Ausgabe 
26.2.1917
 
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Bfcfycun, Schmerz, es schien, als woktte er auffdjrcicn, als wollte er den Baron Lügen [trafen, als wollte er aus ryn tzuspringen. Daß böse Blut stieg ihm zu Kopf, der Schwerß stand ihm auf der Stirn. Der Deutsche, den er zum Krüppel geschlagen h- der leere Aermel schieir zu drohen sollte ihn Mittagen, belasten, ins Zuchthaus bringen. Er wäre hinern- gegangen und hätte sich gesagt:Du hast recht getan, daß du an ihm Vergeltung geübt!" Aber er sollte, er durste nrcht fo> reden, wie er redete, das hielt er nicht aus ! Jedes gudq Wort schuf ihm Qualen, bei jeder Entschuld ig'uug schien der furchtbare Hammerschlag, den er geführt, auf ihn selbst Iuriickzufallen. Er sank immer mehr in sich zusammen. Er hob nicht dann einmal den Kops, als Peter Wroblewski ver- rrommen wurde.

Der Fußgendarm bestätigte die Aussagen Hans Alberts. Auch ihn. übrigen waren seine Bekundungen für den Schmied günstig. Der Schmied hatte ihn vor der Rotte geschützt. Denzel Smilicz war der Rädelsführer gewesen, der sich an ihm, der Obrigkeit, tätlich vergriffen hatte.

So geschah es, daß Michael Laskowicz nur wegen schwe­ren 'Hausfriedensbruchs 'uno schwerer Körperverletzung unter Annahme mildernder Umstände zu der niedrigen Strafe von zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Unter­suchungshaft ward ihm aber nicht angerechnet.

Als Hans Albert nach der Verhandlung das Gerichts­gebäude verließ, stand vor der Tür Peter Wroblewski.

Herr Baron," sagte er stammelnd,Herr Baron !"

Er konnte nicht weiterreden. Er salutierte nur und rührte sich nicht von der Stelle. Mer in seinen Augen, die feuchtglänzend waren, stand die Versicherung:Nach dem heutigen Tage lasse ich Mich für Sie in Stricke hauen!"

Der Juli verging, die Erntearbetten kamen. Immer mehr der über die Grenze gegangenen Arbeiter fanden sich in Nasgora ein. Dieser und jener ward noch verhaftet, aber man ließ sie bald laufen. Unnötige Sttenge sollte vermieden werden. (Schluß folgt.)

Dar Grammophon.

Erzählung von Paul Alexander Schettler.

Eines Mends, als das Bellen der Geschütze oft minutenlang vuhte und der lang verhallende Donner vereinsamter Schüsse in! der Abendstille weicher verebbte, trug der Wind urplötzlich ein leises Klingen über die Gräben, ein Klingen, das wie ein linder süßer Duft über die Gräser strich und das in der Stille zwischen dem poltern­den Abendgebet des Eisens lieblich wie ein Klingen aus einer aw- deren Welt!zu den stumpf gewordenen Ohren der Männer drang.

Der deutsche Hochposten in: vordersten Grabenstück hob den Kopf, das Gewehr fest in der Faust. Auch die anderen lauschten und lächel­ten überrascht. Es war kein Zweifel,-eine helle Frauenstimme sang aus dem Graben der Engländer, und es war eine kecke, lustige Melodie, die sich in den Abend aufschivang. Die Englishmen schienen wirklich in guter Gesellschaft und Stimmung. Das klang ja wie Tingeltangel! Und Damen im vordersten Schützengraben? Viel­leicht gar Suffragetten? So witzelte man, bis einer die viel nüch­ternere Lösung fand: sic ließen sich diüb'en von einem Grammo­phon ansspielen.

Ja, sie hatten ein Grammophon und kürzten sich die Zeit, die Herren Engländer. Man hörte es jetzt ganz deutlich, als ein Atem­zug des Menwindes die Musik herüberwarf, und es klang gar nicht betschwesterlich, dieses Zwitschern und Tirelieren, unterbrochen vom ferne rollenden Grollen der Geschütze, ja, es klang angesichts der Drahtverhaue, der Schießschatten und Kriegswerkzeuge sehr ver­wegen sogar. Es war, als wenn über alles Dunkle, Schwere ein lachendes Liedlein triumphierend das Banner der Lebenslust schwänge, als ob es in unverzagtem Tänzeln schnippisch dem Tod eine Nase drehe. Ein übermütiger süß lockender Refrain aus Fttedeuszeiten kicherte in das verhaltene Schweigen zwischen Leben! und Tod, machte sich lustig über Krieg und Todesbereitschaft . . . Ten Männern im Graben wurde cs seltsam zu Mute. Sic hatten zwar auch zuweilen mit Mund- und Ziehharmonika ein Konzert improvisiert. Da waren liebe, schwermütige Volkslieder zu einem! heiligen innersten Gebet geworden, in dem sich ihre Sehnsucht nach der Heimat auslebte. Aber ein Grammophon mit solcher Musik daran erkannte man den Engländer, denn Tingeltangel im Schützen- grober: brachte nur der fertig.

Aber, wenn and) einige knurrten, daß dcnc)) da drüben die Lustigkeit bald vergehen sollte, sie lauschten doch und ließen sich die Töne melodisch ins Herz sickern. Es war halt Musik und mal Was a)idcres ... (

Der Aberrd war herabgcsunken. Noch immer krähte das Gram­mophon eine Platte nach der anderer: 'herunter, unermüdlich plärrte es in den milden Mend hinein. Die da drüben hatten wahrlich sich einen ganzen Vorrat von Musik importieren lasser), und eine Nummer vergnügter als die andere. Schon hatte die nnsreiivillige Andacht im deutschen Graben wesentlich nachgelassen, da, was

war däs? Nun horchten sie doch aus, die Deutschen. Diese Töne kanriten sie. Die Kdiserhhmne war es, was jetzt herübcrklang. Heller und vernehmlicher als die Bänkelsängerweisen. Die Engländer mochten, den Schalltrichter dem Feinde zngewendet, vielleicht den Apparat sogar aus den Grabenrarrd gestellt haben, daß sie es bester hören konnten, die Germans. .

Die Deutschen waren im ersten Augenblick w überrat cht, daß sie nicht wußten, ob sie lachen oder wütend sein sollten.

Einer von ihnen aber, hochrot vor Zorn, stieß etwas von Dicb^ stahl und Verhöhnung hervor und war im Augenblick, noch che die Kaineraden den Hitzigen zurückhalten konnten, über den Rand der Sappe verschwunden.

Es war stocksiuster ringsum. Sv war cs den Kaineraden un­möglich, zu erkennen, was der Unerschrockene begann. Das Dunkel verhüllte ihn vollständig. In begreiflicher Spannung.blieben ste zutt'rck, angestrengt lauschend und in das nndurchdringllche Dunkel starrend. . . .

Noch eine kleine Weile spielte das feiirdliche Grammophon feaite Siegesweise herunter. Plötzlich verstinnmte es, und sehr heftige Explosionen, die wohlbekannten Erschütterungen, mit denen Hand­granaten zu zerplatzen pflegen, folgten rasch aufeinander.

Kurze Zeit darauf raschelte und keuchte es vor dem Graben-, rand der Deutschen, und es erschien mit hastigem Schwung der kühne Abenteurer wieder im Graben, ein Gramnrophon als Beuten strick im Arrne. ' ;

Tie Kameraden umringten ihn lachend und fragend. Er mußte berichten, wie er sich im Schutze der Dunkelheit zum feindlichen Gräber: geschlichen habe, wobei ihm 'das durch Granaten aufge­wühlte Gelärrdc besonderen Dienst als Deckung geleistet, lvie ihm ein durch eine Granate geschaffener Durchschlupf leicht den Weg durch den feindlichen Drahtverhau gestattet und ihm ermöglicht habe, ganz nahe an den Graben der Engländer heranzukommen. Sich vorwärts tastend und schleichend sei er den lockenden Tönen des Apparates gefolgt. Abs er ganz rrahe am Graben geweien ser, schien man plötzlich feine Nähe bemerkt zu haben. Eine Hand habe das Grammophon vom Rand des Grabens gehoben. In diesem Augenblick aber seien schon seine Grüße in den Graben gesaust. Drei Handgranaten hätten genügt, um die Kerle kopsscheu zu machen. Die entstandene Verwirrung habe er benutzt, den Kasten ergriffen und sich, lvie er gekommen, im Schutze der Dunkelheit zurückgepirscht. ,

Ein erbeuteter Minenwerfer hätte nicht mehr Aufsehen hervor- rusei: können, als das erbeutete Grammophon, das frisch aus dem englischen Graben geholt war. Das Instrument war auch ganz unversehrt, und sogar die letzte Platte fand man noch aufliegeu., als man den Fund im sicheren Unterstände genauer beim Licht der Taschenlämpchen besichtigte. ... ^ c

Freilich, als der brave Beutemacher innen Fund wohlgefällig schmunzelnd betrachtete und den Titel per schwarzen Kautschub- platte las, kratzte er sich hinter den Ohien.Gpod save che fing! Das lvar ja gar nicht, was er erbeuten wollte. Die deutsche Natio­nalhymne wollte er dochrequirieren". '

Man zog das Instrument auf und ließ es spielen. Wie denn? Das war ja dochHerl dir im Siegerkranz"! Der kühne Eroberer machte tellergroße Äugen über die Entdeckung. Diese Engländer, diese Spitzbuben! Also auch in der Musik segelten sie unter falscher Flagge? War es zu glauben? Auf der Schallplatte standGood save the king" und der Apparat spielteHeil dir im Siegerkranz"!

Einer der Kanuraden freilich nahm lachend den Entrüsteten bei Seite und suchte ihm klar zu machen, daß er diesmal ausnahms­weise die Engländer in Schutz nehmen müsse, da die deutsche und die englische Nationalhymne die gleiche Melodie hätten.

Der wackre Soldat aber ließ sich nicht so leicht von der Anf- fassuiig abbttngerl, daß hier ein Täuschungsmanö v e r der Tommies vorlicge.Den Kerls ist alles zuzutrauen!" meinte er, und seiner Ansicht nach gehöreHeil dir im Siegerkranz" nicht in einen eng­lischen. sondern in den deutschen Schützengraben.

Heil Kaiser dir!" schmetterte das Grammophon wir zur Be­kräftigung, und mit ihm brummten es die rauhen Kriegerkehlen im deutschen Unterstand. __

T

die

vermischte».

* Blockadcbrc chc r i nt amerik a nis chen Bürger- rtcg c. Zur Zeit des ainerikcunscheu Bürgerkrieges blockierten ie Nordstaaten (Unionisten) die .Häfen der Südstaaten (rezessiv- uistenl, nur diese gänzlich vorn .Weltverkehr ab zu schneiden. Das nnu' für die Konföderierten um so fühlbarer, als sie irr bezug aus Waffen, Munition. Bekleidung, Kaffee, Tee usw. vom Auslands gänzlich abhängig loaren. Desto mehr miißte ihnen daran liegen, die Sp-rre so viel wie möglich mit List zu durchbrechen, denn ihrci HöfsililNg, daß England und Frankreich sie von den Fessel): befreien würden, ging nicht in Erfüllung. Zunächst gelang es einigen' klcinci: Dainpscri:. durch das dichte Netz der Blockadeslotteu zil schlüpfen, denen ihre Aufgabe durch die Art der amerikanisch^- Stroinmündungen erleichtert ivurde. Es handelt sich bei ihnen nicbl. wie bei der Elbe und Weser, um euren riesen, sich ins Meer er gießendei: Fluß, sondern nm'Ausströmungen rvir beim N:!. nur daß die Inseln des Deltas nicht sichtbar siird, sondern aus über spülten Sandbänken beß»l?en, zwisclM denen sich tue vielen schissbarei: SV nälc hindurchMichen. Die H,rndelsschliffe, die hier ein r:nd aus'