132
„Bin ich das etwa? Wir beide passen wundervoll zusammen, Mille und ick."
„Komm' einmal her, Marie," sagte Hans ernsthaft. Er nahm iie bei der Hand und führte sie zu einem primitiven Bänkchen nahe einer Gartenpforte. Sie harten in: raschen Vorwärtsschreiten das Ende der Gasse erreicht, und damit schon wieder die eigentliche Grenze des Städtchens: hier führte ein Fahrweg zwischen Gärten und vereinzelten Häuschen völlig ins Freie. Hans drückte feine Begleiterin auf die kleine Bank nieder und setzte sich neben sie.
„Wir wollen das 'mal in Ruhe weiter bereden," fuhr er rasch fort. .»In Ruhe und Frieden, nicht wahr? Ich verstehe sehr wohl, was dich zu diesem Entschlüsse getrieben hat
— td) gestehe, daß ich vorhin selbst darüber nachgedacku habe, wie schrecklick seelische Einsamkeit ist. Dein Herz hat nach einem anderen Menschenherzen gehungert — ja: gehungert
— wenn du'S auch selbst nicht gewußt hast — Nach einem Menschen, für den du leben kannst! Aber — ich wünschte, baß du nicht gerade auf die alte Kamille verfallen wärst, weißt du —"
.Ach bab' grad keine große Auswahl," sagte sie kühl, in herber Selbstverfpottung. „Da nimmt man eben, was man kriegen kann. Weißt du wohl, Hans —" sie sah ihn plötzlich "mit weirgeöffneren Augen, starr grübelnd an — „daß du der erste Mensch in der Welt bist, der von meinem Herzen redet? Die andern haben vermutlich gedacht, ich hätte keins — öderes wäre nicht der Bdühe wert, davon zu reden. Das Hab' ich selber wohl ebenso gedacht. Und daß ich doch eins habe — und was damit anfangen kann — das ist mir eben klar geworden, als ich meine alte Mille wiedersah!"
„Du bist ein lieber Kerl, Marie!" sagte Hans gerührt. „Und vielleicht hast du recht: es wird dir gut Lun. daß du überhaupt für einen andern Menschen zu sorgen hast. Es kommt mir jetzt beinahe selber so vor, als ob das zunächst das Richtige für dich wäre. Schließlich — verheiratet bist du ja nicht mit der Alten! Ueberbaupt^ — Hans lachte plötzlich lustig aus — ,Mir tun gerade so. als ob das nur immer so bleiben müßte mit deiner Herzenseinsamkeit! Du bist doch schließlich nicht nur ein gmer Kerl — du bist auch nebenbei noch ein ganz stattliches, ansehnliches, junges Mädel —"
Marie nickte.
„Mit fünfzigtausend Taler Vermögen! Das ist nämlich mein Hauptreiz. Vorher hat mich keiner begehrenswert gefunden. Aber in den letzten Wochen bab' ich gleich zwei Herratsanträge bekommen. Nein, nur anderthalb —: beim zweiten bab' ich rechtzeitig abgewinkr. Man bekommt bald Er- fabrung im Korbausteilen. verstehst du?!"
Sw stand aus. Auch Hans sprang aus die Füße.
„Was waren denn das für spekulative Zeitgenossen?" fragte er belustigt.
„Mein Hauswirt in Treuenbrietzen, ein kinderreicher Witwer und Geschäftsmann, — und der zrveite ein Kollege von der Schule. In Treuenbrietzen spricht sich eine Erbschaft rasch herum. — Aber ich glaube, du mußt zur Babn, Hans — viel Zeit kannst du unmöglich mehr haben."
Hans zog die Uhr.
..Noch fast eine Stunde bis zum Abgang des Zuges! Durch die Anlage um die Stadt herum brauche ich keine rwan- zig Minuten. Bringst du mich bis zum Wachturm? Du bist darin gan^nahe deinem Horel und kannst da gleich Quartier beitellen. Ich bringe dich gerne selbst hin, wenn ich noch Zeit habe. —"
Bewahre! Das besorge ich schon alleine. Natürlich arl^n wtr zusamure» bis zum Turm. — Hier ub Malkes
©arten --besinnst du dich? — Wo Nur immer Pflaumen
gemaust baden.
..Es waren aber auch die schönsten Pitanmen in der ganzen S.adk." lackte Hans.
«rouberbar wie st: st es deu: hier ist — nickt wahr? uä!U es dir ruckt auf? Man lieht kaum einen Menschen —" ,."s.as in wohl immer so gewesen, und nur du bist anders gewohnt ^worden." meinte Mlirie nacddenklick». „In den .inlagen getn man d er eben nur Sonntags spazieren, bas war von Hetzer so. Irr man überdauvt zu uniei-er Zeit stxinereu gegangen' Nur die Binder bummelten bernnr sobald iie keine Schule hatten Und die sind heute auch 'awn nack Hause Es wird ja jetzt schon früh Abend.
Tu- herbstliche Dämmerung senkte sich in der T<u dererrs in hörbarem Sckioeigen in kübll^rrer llnsaßlickkeit berab — T-as karge Leben der kleinen Stadt edbre hinter ihre Mauern zurück Hier und da ein verklingender Ruf. ein verschwom
mener Halt, der die Stille noch eindringlicher machte. Dclckes Laub, das lautlos mit der Dämmerung niedersank. Feine graue Nebel, die lautlos aufwärts stiegen, — dazwischen die beiden auf menschnverlassenem Pfade, still dahin wandelnd' als fürchteten sie sich davor, das große Schweigen der Nattlr zu dtrrchbrechen. — — —
So erreichten sie die alte Brücke, bogen zu ihr hinüber und lehnten lvieder eine Zeitlang in lautloser Betrachtung am Geländer. Der Nebel war starker geworden, die Stadt verbarg sich dahinter in unsichtbarer Nähe. Jenseits der Brücke verglomm das Abendrot über -freiem Felde, fahle Glut schimmerte hinter walteirdem Flußnebel. So unwirklich war altes iit dem fortschreitenden Verdämmern. ---
Fest und sicher zwischen all den schwebenden Gebilden erschien nur die Drücke, auf der sie standen. Die führte klar und gerade von der verdämmernden Stadt ihrer Kindheit in ein fremdes, nebelhaftes Zukunftsland. Tie Brücke und sie beide darauf — das allein war Gegenwart, war Wirklichkeit. Ein Stillestehen, ein 2 lusruhen in schlichter Symbolik — so voll friedlichem Genügenlassen, daß es Maries suchende Seele wunderbar erquickte.
Heut war zum erstenmal vor: ihrem Herzen geredet worden. Von ihrem Herzen, das nach einem anderen Menschenherzen hungerte. -Sie sann den Worten nach, die
sie tiefer erschüttert hatten, als der, der sie gesprochen, ahnen mochte.
Und sic sah fast schüchtern zu ihm hinüber, der ein paar Schritte von ihr entfernt stand. Den Hut harre er auf das breite Steinaeländer gelegt, beide Hände auf den Stockgrisj gestützt, den Kopf in den Nacken, den Blick vorwärts gerichtet, ans die untergehende Sonne. Er sah an der Gefährtin vorbei. und sie ließ chr Auge nun ungehindert lange und immer vertiefter ans ihm ruhen. Jetzt, in der völligen Ruhe, sah sie. wie edel geschnitten dies Antlitz war. Und so durchleuchtet von innerer Warme, so beseelt von guten und wahrhaftigen Gedanken, mit denen er andere Seelen weckte und reichen mackte.
Sie beide ganz allein — beieinander — wäre das nicht genug für das ganze Leben? Das hungrige Herz der armen Marie füllte sich bis zum Ueberfließen inu einem einzigen Bilde, einem einzigen Empfinden. Einem Empfinden, das sie noär keine Zeit, kerne Fähigkeit besaß, nach ihrer Art zu zerlegen, klar mit Namen zu nennen — sie fühlte es eben nur —, aber sie fühlte auch schon erschauernd seine übermächtige, durch Gedanken und Wille nicht mehr zu besieqende Macht.
Da klang ihr Name sanft und klar in die selig schmerzende Verwirrung hinein. Sie schreckte empor — Haus hatte fick ihr voll zugewandr. er tat ein paar listige SchriLZe auf fte zu. und ihre erste unwillkürliche Regung war ein scheues Zirrückweichen.
(Fortsetzung folgt.)
vas Ziel.
. -Schluß.)
Me Soumage nahm er den Weg Humus zu dem Buch»mst!d- cken und zog nine Kreise um das deine Haus. Iept wußte er auck, wer cs bewohnte: ein Steuermamw der es uru seiner Frau, einer Kamrmrstochter. er^iratet hatte, lrr erstihr die Namen und Ver- tÄtnine der kleinen Familie, das Atrer der Kinder, von denen Um >2« Mädchen. Anftc. w gut ge stet, daß er ibüi immer freundlich zmächelre.
Man wußte auch in dem kleinen Haust, iver er war, und einmal un Herbst, als der Wald schon bunt gesprenkelt in absterbe::den V. örtern wand und die See unter einer niedergehenden Sonne wie erne :oeue. stlberne. pvn rötlichen Li . i .u üb'rtanzre Fräst' log lud ibn der Btcucmumu. als Brendicke nahe dem Gärtchen am .>cm H< unweg begrirstn u>ar, mm Äusiuden am die Bank ein. Diesmal lra. dst Frau mit der- Kindern fort und die Männer wßen ast.m.
^reuerurann er rate re von stiner lehren Fadr: nach Ba:.:ria urrd Brendtcke tatfifa c t tzn. Eke er ging, reigte idm der
Steuermann lmt frctifctgrci S:ol; sein kl me5 Sftüw und mit oü::r% etgenrmnl'.chen Gerüdl ging Breudicke da reo die niedere, eneei: ^imm e die durch ihre altmodiscl. 1 Möbel noch rro : r rv tmrven. durch den stur der gehhaltenen Garten a-v' der Rück rw, !NS in *eDt^abgenrU'lseu Beeten und Rabatten an ckeatüstn wuchst Familie brauchte, stlbst in den klein et: Stall, wo eine eu;e ^rege stach», die ihn mit ihren lebhaft«, glänzend neag:er:g an a.
Er kam »ich redruckt :me ein Eindringling vor, der unlautere )' - gegen ftenckn» Best7, degr. und une b mn n überkau: ein datz rr einmal die. selbst wohnen und de- Frieden Annexen konnte, den bv: alles atmete.
HAI-'
st".
» i
*


