Ausgabe 
12.3.1917
 
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blickte arilfjeüb nach dein Nuthaus flügel hinüber, m dem letzt seines Vaters Amtsnachfolger wohnte. Ihm war das Herz so lueit ausgegangen beim Wieder begegnen ocr Jugend- aespielen, daß die Wehmut keinen Platz mehr dann fand. Der Sonnenschein spülte alles Drübe fort, und nur das Gute htieb*i

Denke, Marie! Ich spüre nicht die geringste Lust, auf den Mrchhof zu gehen, bct3' Grab lmeim^ Vaters zu besuchen, sagte er plötzlich.Es klingt sonderbar, nicht wahr, aber trotzdem ist'S so: es würde mich geradezu stören, an Vaters Grab zu treten. er ist mir so völlig lebendig gegen­wärtig, das; ich ihr: überall zu sehen meine, als ob er neben mir herginge. Hier ist die bessere Straßenpflasterung vollendet, die er angeregt hatte> hier steht das Denkmal

ß r den alten Kaiser, zu dem er den Grundstein legteI rt drüben die Schule er Yaks durchgesetzt, daß sie so stattlich und luftig genant wuroe. . Aber ich vergaß: Dir wird anders zumute sein ich begleite dich auch sehr gerne zum Kirchhof hinaus, liebe Marie oder wenn du allein gehen willst'"

Nein," sagte sie kühl;weder das eine noch das andere. Mir würden meine Gräber noch viel wertiger sagen. Ich habe ja meine Mutter nie gekannt, und mein Vater" sie brach ab, hielt inne, sprach nach einer Pause ruhig, ohne Bitterkeit weitermein Vater hat nie Zeit für mich ge­habt. Ich habe ihn immer nur gestört. Mir lvär's, als ob

«H t(m öud> Seut nur stören würde.-Ich Hab' noch gar

nicht nach deiner Mutter, deinen Schwestern gefragt."

Mutter lebt in Brasilien bei Iva, die gut, ja glänzend Ml einen Kaufmann verheiratet ist. Mein Schwager wollte mich damals in sein Geschäft aufnehmen, aber die Sache zerichlug sich wieder zu meinem Glück! Ich säße sonst Wohl dort festgenagelt. Anna ist gleichfalls verheiratet cot einen Missionar in Kapstadt. Ich stehe im Grunde genau ko allein in oer Aelt, wie du, Miarie. Uebrigens wenn s-as da drüben nicht die holde Hüterin deiner Kürdheit ist, basse ich mich hängen"

Wo? Wen meinst du?"

Das huschettde Spttkeweibchen drüben an der Haus­mauer. Siehst du's jetzt? So mausgrau, so umvahrfchein- ltch dürr, so verschrumpelt vermag kein anderes altes Weib­chen auszusehen! Ich schlage vor, daß wir ihr heimlich folgen und sie erst vor ihrer Haustür überrumpeln."

Er vürschte sich auf die andere Straßenseite und wies der kurzsichtigen Marie den Weg. Aber sobald sie erst die «lte Frau erkannt hatte, von der sie fast allein im Leben Liebe empfangen, kam's übermäßig über sie: sie ließ sich nicht mebr von Harts zurückhalten, sie schoß davon, rannte einen schimpfenden Bäckerjungen cm, erreichte die Alte grade sm Eingang ihres Gäßchens und überfiel sie förmlich vort rückwärts.

Mille! Liebe, alte Mille! Da bin ich!"

Das Weibchen war dem Anprall kaum getvachsen. Es

K ,rie erschrocken und ärgerlich auf, fuhr herum, starrte dem ngen Mädchen sprachlos ins Gesicht:

Die. Marie! Natürlich ! ktiurrte sie nach einer atem­losen, kleinen Pause.Rennt einen beinah um-- du

wirst auch mein Lebtag nicht vernünftig!"

Marie statrd entgeistert. Hans kam mittlerweile heran »nd begrüßte die Alte mit scherzhafter Gravität.

Sie sah ihn mißtrauisch an.

Wer is nu das wieder?" brummte sie.

Aber, Frau Kamilla! Kennen Sie mich denn wirklich nicht mebr? Ich bin doch der Hatts Jmhofs!"

So? Na das war auch ein rechtes Bürschchen! Wie kommst du denn mit dem zusammen, Maries

Wir haben uns in Berlin getroffen und sind zusammen yerge fahren"

Wir hatten plötzlich so furchtbare Sehnsucht nach Ihnen, Krem, Kamilla!"

. r ^ * a Unsinn-Na, denn komm s' man

»n btßchen zu mtr, Marte schön iS es' zwarstens bei mir nich (

Sie trottete brmnntend voraus, Marie tutd Hans folg­ten. Er sah der Verdutzten schelmisch ins Gesicht:

Ich bin anscheinend nicht in die freundliche Ei«laduna einbegriffen!" flüsterte er.Aber ich komme natürlich mit. 3 Ü ) lasse dich nicht allein in die Höhle der Löwin -- das wäre unritterlich, feige! Fressen kann sie uns übrigens! nicht' sie besitzt, soweit ich's beurteilen kann, keinen ein­zigen Zahn mehr."

Bäcker Michaels Halts war bald erreicht. Die Mke führte ben Weg durch die Hoftür einem Seitengebäude zu und kletterte gewandt die leiterartige Stiege zum einzigen Stockwerk empor. Sie schien überhaupt noch erstaunlich flink und geschickt, und das mehr als einfache Stübchen, in das sie den Befttchern vorarts eintrat, leuchtete geradezu vor veinlichster Ordnung und Sauberkeit. Die Alte wischte mit der tadellos reinen Schürze ein paar Staubkörner von den beiden einzigen Stühlen.

Da setzt euch," befahl sie, ohne die Gäste anzusehen. Daseuch" war das erste Zeiten, daß sie von Hansens An­wesenheit Notiz nahm. Marie setzte sich wie ein gehorsames Kind. Hans Jmhofs aber schob dar Alten den Stuhl zu und schwang sich gewandt auf die Ecke des blankgescheuerten Tanxentisches. &

Lieber tot, als unhöflich!" behauptete er.Die Sitz­gelegenheiten find für die Damen. Sieh dich nur 'mal um, Marie, wie nett es hier ist! Diese kleinen Fenstervorhänge haben direkt einen koketten Schwung. Und sogar Blumen stehen auf dem Brette draußen und die Kochtöpschen blitzen und blinken nur so!"

Die Me warf ihm einen schiefen Blick zu.

Der macht sich wohl iiber mich lustig?" fragte sie knapp. Den hätt'ste auch nich mitbringen brauchen, Marie" Bitte sehr,' Frau Kmnille, ich habe Marie mitgebracht! Ich habe sie erst überreden nein, geradezu zwingen müssen, heute ftüh mit mir herzufahren!"

So! Na denn hätt'st du ja nich kommen brauchen. Marie! Wer nicht gerit und von selber kommt der soft man lieber ganz wegbleiben!"

Hans sah seinen Fehler ein und versuchte gutzumachen. Das wäre Marte aber höchst traurig, wenn Sie sie gleich wieder fortjchicken wollten! sagte er.Sie hat sich schon in der Mm so innig auf ihre alte Mille gefreut h ite geschlagene Stunde lang hat sie intmerzu nur von Ihnen gesprochen1 und hier hat sie gar keine Ruhe gehabt, bis wtr erst wußten, wo Sie wohnten, und auf denr Wege zu Jhneit waren."

So!" sagte die Alte wieder. Sie stand noch immer und sah mit milderem Gesicht auf das still uitd ernst dasitzende Mädchen. Langsant hob sie die dürre Rechte uub strich Marte sanft ein-, zweimal über die Schulter.Nimnt doch den Hut ab daß man dich ordentlich besehen kann!" stieß sie plötzlich hervor.Ich ich freue nt ich, daß du gekom­men btst"

^ Dürr und kantig wie sie selber war auch Frau Kamillas Sprache selbst jetzt, wo sie von Freude redete. Wer Marie Verstand ste aus der alten Zeit und vielleicht auch nuS dev verwandten Weke^art heraus. Sie riß den Hut ab, wars fef'artf'de«! Tisch VMschlang beide »me uni IMe

... "Da hast du mich, Mille," sprach sie mit bedeckter, schwankender Stimme und zog die Stehende so dicht an sich heran, daß ihr blühendes, sanft bewegtes Gesicht de», alten verwitterten ganz nahe warda hast du mich, Mille!"

du°n7r wiUst e -?? d> IeifCr ' mn m f '° öcnau wie

Mer im selben Augenblick riß sie das Frauchen völlig «n s»ch u,id verbarg ihre wemenden Augen au der Brust der alten Warterm.

' (Fortsetzung folgt.)

Das Ziel.

Erzählung von AlfredSemera ii (Berlin),

Kaufmann Adcrftröm pflegte zu sagen:Zum Leben braucht man eine feste Hand und ein scharfes Auge, das das Ziel immer vorl sich steht. Denn em Ziel hat doch jeder" Während er aber diese Satze mtt erhobener Hand eindrucksvoll begleitet hatte, hielt er nun emeu Mgeublick nachdenklich inne, blickte stirnrunMid vor hrn und fügte dann gedäntpfter hinzu:Wem: auch die andern! mernen, daß es urcht der Fall sei". Dann dachte nämlich Aderströnr scmeu Buchhalter Brendicke, dessen Lebensfül-rung und Lebcn^- »tei für thn stets in einem böimrichigendert Zivielicht blisb.

Brendicke war nrit Aderftröin groß und grau gelvorden. Als Adevström noch seinen kleineir ltiedern Laden mnl Hafen hatte, lvar Brendicke als Koutinis zu ihm gekommen ititb hatte ihn auf allen erfolgreichen Etappen treu und fleißig begleitet, bis er jetzt in dem grosen Geschcht ain Msrrkt seit Jahren als erster Buchhalter amtierte. AdeBrönr war ohne Bcendicke nicht zu dcn^n. Aberftröm hatte seiner, Uneutbeh^icherr Gefährten fast den garten Täg unter den 9Äiß«t, aber v»n drn Grdrnrk-nt urtd Gefühleu Br«rdi«kes wußte er so viel wie dantals, als der junge Kommis Stellt mg sttchünd zu