Ausgabe 
10.3.1917
 
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Pechmarie und Hans im Glück.

Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C. v. Dorn an. Nachdruck und Uebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.

(Fortsetzung.)

Da grüßten schon die schlanken wohlbekannten Kirche türme, i>a hob sich plump und breit der trotzige Wachturin, ein letzter t Rest mirt-eualderlicher Besestigungskunst. Da schmiegten sich die Häuser und Häuschen der Vaterstadt in das bunte Herbstgewand ihrer Gärten. Wie ein Pano­rama rollte sich das altoertraute Bild seitwärts aus, wäh­rend ihr Zug in breitem Bogen die Landschaft durchschnrtt. Nun hielt er zum letzten Made, nun loaren sie angelangt! Sie vergaßen fast eines des andern in der freudigen Erregung des Augenblicks. Und sie vergasten, daß in der alten Hermat eigentlich nichts sie erwartete, als ein paar Erinnerungen und ein paar Gräber ihnen war zumute, wie Kindern, die sich hinter der Tür der Weih nacht sstube drängen so, als ob etwas unfaßbar Schönes, unerhört Kostbares hier für sie aufgehoben lag.

Wundervoll war bereits das breite, traute Platt, das gleich auf dem Bahnsteige an ihr Ohr schlug. Ueber zehn Jahre hatte es keiner von ihnen mehr gehört oder ge­sprochen. Nun war's mit einem Scl)lage, schier märchenhaft, wieder da, und der Klang ihrem durstig gespannten Lauschen so selbstverständlich, als ob das korrekte, farblose Hochdeutsch dieser zehn Jahre eine fremde Sprache gewesen wäre. Daß ihnen kein einziges bekanntes Menschengesicht gleich aufdringlich in beit Weg kam, vertiefte nur die glückliche Kindermärchenstimmung. Die roten Backfteingebäude der Station, die windschiefe Pappelallee, die z-um Städtchen hineingeleitete, das zerfallene Stück Mauer neben dem Wachturm, der alte Turm selber, durch dessen kühle Wölbung sie andächtig schritten sie alle redeten za bereits wie mtt Menschenzungen zu ihnen, grüßten sie wie alte, treue Freunde!

In einem ihnen bisher unbekannten, von Neuheit und Sauberkeit protzenhaft triefendenHotel zur Eisenbahn", einein der ersten Häuser des Städtchens, kehrten sie ein. Das Gastzimmer war noch leer, der fremde Wirt bediente sie selbst; er musterte die unbekannten Gäste mit kaum verhehlter Neugierde. Hans aber ließ ihn grausam im Ungewissen. Er machte sich mit Hingebung über das früh­zeitige Mittagsmahl her ein gütiges Geschick hatte ihm auch einen gesegneten Appetit und einen beneidenswert leistungsfähigen Magen verliehen.

Marie leistete ihm tapfer Gesellschaft. Sie hatte seit dem dünnen, hastig genossenen Pensions-Frühkaffee noch nichts zu sich genommen. Sie tafelten also fröhlich und mit Verständnis. Das Essen war von jener reichhaltigen Güte, von der die Großstadt kaum mehr einen schwack>en Begriff deicht. Auch daß der Wirt sie andauernd neugierig um­

schnupperte, bereitete ihnen Spaß. Sie Vamen sich plötzlich so ein bißchen als inkognito reisende Fürstlichkeiten vorl Wenigstens Hans fand das und flüsterte es Marie schelmisch zu. Sie nickte nur, sie hatte ebenso wenig Zeit zu längere Erörterungen wie er.

Endlich war selbst ihre jugendliche Etzlust befriedigt durch die kräftigen, heimatlichen Speisen: Spickaal mrt Blumenkohl, Gänsebraten mit Kraut und Klößen. und was sonst die tüchtige Wirtin noch auffuhr Hans bezahlte die für großstädtische Begriffe höchst bescheidene Zeche, wobei er Maries Zioanzigmarkstück wechselte. Dann sah er sie lästig fragend an.

Was kommt nun? Wohin gehen wir zuerst?"

Bis zirm Turm zurück," bestimmte Marie;ein Stück an den Bleichen entlang zur alten Brücke vor der Pfaugasse - ich muß erst 'mal wieder auf der alten Brücke stehen!"

Sie brachen aus Wirt und Wirtin traten in die Haus­tür und schauten ihnen nach. Die Straße war jetzt belebter als vorher; Landleute kehrten mit Wagen und Handkarren vom städtischen Wochenmarkte heim, rm sexualen Durch­gang des Turmbogens staute es sich. Die beiden schlüpften vorbei und hindurch, Hans führte den Weg: Jenseits des Turms ein gewundener Fußweg zwischen Gartenzäunen und sanft abfallendem Wiesenplan. Weiter unten gluckste und schimmerte das träge rieselnde Flüßchen, das eine neue Fülle von Erinnerungsbildern in ihnen auslöste von Zeit zu Zeit führte ein schmaler Steig hinunter. Sie blieben auf dem Hauptwege, bis er sich mit einer Fahrstraße kreuzte, die rechts als Pfarrgasse ins Stadtinnere eindrang. Sie aber bogen hier links um und standeil nach kaum hun­dert Schritten hoch über dem Flüßchen, auf steil gewölbter, uralter Steinbrücke.

Erst sahen sie stumm umher, zur Stadt zurück, in das rascher durch die Enge sprudelnde Wasser hinunter. Dann kam's über sie, daß sie in überstürzender Hast die lebendig gewordenen Eri "--rungen austauschten. Rede und Gegen­rede flog nur so und wieder:

An dieser Stelle war's. wo der zu schwer beladen« Schuttwagen auseinanderbrach"

Nein, das eine Hinterrad brach ab - J

Und der Wagen fiel gegen das steinerne Brücken­geländer und zerbrach es"

Und am nächsten Tacze stürzte das kleine Lieschen vom Bachmüller durch die Lücke in den Fluß hinunter und ertrank."

Richtig! Das Bachmüller-Lieschen war's! Und Philipp Koch hatte das Unglück vorausgesehen wenigstens be­hauptete er das nachher y/

Mcht doch. Er hatte es wirklich vo^iusgesagt< ein paar Tage vorher spielten wir alle hier da fing Philipp plötzlich an zu weinen; das Geländer wäre entzwei, und eins von uns fiele hinunter (i

Ja Jetzt besinne ich mich! Wir haben ihn damals halbtot aeneckt. Als dann das Unglück wirklich geschah *