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Nett und — schlau. Das Wetter ist ausgesucht schäm Da steht unser Zug schon. GS ist dur doch recht, daß ich zweiter» Klasse genommen habe? Wir sind ja Kapitalisten genug, um uns so eine vornehme Absonderung gönnen zu dürfen."
Nun saßen sie sich wieder gegenüber wie am Abend vorher, und doch erschienen sie einander fremder im Hollen Morgenlichte. Sie musterten sich gegenseitig neugierig. Dann platzte Hans heraus:
„Du bist hübscher geworden, als ich gedacht hatte, Marie!"
Sie blieb ganz kühl uub unbefangen. „So? Komisch! cst du denn überhaupt früher mal dariiber nachgedacht? u nie!"
„Das glaube ich dir! Sehr vernünftig, daß du keine Drauer um Onkel Poldewitz trügst." /
„Er hat sich'- expreß verbeten: Mir's kurz' vor seinem kkode von der Klinik aus bestellen lassen. Auch, daß ich nicht zu seinem Begräbnis kommen möchte. Warst du da?"
,,/Ach erhielt die Todesnachricht überhcntpt erst Vom Wericht nach der Testameutseröffnung. Der alte Mann tut Mir leid."
„Leid? Weshalb? Er war sehr mit sich und der Welt zuftieden —< so gut er die auch kannte, merkwürdigerweise!"
„Verzeih —i er kannte sie gar nicht gut. Er lebte ganz eingemauert in Ansichten und Grundsätzen, über die er tamn je mit der Nasenspitze hinwegguckte. Und front dem Allerbesten, was das Leben bietet, hatte er keinen Schimmer."
„Was ist denn das?"
„Liebe geben ntrd Liebe et trp saugen. Oder hat er, so- Zange wir denken Wunen, je einem andern Menschen, hat er dir welche a^eigt? Hast du ihn lieb gehackt?"
„Liede? O nein! Darauf sind wir beide nie gekommen!"
„Nun, stehst du — tvie unnatürlich, wie widersinnig ist bas! Der arme, alte Herr war wirklich sehr arm. des vielen Geldes, das er ausgebäuft —i und uns hinter^ mfsen hat, um sich an unserer spärlichen, posthumen Dank- darrest genügen zu lassen. Anstatt daß er unsere Herzet: bei Lebzeiten gewmm. Junge Herzen stird doch so leicht zu ge- wirttien! Ein bißchen Gute, ein Lot Freude —< und matt hat's Jetzt philosophieren wir über unfern Wohltäter, anstatt chn zu beweinen! Darin steckt die ttagische Unnatur." ^ Sre schwiegen nun beide eine Zeitlang. Hans Jnchoff AMe gedankenvoll auf die vorbei flirrende Landschaft,
irie sah ruhig abwechselnd ihn an und gleichfalls zum 8. Sie hatte in der letzten Zeit so viel erlebt.
Küster hmtm-_ v ___
eine Fülle von Gedanken, Zweifeln, Fraget: überstürzte sich M ihrem sonst streif methodisch arbeitetrden Geiste. Gern sie ihnen Ausdruck gegeben, sie kam nicht dazu; es war 8^ vrel, sie ^vang's nicht tn geordnete Sätze. Plötzlich fiel ein, daß sie zunächst mit Hans abzurechnen habe — da- toar etwas Positives, Selbstverständliches; sie klammerte sich dawn in der hilflosen Verwirrung ihres Geistes. S:e öffnete die Hmchtusche, die sie heute fest im Schoße hielt, mrd zog ihr Geldtäschchen: ' P ; '
ruu'^L^ 111 ; 1 dir raus, was du für mich ausgelegt hast!" kotterte ste und reichte es abgewattdt zu ihm hinüber. ' fuhr erstaunt, ja verblüfft, aus tiefem Nachsinnen «npor —, ein vaar Augenblicke sah er sie ganz fassungslos' »n. Dam: wurde er rot.
„Wie die Köchin ihren: Musketter, bevor sie Sonntaas- M:t :hm 'ne Lattdpartte macht!" scherzte er etwas gezwun- ^ einzig, Marie. Nut: ja — gib t:ur her. recht: Onkel Poldewitz hätte das auch so ge- Macht. Aber es geht wirklich tncht, daß du mir jede kleine Auslage einzeln zurttckerstattest. Da — sieh her: ick nehme Mmarksttick heraus und verrechne auf unserer Rückfahrt m:t d:r — bist du's so zufrieden?"
Sre mckte stumm. Sie fühlte sich plötzlich beklommen ^ ^ b üf M ^ Ungeschicklichkeit uut> ymrseus Miß- ^ne breuuettde Trcnre stteg ihr ins Auge. Er sah as und bog stich betroffen zu ihr: ö
ist los? Hab' ich dich verletzt?" fragte er sanft Feustt^zu^ ^ 1Wter »tffSüfoftt gcmz dem
„Neu: gar nicht — es ist gar nichts !" stieß sie sbae-
»nch in RrUie - ich - ich bst, dunnn " Er flrhlte ckr die Qual an und nnterdrültte eit: Läckeln „Dumm nicht - nur ein bißchen Ä Ä ^ltcte er erfrischend gütw. „Sei riUg, alte Marne- das renken wtr schm: nach und nach wieder ein!"
Und er begann heiter und gleichmütig von ihrer Fahrt
der Gegend draußen, detn Ziel ihrer Reise zu plaudern, und schien es gai:z natürlich zu ffcnbeir, daß der gute, schwarzv Drckkops — so nannte er sie imwrlich —, noch eine' ganM . bUb an die Scheibe gedrückt nach außen starrte und höäAt etnsilbig Widerpart hielt. Sie war wirklich noch wie ein Kind. Merkwürdig unreif. Und war doch eigentlich nie ein Äurd gewesen, solange sie den Jahre:: nach eitts hätte sein könnet: — sondern stets ein ernsthaftes', ehrpusseliches Persönchen, voll Würde urck unkitcklicher Schwerfälligkeit.
Sie mußte von dem allzu vielen Nachdenken über sich selber abgezogen werdet:. Das war ungesund, das machte egoistisch. Er hatte das an sich erprobt. Seit Jahret: war thm nicht so tvarm, so reich, so w>ohltuet:d herzlich zumute geivesen, als gestern abend und heilte früh, wo ein anderes! Menschenschicksal seine Gedanken teilnahmsvoll beschäftigte, der Wunsch, etner anderen Seele zsn helfen, in ihm lebendtg ward.
„Wen kennst b.u eigentlich noch von ftüher her in der Hermat?" stagte er nach längeren: Schweigen.
sah ihn müde an: „Ich iveiß nicht -i vielleichtj stellt s m:r ein, wenn wtr ha sein werden."
„Verwandte hast du ja wohl gar nicht mehr — nicht wahr?"
„Nein. Keinen Menschen. Wenigstens weiß ich von nie- mand. Glücklich erweise nicht. Das wären ja doch nur ganz wrldfremde Leute."
„Wer Freundinnen mußt du doch haben?" fragte Hatts vorsichtig tastend ioeiter.
. . „Ich l)ad' immer nur mit euch Jnngens gespielt; Mädels fand tjch! gräßlich. Es' mochte mich auch keine re« lerden. Das war ja auch gcntz natürlich! Die alte Kamille sagte immer —
m /.'^m a i te v drille!" rief Hans. „Ob die twch lebt.
der müssen wir uns sicher erkundigen! Deine alte Kinderfrau! Bor der hatten wir alle Furcht — Krnm- Pas Drachen hieß sie. Du warst damals noch zu klein, du wirst dick gar nicht mehr auf sie besinnen können —"
„Und ob ich das tue!" rief Marie entrüstet. „Sie ist lms erste, was mir überhaupt vom Leben einfällt — mit ihrem brmnmigen, verhutzelten Gesicht! Sie sah schon dü- mals uralt aus. Sie hat, glaub' ich, immer uralt ausgesehen ^ und verschrumpelt — ::nb schlechter Laune —?'
„Das glaub' ich beinahe auch! Ich erinnere mich daß ich ernmal eine furchtbare Ohrfeige von ihr bekommen rf \2 .7 mochte sieben oder acht Jahre alt gewesen sein — weil ich ihr ganz treuherzig versicherte, chr Gesicht wäre so und schrumpelig wie eine Backpflaume. Sie fuhr mch damals reden Tag im Kinderwagen spazieren, und wir .Junger^ bildeten betn Gefolge
„Das heißt: Ihr liest hinterher, um die Me zu ärgern. Das kann rch imr gut vurstcllen. Mt eurer Angst wird's wohl nicht west hergewesen sein. Eigentlich war sie über- Mt gutmutrg, trotz Zankens >ust> Brummens. Ich mag das sehr schnell hcrausbekommeu haben, und nstr ist jetzt zu- mute, als ob rch rhr auf der Rase herumgetauzt hätte."
„Und darauf beslnust du dich wirklich? Du warst doch noch ganz kleru, als du zum Onkel kamst." h,«rf" 1IlI m 0n r i: hatte die Me nicht mit ins Haus nehmen !f ma ' täglich auf, um mir brum
mend einen Apfel oder ein Stuck .Kuchen in die Hand zu
tdC > mußte abends heimlich au das jeweilige Küchenfenster kommen, hinter dein sie grad' in Stellung war lange hat's za .iiemand mit ihr aiis'aehalten - und mir Leckereien oder ein kleines Geschenk holen, was sie sich für Mlch abgcspnrt hatte. — So ganz klein war ich eigentlich gar Nicht mehr, als Vater starb: sieben Jahre! Da sieht und versteht ein Kmd doch schon eine ganze Menge "
and sah zu Boden. Ob die arme Marie davon hatte, was es 1 mit den, jähen Tode ;hres Vaters gewesen ivar? Wohl kaum - sie plauderte so stohlich weiter, erging sich in tausend drolligen Erinne-
tbrenl"Kow/^ ' Ml V fei urplötzlich eine Schleuse in ihrem Kopfe, ihrem Herzen aufgezogen, seitdeni der Name der mürrischen, alten Kinderfrau genannt worden wirr «onz freudenleer ist auch dt« ärmste Kindheit nicht — Ehrung: ün Kinde steckt eine so uner.
Mihrgk«t zur Freude —. und die Erinnerung v«r- rltri auch trübe Jugend mit sonuengoldenen Lichtern'
Er redete nun nicht mehr viel. Er hörte teilnehniend
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