Pechmorie und Dans im Glücn.
Die Geschickte einerJugendfteundschaft von C. v. D or n au. Nachdruck und Ueberseyungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten. {ftartf e&itng.)
„Marie," wiederholte et, dicht vor ihr stehend, und sah ihr ernsthaft in die Auge», „sag mal — ist dir auch so wunderbar, so bedeutungsvoll zumute? Du lachst mich vielleicht aus, aber ich kann's nidjt Helsen: Mir ist, als wenn ich eben etwas ungeheuer Wichtiges erlebt hätte! Und dabei ist mir doch nur ganz klar geworden, was ich schon lange mit mir
herumaetragen.-Soll ich dir einmal alles erzählen?
Willst du mich ganz still anhören? Du kannst so wundergut zuhören, das Hab' ich gestern abeird bereits erprobt. Da konnte ich so froh und leicht zu dir sprechen, mir alles vorn Herzen herunterreden, in völligem Vertrauen, wie ich's noch
zu keinem anderen Menschen gekonnt habe.-Darf ich
dir nun auch den letzten Rest arvsschütten? Es würde mir unendlich wohltun!"
Er sah ihr bittend ins Gesicht. Marie nickte stumnr. Sie hätte in diesen: Moment kein Wort h-.-rausgebrächt, und wenn
es sich um ihr Leben gehandelt hätte.-Sie wich noch
ein wenig zurück, und er lehnte sich neben ihr aus (Ständer, schlug die Arme übereinander und erzählte, ohne sie anzu-
„Sie heißt Elfriede. Wir kennen uns schon seit drei Jahren. Seitdem ich nach Braunschweig kam. Ihr Vater lebt da mit seiner großen Familie und einem recht kleinen Einkommen — er rst, was so die Leute einen mittleren Beamten nennen. Ich wohnte ganz in ihrer Nähe — Haus au Haus — und mußte täglich au ihrer Parterrewohnung vorüber *um Kontor gehen. Dann stand Elsriede am Fenster und goß ihre ' Blumen, und ich sah hinein und grüßte schließlich einmal, und von da an täglich —■ so hat es anaefangen, und so oder ähnlich sängt es wohl immer au Wir hatten noch kein Wort miteinander geredet, als ich die ganze Familie durch Zufall aus einen: Sommerausfluge kennen lernte —, lverrn man so was Zufall nennen darf. Natürlich verkehrte ich von da an in ihrem Hause, schloß mich aus Sonntagsspaziergängen an und wurde mit gemütlicher Selbstverständlichkeit als Freund des ganzen Hauses betrachtet — von El friede vielleicht als
mehr. Stillschweigend-was hätte es für einen Zweck
gehabt, wenn wir uns gesagt hätten, was wir doch schvn voneinander wußten? — Wir waren ja beide so lächerlich arm. Also an eine Verlobung dachte weder sie noch ich. Und o innig war der Zusammenhang der ganzen Familie, so treng behütet war sie ohne Absicht dadurch, daß wir kaum e ein paar unbelauschte Worte haben wechseln können — so >aß ich gar nicht in die Gefahr geriet, ihr mehr zu sagen, als ch durfte. Die stille Liebe war eine harmlose Ausschmückung meiner einförmigen Gedankenwelt, meiner wenigen Feierstunden — weiter nichts; um sich zun: Begehren zu verdich
ten. dazu war sie von Anfang an zu hoffnungslos. Und dazu war auch Friede zu rein, zu wunschlos sttll, zu traumhaft lieblich. Friede! So nennen sie Eltern und Geschwister. Und der Name paßt für sie wie kein anderer. Doch ich will nicht versuchen, sie dir zu schildern. — Du müßtest sie selber sehen, um sie in ihren: ganzen unsäglichen Liebreiz begreifen zu können."
Hansens Stimme hatte bei den letzten Worten geschwankt. Jetzt schlvieg er ganz und gar und begann in starrer innerer Erregung vor Marie aus und ab zu gehen. Sie stand sttll, als sei sie mit dem grauen Steing-elärü>er verwachsen. Zweimal öffnete sie vergeblich die Lippen, um die Frage zu stellen, die ihr auf der Seele brannte.
„Und — als du das Geld bekamst" — brachte sie endlich heiser herv r „har du's ihr doch sagen fö men —"
Hans blieb stehen und ftriu; mit der Hand über die Stirn.
„Ja," sagte er langsam. ,.da hätte ich's ihr sagen können. Natürlich. Jetzt kommt's mir auch so vor — in diesem Augenblick kvmmt's mir so vor — als ob ich das gleich hätte tun müssen. Das Sonderbare ist nur: ich habe damals — als das Geld kam — mch bis auf den heutigen Tag, bis fast auf diese Stunde — nicht so gedacht —"
Er tat wieder ein paar rasck>e Gänge hin und her, ehe er. stehen bleibend, weitersprach.
„Als die Erbschaft fam, empfand ich zunächst nur eins: jubelndes Entzücken über meine Freiheit. Keinen Gedanken hatte ich für etwas anderes übrig. Es kam dazu, daß Wieden- brincks — Elfriedens Eltern — mit ihr verreist waren. Zum erstenmal in den drei Jahren verreist. Zu einer sterbenden
Großmutter.-Ich sah sie also nicht, ich hörte nichts
von ihr, der märchenhafte Zauber ihres Elfenwesens wirkte nicht auf mich ein —, b'i verhärtete sich mein Herz in kältestem Egoismus. Ich sehe heute ganz klar ein, daß es bas und nichts anderes war! Ich hatte Angst, ganz gemeine, feige Angst, um meine kostlxrre, neugewonnene, nie vorher
gekannte Freiheit.-Siehst du, Marie, die Bestte Mensch!
Eine Entschuldigung gibt's vielleicht für mich: daß ich vorher nie an eine Heirat gedacht hatte. Tlber sie ist doch höchst fadenscheinig! In Wirklichkeit war's eben nichts, als ein außerordentlich minderwertiger Charakterzug von mir, dieser rückhaltlose Freibeitsrausch."
„Du hast sie — noch nicht wiedergesehen seitdem?"
„Nein. Ich reiste ab. ehe sie zurückkehrte. Reiste ad, als ihr kleiner Bruder mir aus der Straße erzählte, die Großmama sei tot und begraben, und Eltern und Schwester kämen nun bald wieder heim. Ich kniff aus, Marie, feiger Kerl, der ich war, weil ich wußte, daß ich vor (Hfrieoe# sieghaftem Aicheln doch balo die Waffen strecken würbe!"
„Und — nun?"
„Nun hat sie auch ohnedem gesiegt. Wunderbar! DaA Zusammentreffen mit dir — unser Wiedersehen und Beisammensein — hat mir das geliebte Ntädchen wieder ganz nahe gebracht! Obgleich ihr doch nicht die geringste Aehnlich-


