Ausgabe 
12.3.1917
 
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Pechmarie und Hans im Glück.

Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C v. D o r n a u. Nachdruck und Uebersetzungsrecht m fremde Sprachen Vorbehalten.

(Fortsetzung.)

Und sie erzählten. Der Freund halte die Gläser frisch gefüllt und saß mm hockte vielmehr aufmerksam auf «ineni Schemel, die Hände zwischen den hochgezoaerien Knien, vornübergebeugt, die großen, glänzenden, etwas her­vorstehenden Augen abwechselnd auf den jeweilig Sprechen­den gerichtet. Jetzt, wo die Röte der Erregung aus setti-em Gesicht zurückebbte, sahen sie deutlich, wie spitz und fahl das im Grunde war. Und die kleine, hagere, kümmerliche Ge­walt paßte dazu. Es war im Grunde ein trauriger Anblick. Aber die große, lvarme Freude lag wie Sonnenschein dar­über und nahm alles Schmerzliche hinweg. Die beiden taten jetzt wie Philipp Koch selber: sie wollten nur das Gute sehen und glauben! Und sie erivärmten sich an seiner Herzens- ivärme, die belebend wirkte wie der edle, alte Rheiruvern in den schön geschliffenen Kristallgläsern.

Es freut mich daß du nach deiner alten Kamille fragst!" sagte Philipp zu Marie.Es geht ihr nicht sehr gut das heißt: gerade Not leidet sie nicht, da wird für sie gesorgt aber sie krankt an ihrer Einsamkeit, ihrer völligen Verlassenheit. Es ist nicht gut, daß der Mensch aUein sei. Dein Besuch wird ihr eine unendlich große Freude sein. Wir haben öfters von dir gesprochen, sie und ich."

Wo ist sie denn jetzt in Stellung?"

Philipp wurde ein wenig verlegen.

Ja, siehst du in Stellung i!st 'sie nämlich gar nicht wehr. Es wollte sie keiner mehr nehmen. Sie hat so ein ui glückliches Wesen, die arme Alte immer schlechter Laune, immer im Begriff, toas übel zu nehmen."

Aber wo steckt sie denn? Ich Hab' dich ein bißchen in Verdacht, guter Philipp, daß du ihr Unterschlupf gewährt hast"

Philipp verwirrte sich abermals ein bißchen.

,£), nicht doch nein! Das hätte meine alte Liese doch picht zugegeben! Ick Hab' aber manchmal mit ihr zu tun gehabt, weil ich meines Vaters Nachfolger in der Armen- »onnnission geworden bin. Sie wohnt etwas armselig» das ließ sich nicht ändern in einer kleinen Hinter sticke beim Bäcker Michael. Ihr besinnt euch doch, iricht wahr? Es ist leider ein tüchtiges Ende von uns ganz am Ende der Pfahlgasse."

Ja, sie besannen sich und lächelten verstohlen. Für jemand, der seit drei Wochen in Berlin umherlief, gab's hier keine Entfernungen mehr. Sie erklärten, jetzt die alte Kin­derfrau besuchen zu wollen, nick forderten den wiedergesim- denen Jugaickfreund aus, mitzukommen und die kurze Zeit­spanne, die dann noch für die alte Heimat übrig blieb, mit ihnen zu verbringen. Aber Philipp Koch nrußte darauf ver­dichten.

Ihr wißt, ich besitze nun imsere Apotheke ganz allein und trage die Verantwortung dafür! Und mein Provisor fährt heute über Land zur Hochzeit seiner Schivester. Er kommt erst überinorgen wieder, und so lange bin ich ans Haus gefesselt. Ja, wenn ihr gestern schon gewmmen wäret. Ich dachte eigentlich, ihr käntt schon gestern."

Na, höre mal!" rief Hans.Du tust ja gerade so, als ob du uns erwartet hättest!"

Das sanfte, freundliche Gesicht des jungen Apothekers verwandelte sich. Es wurde alt, spitz, arau. Es war, als ob urplötzlich ein Schatten darüber siele. Er schlug den Blick zu Boden.

Ich habe euch gestern gesehen," sagte er leise.Gestern um Mittag. Da wollte ich um Tor spazieren gehen und kam die Psarrgasse hinunter, auf die alte, steinerne Brücke zu. Und da standet ifyi beide smitten auf der Brücke nein, Haus stand da, du, Marie, hattest dich gegen das Geländer gestützt. Und ihr spracht erst gar nicht mit einem Male singt ihr an zu reden und euch umzuschauen und bald hierhin, bald dorthin zu zeigen. Da lief ich schnell aus euck zu. winkte und rief. Aber als ich ganz nahe heran war, stand niemand mehr da. Und da wußte ich, daß ihr sehr bald kommen würdet."

Philipp hatte zögernd, wie widerwillig gesprochen. Jetzt toandte er sich ab, der Zimmertür zu. Dre beiden aickeren standen betteten urck schweigend. Wieder wollte sie jeneö wunderliche Bangegefühl überkommen. Aber es versank wieder vor der liebenswerten, lebenswarmen Persönlichkeit des alten Gespielen. Hans Jmhoff schlang rasch einen Arm um die zarte Gestalt des andern.Spielst du immer noch den Spökenkieker, Kleiner?" fragte er fast zärtlich scherzend.

Philipp sah zu ihm aus, ohne gleich zu antworteir. Es war ein tiefer, schmerzensvolter Blick, vor dem sich Hausens helle Augen sentten. Schon sprach die sanfte Stimme weiter:

Wenn man so Gutes voraussieht, läßt man sich's gern gefallen. Mer eS trtt mir leid, daß ich davon geredet habe, seit langen Jahren Hab' ich das nie mehr getan, die große Freude rst daran schuld, die hat mir seit gestern mittag gar keine Ruhe gelassen. Liese hat die Putzstnde instand setzen müssen und Kuchen backen> und ich bin jeden Augenblick hier ins Zimmer gelaufen, um nachzuschanen, ob cnrch alles in Ordnurm war. Ihr habt mir eine so große Freude be­reitet, ihr Lieben"

Sie standen jetzt abschiednehmeud im Vorsaal. Ein junger, rotbackiger Herr mit feurig flatternden Schlipsenden und einem Handköfserchen in der Rechten kam grüßend die Treppe herunter. Augenscheinlich der abreisende Provisor. Marie drängte zum Aufbruch. Hans umarmte den gastfreien Jugendfreund mit Wärme:

Wir wollen von nun an treu Zusammenhalten, alle drei!" versicherte er bewegt. Und der kleine Philipp nickte und lächelte:

Ja, das wollen wir! Noch haben wir ja Zeit dazu!"

Schweigend, ohne sich umzusehen, ging Marie über den von spielenden Kindern froh belebten ''Marktplatz. Hans