Ausgabe 
26.2.1917
 
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Dür. Weinend warf sie sich der Herrin zu Fußen. Nach langem Hin und Her war sie wieder zu Gnaden angenom­men worden. Und Hanna durste jetzt mit ihr zusniwen sein. Aktes Laute und Wilde in ihr war gleichsam gedampft. Sie hatte nur noch einen Wunsch: in Frieden hier bleiben zu dürfen. . ^ p ^

Die ausfälligste Wandlung iedoch erfuhr Hans Albert. Er war einer der kreuzbraven Menschen gewesen, die, von Jugend auf an das Kommandieren gewöhnt, in allen Le­benslagen mit dem Krückstock regieren und Vorsehung spulen müssen. Weil er das Beste seiner Leute wollte, weil er sich ehrlich bemühte, gerecht zu sein, so war es selbstverständlich, daß alle Welt das anerkennen mußte, so hatte er auch das Recht, den Leuten das, was er für ihr Glück hielt, aufzu- zwingen. Er war eine Art patriarchalischer Tyrann, der an «ine eigene Unfehlbarkeit glaubte. Die Religion und der Krückstock waren seiner Ansicht nach die besten Volkserzieher. Und deshalb hatte er die Religionsstunden, die Morgen- vndachten, eingeführt. Wäre eine Kirche in Nasgora gewesen, so hätte er die Leute dorthin gewiesen. Da sie fehlte, so fühlte er die heilige Pflicht, selbst einzugreifen. Felsenfest war sem Glaube, daß er ein Gott und Menschen wohlgefälliges Werk damit tue. Felsenfest auch war der Glaube, daß er so seine Leute am besten vor bösen Gelüsten, vor der Teilnahme am Aufstand, vor dem Eindringen falscher, moderner Lehren be­wahre.

Und nachdem er sein ganzes Leben so gelebt, war dieser felsenfeste Glaube mit einemmal umgeworfen worden. Bei den Nachbarn konnten Unruhen ausbrechen, auf seinem Gute nie, darauf hatte er wie aus das Evangelium geschworen. Und nun hatten sich gerade seine Leute, nur seine Leute als die einzigen in der ganzen Provinz, zu offenem Friedens- bruch gegen ihn erhoben, und es war nur ein Zufall, daß Hm nur der Arm, nicht der Schädel zerschmettert worden.

Als Hans Albert auf dem Bette lag, nachdem die Dra- «oner die Rebellen vertrieben, als er fortwährend auf einen ßunft starrte, stürmte alles in ihm. Ein grenzenloses, ihn «rssungslos machendes Erstaunen, wie sich das alles über­haupt hatte begeben können, war das erste. Er fühlte darin alle seine Stützen wanken. Was bisher über allem Zweifel «haben war mit einer naiven

geschritten war

unsicher ijm Dunkele, er lag da wie ein entwurzelter Stamm.

Das tat ihm weher als der Arm.Ich verstehe die Welt nicht mehr, ich passt nicht hinein!" sagte er oft bitter zu sich ftlber. An der Religion selbst wollten ihm Zweifel kommen. Aber zu fest hatten Erziehung und Leben den Glauben in ihm wurzeln lassen. Nicht die Religion, nur diejenigen, die stv kehren, ober die, die sie hören, können sich irren, dachte er.

Und plötzlich stand die Frage vor ihm:Wer hat sich also geirrt, ich oder die Leute?"

Ein Gedanke, der bei Haars Albert früher Unmöglich ae- wesen wäre. Auch jetzt noch wies er ihn ein paarnml unwirsch ab. Er kam wieder, er quälte ihn. Da ließ er sich znM Trost und zur Bestätigung dessen, daß er im Rechte war, die Bibel geben.

Er war, ohne sich dessen selber ganz bewußt zu sein, rin Mensch, der seinen Gott lieber im Alten Testament! suchte als im Neuen. Sein Gott war der große, zürnende, vächende Jehovah, der in Blitz und Donner sprach, der in roter Feuerwolke Vor Israel zog, der furchtbar strafte, um die Menschen ans den rechten Weg zu führen. Er war eben ein Gott nach dem Herze;: Hans Alberts.

Unruhig, im Innersten aufgewühlt, las der Schloßherr von Nasgora das Buch der Bücher. Er las es inbrmsitiger, aufmerksamer als je. Alle Zweifel, jede Verzweiflung sollte es ja scheuchen.

Mehr und mehr führte ihn das Alte Testament auch Zurück zu seinen alten Änschauun-gen. Und doch fühlte er, daß dies letzte und größte Erlebnis, das er erfahren, ;hm nie mehr aus dem Gedächtnis schwachen, daß er nie den felsen­festen Glauben wiederfinden würde, daß etwas in ihm ge­brochen war, sein stärkster Halt.

So kam er zum Neuen Testament. Und siehe: die ge­borstenen Grundpfeiler seiner Anschauungen, die er mühsam wieder aufgebaut, und die doch den Riß trugen, sie schwank­ten und wurden erschüttert, sie wollten sich wieder erheben und wurden doch mit jedem Tage immer mehr untergraben, bis sie zusammenstürzten.

Nicht in Stunden und Tagen, in vielen, vielen Wochen

war diese Entwicklurrg vor sich gmangen. Altes käuchste mit Neuen;, Zweifel und Verzweiflung packten das Herz manchmal, oft schien es Hans Albert, als müsse er darin zugrunde gehen wie ein alter Stamm, der in s-rinem Erd­reich keine Nahrung und keinen Halt mehr findet, und der sich doch auch nicht mehr umpflanzen läßt.

Zum erstenmal hielt er Einkehr in sich. Zum erstemnäl fühlte er sich krank an Leib und Seele. Seine alten Altäre, an denen er ein Leben lang geopfert, wurden ihm zerschla­gen war's nicht besser, er ging mit ihnen unter? Nächte­lang starrte er vor sich hin. Die Lampe brannte. Das Neue Testament lag neben ihr. Er nahm es immer öfter vor. In den einsamen Nächten erschloß sich ihm ein neues Evmv- gelium. Neue Altäre bauten sich an der Stelle der alten auf. Zagend nur trat er heran.

Und je Imehr sich seine Seele füllte, je tteser er das große Liebesevangelium verstand und erfaßte, um so klarer ward ihm, wie das hatte geschehen können, was geschehen war. Er wies die Frage:Wer hat geirrt, ich oder die Leute?" nicht mehr unwirsch ab. Er verstand, was die Leute empört hatte. Er hatte geirrt, indem er ihnen aufdrängen wollte, was sie nur halb oder gar nicht verstanden: gmrrt, weil er die Religion gleichsam nur als Mittel zum Zweck behandelt; geirrt, weil er in seinem naiven Hochmut von seinem Stand- punkt aus predigte und lehrte, ohne sich jemals zu ftagen, ob das Gewissen der Leute sich dadurch nicht belastet fühlte, ohne sich jemals in die Seele der Knechte versetzt zu haben.

Kraft seiner Macht als Gutsherr hatte er diejenigen, die von ihm abhängig waren, gezwungen, an den Morgen­andachten teilzunehmen. Und ob er sich auch das Zeugnis^ geben konnte, daß er nie und nimmer, selbst im Traume nicht, daran gedacht hatte, die Leute von ihrem Glauben abtrünnig nt' machen er verstand, daß die Armen im Geiste zu dieser Ansicht kommen konnten. Denn sie hörten nicht so, was er sprachi sie hörten nur, daß ein Anders­gläubiger, ein Protestant, ihnen, den treuen Söhnen der katholischen Kirche, die Bibel auslegte, sie wußten nur, daß er sie zwang, dem beizuwohnen. Und da sie keinen anöern Grund seines Tuns ernsahen, so mußte sich die UeberzeUf-

O in ihnen mehr und mehr festigen, daß der Ketzer auf mfang aus ging.

Da§ war ihr Irrtum. Wer ihr Irrtum, der seiner Schuld entsprang. Denn wenn er nicht so verrannt gewesen wäre in seine selbstherrliche Unfehlbarkeit, dann hätte er weiter sehen müssen.

So nahm Hans Albert den größten Teil der Schuld auf sich. Und auch den Schmied verftano er mehr und mehr. Er verstand den Tchmerz des Vaters um den verkrüppelten Kna­ben; er verstand, wie der Haß sich in die Seele des Mannes festgesetzt. Hatte Michael Laskowicz nicht dasselbe getan wie er, sich verrannt in Hochmut, sich aufgeworfen zum Richter? Und immer leuchtender erschien dasRichtet nicht!" vov seiner Seele.

Es zeigte sich, daß der furchtbare Hammerschlag, den der Schmied geführt, noch schlimmer gewesen war, als man zuerst angenommen. Man dachte zuerst noch an eine Heilung oes Armes, ob er auch steif bleiben würde, aber die Knochen waren nicht gebrochen, sondern zertrümmert. Der Unterarm mußte amputiert werden. Noch einmal bäumte sich der alte Trotz in Hans Albert auf. Er bezwang ihn. In Geduld ertrug er die Operation. Ja, ihm schien, als wäre seine Seele fteier danach, als wären alle die Schmerzen himm­lische Strafe und Buße.

Fm Juni war die Verhandlung gegen Michael Lasko- wicz und Genossen vor dem Kreisgericht festgesetzt. Als! Hauptzegge war Hans Albert geladen. Es machte einen tiefen Eindruck, als er, ein gebeugter Mann, mit dem blassen Gesicht und den; halbleer herunterschlotternden linke;; Aer- mel vior die Schranken trat. Einen scheuen Blick warf Michael Laskowicz auf ihn, dann sah er hartnäckig zu Boden.

Und Hans Albert sprach. Das WortRichtet nicht!" hatte er auf den; ganzen Wege sich imnrer fester ius Herzj geprägt. Immer erstaunter wurden die Gesichter, als er jetzt erzählte. Er kl«gte nicht an, er entschuldigte. Er sprach von dem Krüppel, von dem Unglück, das durch das Schloß iiber den Schmied gekonnnen war. Er wies darauf hin, daß die Morgenandachtendais Volk erregt hätten, daß durch den Auf­stand so wie so schon Flammen in die Herzen geworfen waren.

Michael Laskowicz hatte das Gesicht erhoben. Ein jähes Staunen kam iiber ihn. Es ward innner mehr zu Schreck,