst ohnehin immer