Mittwoch, den w. März
V
Pechmarie und Hans im Glück.
Die beschichte einer Jugendfreundschast von C. v. D o r n a u. Nachdruck und Uebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
(Fortsetzung.)
Hans glitt vom Tisch herunter und ging still hinaus. Er schritt vorsichtig die steile, knurrende Treppe wieder hinunter, über den .Half uuis die Müsse zurück und wie eine Schildwache wohl eine halbe Stunde draußen auf und nieder. Die Zeit wurde ihm nicht lang. Sein ernster, nach innen gerichteter Blick sah nichts von dem kleinstädtischen Leben um ihn her, das ihn neugierig und naiv-dreist anstarrte.
Endlich kam Marie. Er hatte erwartet, daß sie ernst, ja traurig gestimmt sein würde. Statt dessen lachte sie ihm freundlich entgegen und ihr winkender GruH war beinahe übermütig.
„Hans," sagte sie atemlos, sobald sie ihn erreicht hatte, „ich muß dich bitten, allein nach, Berlin znrückzufahren? Sei nicht böse, daß ich dich im Stiche lasse — ich muß um Milles willen noch hier bleiben."
„Aber du kannst doch unmöglich bei ihr wohnen? Es ist ja kaum Platz für die Mte selber in ihrem Vogelbauer."
„Ich will in dein Hotel absteigen, wo wir zu Mittag aßen. Das bißchen, das ich für die Nacht brauche, kaufe ich mir rasch. Ich hoffe, ich habe Mitte morgen so weit, daß sie mit mir geht."
Hans stand in fassungslosem Erstaunen vor der lebhaft, ja heiter Redenden.
„Mit dir —" stammelte er. „Du kannst doch nicht — bit willst doch unmöglich die Alte mit biv nehmen!"
„Mit mir und zu. mir? Gewiß! Warum nicht? Sie hat tnir's schon halb und halb versprochen."
„Nach Berlin? Mer das ist ja —"
„Nach Berlin oder wohin ich sonst bestimme. Wir trennen uns nicht mehr."
„Mer ich bitte dich, Marie — das ist ja hirnverbrannter Unsinn! Auf so was kannst du nur kommend
„Du bist sehr liebenswürdig. Von hirnverbranntem Unsinn ist keine Rede. Ich habe mir altes reiflich überlegt."
„Reiflich? In dieser halben Stundet
„Aus die Zeit kommt es nicht an. Ich bin mir ganz klar, daß ich richtig und vernünftig handle."
„Und ich bin fest vom Gegenteil überzeugt! So felsenfest, daß ich's nicht zugeben werde—"
„Zugeben? Lächerlich! Ich Hab' dich, glaub' ich, uixfy nicht um Erlaubnis gefragt!"
Sie sahen sich zornig tu die erhitzten Gesichter. Ein kleiner Halbkreis gaffender Kinder bildete sich bereits um die Zankenden, die unbekümmert laut und heftig weitersprachen.
„Ob du nrich fragst oder nicht — ich bin doch für dich verantwortlich!" rief Hans.
„Verantwortlich? Für mich? Blödsinn?" rief Marie ebenso hitzig. „Ich möchte wissen, wieso!"
„Ich Hab' dich hierhergebracht, und so fühle ich mich verantwortlich für allen Unsinn, den du hier begehst."
„Und ich spreche dich feierlich von jeder Verantwortung frei! Ich weiß allein, was ich zu tun habe."
„Das weißt du leider anscheinend trotz deines starren Dickkopses nicht! Und ich versichere dich —■
Haus hielt plötzlich inne, denn die junge Dame, zu der er so außerordentlich unhöflich sprach, hatte sich auf den Hacken umgedreht und war kaltblütig, in äußerster Nichtachtung, mit Riesenschritten davougegangen.
Er gab einem Jungen, der ihm mit offenem Munde im Wege stand, einen derben Nasenstüber uno ging in gleicher Eile hinter der Zornentbrannten her.
„Marie! So nimm doch Vernunft an! Marie! Hör mich doch wenigstens an!" rief er ärgerlich.
Sie schritt unentwegt weiter, sah Boeder rechts noch links. Er hatte sie jetzt erreicht und ging neben ihr.
„Natürlich! Wenn man keine Gründe hat, läuft man feige vor 'ner Auseinandersetzung davon?" bemerkte er ingrimmig.
Sie fuhr herum und blitzte ihn aus zornigen Augen au.
„Feige? Weil ich deine Grobheiten nicht mitanhören mag? Denn du verkriechst dich hinter die Grobheit, weil du keine Gründe hast!"
„Gründe? Zehn für einen!"
„Da wäre ich aber neugierig —"
„Es sind so viele, daß ich sie in der Geschwindigkeit gar nicht alle aufzählen kann. Erstens: man soll alte Bäume nicht mehr urnpflanzen! Das ist ein gutes, weises, vielerprob tes Sprichwort — die alte Kamille ist nie aus ihrem Neste herausgekommen."
„So? Das weißt du ganz genau?" Marie sah ihren Gegner triumphierend an. „Nun, du irrst dich doch, mein Lieber! Mille ist vor 25 Jahren mit ihrem Mauue hergezogen, der allerdings aus der Gegend stammte und in der Heimat sterben wollte — was er gleich darauf besorgt hat. Vorher hat sie aber mit ihm in Bremen gelebt — er war Steuer» mann — und auch öfters große Seereisen mitgemacht!"
„Und nun willst du mit ihr zur See gehen?"
„Red' keine Albernheiten. — Ich will mit ihr in Berlin leben. Und versuchen, uns irgendwo ein kleines, eignes Heim zu gründen. Begreifst du denn nicht, Hans?" Marie bl-ieb stehen, faßte seinen Arm und sah ihm ernst, ja traurig, aber ohne Bitterkeit in die Augen. „Was das für mich bedeutet? Ich Hab' doch n»ve ein eignes Heim gehabt! Du mußt ja nicht denken, daß ich etwa nur für Mille sorgen will - es ist sehr viel Selbstsucht dabei — ich denke sogar hauptsächlich an mich
„Pah! Wer dir das geglaubt! Wenn du ein bißchen mehr an dich — und über dich selber nachdächtest dann würdest du dir nicht die Alte aufhalsen wollen, die ia gruudgut und treu und ehrlich und was sonst noch alles sein mag — aber alles andere eher als angenehm und- liebenswürdig —"


