Ausgabe 
5.3.1917
 
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sitzest du hier in deiner Freindenpensivn bummelst ein bißchen durch die Straßen und Museen, gehst mal abends rn ein Theater schön! Sehr schöin! Das ist für eine Werls ganz nett. Mer, was soll dann nachher kommen?"

Das weiß ich eben nicht. Ich, weiß überhaupt gar nichts." 5 . .

Gar nichts? Das ist allerdings verzweifelt weirra! Ich kann mir jetzt ganz gut vorstellen, wie dir zumute ist."

Pah! Keine Ahnung hast du, so was Schauder­haftes kannst drr dir gar nicht vorstellen!" Sie stieß das rn urdrolliger Heftigkeit hervor. Er streckte die Rechte nach ihr hin und strich tröstend über ihre aufgeregt zuckenden Hände.

Du hast den festen Boden unter den Füßen verloren fest war er, wenn auch dürr und hart, und jetzt treibst du wie ein abgewetztes Blatt vor denr Winde!" betonte er sanft. Das begreife ich völlig. Ich verstehe auch, daß du nun erst wieder neuen Ankergrund finden mußt"

Ankergrund? Für ein abgerissenes Blatt?"

Spötterin! Ich freue mich, daß du deinen Humor nicht verloren hast. Ja, Vergleiche hinken immer ein bißchen, liebe Marie. Du bist eben in Wahrheit kein verwehtes Blätt­chen oder Zweiglein, sondern eine ganz respektable junge Eiche, die srch aber immerhin noch ohne Schaden umsetzen läßt"

Wohin aber? Ich wär dir sehr dankbar, wenn das deine Weisheit auch gleich finden wollte."

Meine Weisheit steht dir rnit Vergniigen zur Ver­fügung. Freilichi heute abend wohl nicht mehr dazu gehört wohl etwas mehr Zeit-"

Heute abend!" Sie zog hastig die Uhr und erschrak. Heute nacht willst du sagen. Mitternacht vorbei! Nein das ist ja< das ist ja" Sie sprang aufgeregt vom Stuhl empor.So spät bin ich noch >niemals nach Hause gekom­men! Ich muß gleich fort

Ich bitte dich um alles in der Welt, Marie zappele nicht so! Setz dich nur noch zwei Minuten ich innß doch erst bezahlen wir gehen dann gleich."

Wir? Du kannst bleiben, wenn du Lust hastf' Danke für gütige Erlaubnis. Ich bringe dich natürlich nach Hause. Kellner bitte, zahlen. Cs wäre wirklich an­gebracht, Marie, daß du dich noch ein bißchen hinsetztest."

. (Fortsetzung folgt.)

Der 3ehnmMor?en-Tommq.

. x JStite britische Kriegsgeschichte in zwei Szenen.

Von Alfred Bratt.

E r st e Szene.

Lesezimmer int LondonerKlub der vornehmen Patrioten". Douglas Hopkins, der neunzehnjährige Sohn des ehrenwerten Unter- Lausmitgliedes und Whiskyfabrikanten Sir George Henry Emerald Hopkins, sitzt in einer Ecke anr Kamm. Vor Dolnglas steht ein Keines Tischchen mit einer Batterie geleerter Flaschen. Der junge Donglas ist vornübergebeugt und starrt in sein Glas mit der Miene eines Mannes, derschwer geladen" hat und geistig im Lande jener Träume Elt, die nach einenr anstrengenden Rummel Das beherzteste Gemüt wie der dickste englische Neblel umwallen. Plötzlich erscheint in der Türe Sjir Hopkins. Er erkennt seinen Sohn, und sein von einer starken Erregung gespanntes Gesicht nimmt einen' befreiten Ausdruck an. (

Sir Hopkins:Gott sei Lob und Dank, Douglas, daß ich Dick- endlich finde! Suche Dich seit sieben Uhr abends wie eine Steck­nadel. Habe eine Sache von höchster Wichtigkeit mit Dir zu be­sprechen! Also höre ..." > \

Douglas ohne anfznsehen:Ruhig Blut, alter Herr. Dein! lUnterhausmitglisds-Temperament in Ehren'. ... Du hast eine) fo überraschend heftige Arit, die der momentanen geistigen Ver­fassung Deines Sohnes durchaus widerspricht. W^enn man wie ich oreiundzwanzig Whisky intus hat . . ."

Sir Hopkins:Sprich nicht von Whisky! Das Alkoholein- schvänkungsgesetz unserer Regierung hat meine Fabrik pleite ge­macht!" ... l

Douglas, ohne ansznsehen:Wie Du siehst, ist wenigstens Dein ikohn und Erbe noch ein treuer Kunde . . ."

Sir Hopkins:Hat sich was Erbe! ... Du weißt, wie es mit mir steht. Unsere Schulden sind größer als Dein Verstand..."

Douglas, ohne anfzusehen:Ich l-ä'tte sie noch bedeutend höher eingeschätzt ..." i

Sir Hopkins:Keine Zeit zum Scherzen, mein Junge, nachdem ich halb London nach Dir durchstöbert habe! Also: ich erhielt heute abend einen Brief, der uns Millionen bringt, wenn Drr vernünftig bist/' Er zieht einen zerknitterten Brief ans der Tasche und 'nt- saftet ilm ..Dieses faWt schicksalsreiche Schreiben ist von Deinem

Onkel, dem Bruder Deiner Mutter, der, wie Du weißt, in die fernen Kolonien zog und verschollen war. Der alte Bursche hat sich in Afrika ein Millionenvernrögen ernwxben und ist dem Sterben nahe. Von Dir hängt cs ab, ob wir das Geld kriegen oder nicht."

Douglas, diesmal anfsehend:Wenn der Bursche annehmbare Bedingungen stellt, wollen wir ihm den Gefallen tun, niryt?"

Sir Hopkins, merklich erregt:Tie Bedingung, da§ ists \a

eben! Er schreibt:.ich bin nach einem arbeitsreichen Leben

an jenem Punkte angelangt, wo man in seine Heimat znrückkehrb, um sein Testament zu machen. Ich fahre in bfrei Tagen ab rLv treffe in zwei Monaten bei Euch ein. Was mein Testament betrlffk, so hinterlasse ich Euch mein gesamtes Barvermögen von zehn Milltv- nen, wenn ich die Gewähr habe, als Mitglied einer Patriarchen Familie sterben zu können. Wenn Du mir also schwarz auf weiß be­weisen kannst, daß einer Deiner Söhne sicher hast Du welche denr aktiven britischen Heer angkhört, seid Ihr meine einzigen Erben." I

Donglas, starr:Der gute Mann ist irrsinnig geworden! Wa- nützen mir die zehn Millionen, wenn ich erschossen bin? No, meine !Äeben, ich streike." .!

Sir Hopkins:Du bist erbärmlich feige, Douglas . . .

Douglas:Besser für Kriegsdauer feige, als sein Leben lang tot. Uebrigens ... er schreibt doch, einer Deiner Söhne . .

Sir Hopkrns:Allerdings; er ist über unsere Familienverhälli- nisse nicht orientiert." I ?

Douglas:Alter Herr, das wird uns retten. Dein Sohn hat eine Idee, die ihn auch zu Deinem Erben machen wird) . . . Du adoptterst ganz einfach irgend einen armen Burschen aus dem Volke, der vertraglich gegen Zahlung von, sagen -vir zehntausend Schilling ins Heer eintritt. Was sagst Du dazu?"

Sir Hopkins; nachdem er sich einigermaßen von seiner Ver­blüffung erholt hat:Ich sage, daß Du würdig bist, der Sohn eines ehrenwerten Unterhausmitgliedes zu sein!'. .

Z w e i t e S z e rt e.

Im Wohnzimmer der Familie Hopkins. Sir Hopkins, LadH Hopkins und Donglas sind um den abgevänmten Eßtisch versammelt. Spannungsvolles Schweigen. Endlich ickchtet Lady Hopkins sich auf. Sic klingelt. Ein Diener erscheint.

Lady Hopkins:Ist der Notar schon lange im Krankenzimmer nrcines Bruders, des ehrenwerten Sir Richards?"

Der Diener:Seit einer Stunde, Lady Hopkins. Sir Richards weiß, daß der Arzt die Hoffnung aufgibt, und trifft seine letzten Verfügungen."

Lady Hopkins, strenge:Das wissen wir. Sie sollten nur auf das antworten, wonach Sie gefragt werdet (££ ist gut." Als der Diener sich entfernt hat:Mein armer Bruder! . . . Wie gutx daß er noch rechtzeitig eintras. Hast Du ihm den Musterungsschein dieses . . . dieses adoptterten Tommy Atkins gegeben, George Henry Emerald?" (

Sir Hopkins':Natürlich habe ich das getan. Möchte bloß wissen, wo dieser Flegel blckib't."' ' »

Douglas:Wahrscheinlich muß der arme Mensch exerzieren. .

Es klingelt. Gleich darauf tritt der adoptiere Tommy AtkinS in funkelnagelneuer Khakiuniform ein. Er ist ein achtzehnjähriger waschechter Junge ans dem Gaunerviertel Whitechapel.

Tommy Atkins:Guten Tag, lieber Papa, liebe Mama, lieber Bruder!"

Sir Hopkins :Unterlassen Sie bitte diesen familiären Ton!... Das -var in unseren Vertrag nicht mit einbegriffen."

Tommy Atkins, sich ohne Umstände an den Tisch setzend:O bitte, diese zarten Ausdrücke sollten Säe nur daran erinnern, daß die letzte Rate von zweitausend Schilling noch nicht gezahlt ist."

Sir .Hopkins zieht seufzend die Brieftasche und überreicht Tommy Atkins die Summe in Papier:In Gottes Namen, jetzt sind wir quitt. Und nach der Testamerttseröffnnng werden Sie schleunigst verschwinden."

Tommy Atkins:Sehr gerne, Papa! Sie sollen Tommy Atkins Verzeihung: seit einer Wvche laut behördlicher Adoptiv- nrknnde Tommy Hopkins nicht mehr Wiedersehen. Ich bin in Geschäftssachen ein Ehrenmann."

Ehe Sir Hopkins etwas erwidern kann, treten der Arzt und der Notar mit feierlichen Gesichtern cisir. r

Der Arzt:Lady Hopkins, ich muß Ihnen die traurige Mit­teilung machen, daß Ihr edler Bruder soeben sanft entschlafen ist."

Sir Hopkins, erregt:Wie etwa ohne das Testament. ..?"

Der Notar, ein Dokument vorweisend:Nein, der Verstorbene hat als echter Gentleman den Pflichten eines Bürgers und Ver­wandten vollauf Genüge getan: er gestattete sich beit letzten Seufzer erst, als er seinen Namenszng unter das Schriftstück gesetzt hatte. Hier ist es."

Srr Hopkins ergreift das Testament hastig und beginnt nunv mclnd zu lesen. Zuerst lassen seine Mienen strahlende Befnedii gung erkennen. Dann aber wird er plötzlich leichenblaß. Er wankt, stützt sich an den Tisch und sinkt dann ächzend, mit der Miene eines völlig geschlagenen Mannes auf den nächsten Stuhl.

Die Familie ist starr. Dann ergreift Lady Hopkins das T>la- ment. Aber auch fiie sinkt nach dem Ueberfliegen der ersten Zeilen! -vie von einem schweren Schicksalsschlag getroffen nieder. DaS g'eiche geschieht mit DoNglaS.