Ausgabe 
5.3.1917
 
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So siehst bu aus! Gänzlich fassungslos. Anne Marie! Nun hör' mal weiter zu, ich habe schon gemerkt, du. kannst prachtvoll zuhören. Also: das vorhin mit dem Tintenfaß gegen die Wand ist ein arger Sprachfehler gewesen, wie er

unsereinem gar nickst: passieren dürste.- 1 ^m -Luitensasse

habe ich nickst Valet gesagt - im Gegenteil, Marie! Mit Haut und Haaren, mrt Kopf und Herz will ich mich dem Ninstig ausliestrn das ist's ja gerade! Ern Mann der Tinte, der Feder will ich! kann ich darf ich von nun an sein!"

HansDu rvillst Schriftsteller werden! ? Du?".

Ich habe die starke Absicht. Oder, genauer: Geichrreben Lab' ich schon seit langen Jahren ein bißchen so ganz schüchtern und heimlich in jeder mühsam abgesparten Freistunde. Meinzeug, Krimsnams zumeist zu Größe­rem fehlten Muße und Seelenruhe. Wer jetzt Hab' ich die und jetzt wird's was das fühle ich das weiß ich. So gewiß weiß ich das, wie daß du mir hier gegenübersitzest und der Kellner endlich mit den Rumpsteaks kommt."

Sie wartete, bis der Mann wieder fort war und nahm unterdes gedankenlos Messer und Gabel zur Hand. Wer sie Legte sie gleich wieder fort und sah den Jugendfreund in «temloser Erwartung an:

Und davon willst du nun künftig leben?" sagte sie kopfschüttelnd. - ,

Davon? Nein! Dafür! Das ist nämlich ein gewaltiger Unterschied! Für meine selbstgewählte Arbeit von den Ansen dieses köstlichen, rein vom Himmel ge­fallenen Kapitals-i die find ja so ziemlich das dreifache

vor: dem, was ich bisher zunr Leben gehabt nick) gebraucht habe. Denke doch nur, Marie, was das für mich be­deutet! Ich hätte nstch anr End wohl auch ohnedem schließ­lich durchgefetzt mir ist wenigstens so zumute, als ob ich das Zeug dazu gehabt hätte. Wer was wären das .für end- nervende, zernmroerrde Kämpke gewesen. grad' in meinen besten, reifsten, schaffenssreuvigsten Jahren! Und dann ich habe oft eine heillose Angst davor gehabt, daß mich die Not einmal dazu, treiben Ännte, um des Geldes willen

billige Dutzendware zu liefern.-Einzelne meiner kleinen

Skizzen und Aufsätze waren, streng genommen, nichts besse­res Sie mußten «reu meinen Schuster oder Schneider be-

C len. h- Jetzt aber ist alles, wte's sein soll! Solch Glück noch gar nicht dagewesen, wie auf mich unwürdigen nschen yeruntergeregnel ist. Und nun Hab' ich auch die Verpflichtung, nicht wahr, etwas Großes, gantz Gutes m leisten was, Marie? Aber vor allen Dingen haben wir letzt die Verpflichtung, unsere Rumpsteaks zu essen Mvb dabei wollen wir zehn Minuten keinen Ton reden!"

DaS taten sie nun auch. Er, sich gemütlich dazwischen dn Lokal umschauend, die Nachbarn musternd, das BierglaS Dur Hand: sie, rasch, zerstreut, ohne von ihrem Teller aus- !u sehen. Sein umherrrrender Blick fiel schließlich auf sie, vlieb an ihr hasten. Er wartete schon ein wenig ungeduldig, bis sie fertig war, dann schob er mit raschem Griffe die

S eerten Teller und Schüssen zur Seite und bog sich mit ^gestützten Ellenbogen zu chr hinüber:

So! Und nun erzähl du von dir!" bestimmte er.Es ist ja geradezu schmachvoll; in meinem ganzen Leben Hab' .ich, jpaub' ich, nicht soviel hintereinander von mir selber geredet als eben! Mw dabei weiß ich noch aar nichts von dir i «ußer der erfreulichen Tatsache, daß ou auch fünszigtausend taler vom guten Onkel Poldewitz geerbt hast. Richtig »vch eins: In der Testamentsabschrist stand :die Volksschul- tebrerin Marie Krumpa erhält" usw. Daraus Hab' i' erfahren, was du jetzt bist. ES ist rein unnatürlich, da man so lange nichts mehr voneinander hörte."

Unnatürlich? Wieso?" Marie Krumpa strich das Tisch­tuch glatt und legte die gefalteten Hände darüber. ,Ach flnde es ganz natürlich, ganz selbstverständlich. Wir hatten teer so schrecklich viel mit sich selber zu tun, daß wir gar

leine Zeit mehr fanden, an andere zu denken.-- Und

Onkel Poldewitz schrieb doch nie was anderes als die Post­anweisungen für das Geld, was ich im Seminar brauchte kaum noch einen Gruß auf den Abschnitt nachher, als ich nach seiner Ansicht genug verdiente, kamen auch die Post- crntoei futigen spärlicher und hörten schließlich ganz auf, sobald ich fest anaestellt war."

Wo ist das? Ach richtig in Treuenbrietzen das stand ja auch im Testament. Und da gefällt'- dir? Da fühlst du diw wohl?"

Nein. Gar nicht. Ich Hab' kein Talent zur Lehrerin.

Und natürlich auch keine Freude dran. Wer danach wurde doch nicht gefragt. Auch von mir nicht. Es war eben meine Arbeit. Und |fo ging's schließlich ganz grtt, chmuer den gleichen Gang in der Tretmühle, und ich hatte mich daran gewohnt. Wer sehr wohl habe ich mich nie dabei gefühlt, und das war ja auch nicht nötig."

Na, aber erlaube mal! Sehr nötig haben wir das! Das Beste schaffen wir nur, wenn wir unsere Arbeit lieb haben, und lieb haben wir sie, sobald wir bei ihr daH Beste aus uns herausholen dürfen. Du willst nun natür­lich nicht Lehrerin bleiben?"

Ich bin's bereits nicht mehr"

A! Bravo!"

Wieso: bravo? Hab' ich damit was Verdienstliches getan?"

Sicher! Erstens an deinen Schülerinnen zweitens noch viel mehr an dir selber."

Du glaubst also, oaß ich nun besser dran bin?' Wer ganz gewiß! Das ist doch keine Frage!" Meinst du?" Marie lächelte in gleichgültiger Selbst­verspottung. Sie lehnte sich jetzt mit verschränkten Armen in ihrem Stuhl zurück und sah starr an Hans vorbei.Ich war ja noch ein Kind damals," sprach sie gedankenverloren; weiter;aber in mir gesteckt mutz es da auch schon haben, sonst hättet ihr anderen mich wohl nicht grad die Pechmarie genannt. Ich Hab' zu nichts Talent, Hans Jmhoff, zu gar nichts! Nücht mal zum Glücklichsein, was doch, das ünr sachste von allem ist/'

Er bog sich einüg weiter vor.

Du das sag' nicht!" widersprach er lebhaft.So einfach ist das acw nicht: glücklich zu sein, im Gegenteil! Wer dafür ist'? eine Kunst, die mail lernen kann und soll du sollst fl« kernen, auf alle Fälle! Ich weiß wohl, was die allermeisten Leute ohne weiteres ein großes Glück nemien würden: diese für unsere bisherigen Verhältnisse so überreiche Erbschaft das ist an sich noch keins> Geld ist nur Mittel zum Zweck. Aber für uns war der springende Punkt: das Geld verschaffte uns beiden die Freiheit." Und was Lab' ich denn voir meiner Freiheit?" Wie?" Die trockene Zwischenfrage verdutzte Hans bis zum völligen Verstummen. Dann lachte er mit einem! Male hell auf:

Du bist köstlich, Mädchen!" rief er.Verblüffend ge­radezu! Was du von deiner Freiheit hast? Ja, die ist doch an Ulld für sich eins der höchsten Erdengüter *"

Für einen Mann ja! Für dich ganz bestimmt! Aber für mich? Was sang' tdj mit ihr an? Dich hat'H gerade zur rechten Zeit §ctx<rffen. Wr mich kvmmt's zu spät oder zu früh. Ich bin entweder zu jung oder zu alt dafür. Seit meiner Kindbeit, seinem all das Unglück meinen Vater traf, hcw' ich's nicht anders gewußt, als daß ich ein gcniz armes Mädchen bin, mit der einzigen Lebensaufgabe, sich anständig sein Brot zu verdienen. Nun bin ich zu alt geworden, um noch mall umzulernen."

Zu alt! Mnd! Du bist Höchstzeus 24 Jahre alt!"

Bitte sebr, ich werde nächstens 26. Wer freilich zu ung dem Lebensalter nach bin ich vielleicht auch noch r meine absolute Freiheit"

Hm." Er sah sie ernsthaft nachdenkend an.Ich fange an, dich zu verstehen. Ich wünschte, ich könnte dir Helsen, gute Marie! Wer im Grunde Hilst lnan sich in solchen Din­gen nur selber. Und ich kenne dich noch so wenig so, wie bit jetzt geworben bist. Freilich: sehr verändert scher rrst du dich nicht zu haben! Sag lnal: Wie war dir zuerst zumute, als bu die Mitteilung,-om Amtsgericht bekamst?"

Me mir zumute war? Scheußlich!"

Das kräftig heransgeschleuderte Geständnis wirkte sehr komisch.

.Hans sprach gleich ganz ernst weiter:Und dann fühltest bu die Verpflichtung, schleunigst dein Amt niederzulegen «ls Gewissen ycHtigkeit{, weil du dich nicht tüchtig genug dqjür fandest unb weil du einer Aermeren das Brot nicht we-nehmen wolltet"

Hans! Nohsc weißt du dem:"

Daß du b«S gedacht hast:? Also, du hast so gedacht? Ist mir sehr interessant. Ich riet nur so aufs GeratewvbÜ tttfb nachdem bu aus dem Amt geschieben warst, tatest ou was?"

Ich ging aitf Reisen"

Richtig! Und kamst bis Berlin. Bon Treuenbrietzen nach Berlin. Run, sehr weit ist das gerade nicht. Und nun

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