Königsträume.

Romarr von Karl Busse.

(Nachdruck verboten.)

(Asrtfekung.)

Kasimir Rzonka deutete aus das Treiben. Die Nieder­lage ward iinmer ftcrchtbarer. Auch was auf den Flügeln noch standgehalten, wandte sich jetzt zur Flucht. Erbar­mungslos stachen die Soldaten nieder, was ihnen in den Weg kam. Tote und Verwundete neben sterbenden Pferden; Blutlachen, in denen sich die wieder hervoraekommene Sonne seltsam spiegelte; Sensen, Buchsen, Säbel, Aexte, alles durcheinander und übereinaiwer; herumirrende Gäule, die, scheu geworden, in zitternder Angst bald hier-, bald dorthin galoppierten, das war das Bild, was sich den Blicken bot und ans das Kasimir Rzonka hinwies.

Aussichtslos, Herr Graf!" sagte er mit bleichem, kaltein Gesicht.

Er knöpfte den Rock zu. Ein kurzer Gruß, er warf das Pferd herum.

Herr! Wohin?" Ein Schrei war's.

Zu Czechowski. Das ganze Heer wollen Sie ihm nicht zufnhren So soll er die Trümmer haben!"

Er sprengte davon. Ein wilder Ruf hotte ihn ein.

Und ich?"'

Nur ein Achselzucken war die Antwort.

Einen Augenblick schien es, als würde Napoleon Rill- kowski vorn Pferde stürzen. Er schwankte im Sattel. Sein Gesicht verzerrte sich.

Da brausten seine Reiter auf der Flucht heran. Von der andern Seite stürzte Barlek Zychod auf ihn zu und hing sich an den Zügel des Pferdes. Die Reiter rissen den Grafen mit in ihre tolle Jagd hinein. Me ein Verzweifelter hielt sich Bartek Zychod, um seinen Herrn nicht zu verlieren, fest.

Euer Gnaden!" keirchte er; mit erstickter Stimme: Hoch unser König!"

Als hätte ihn das zu sich selbst gebracht, fuhr 9?apoleon Rutkowski auf. Ein heiserer Schrei brach von seinen Lippen.

Die Sterne lügen, die Würfel lügen, alle lügen!" Frr funkelten seine Augen.

Steht?" schrie er:um Gottes Barmherzigkeit willen! Sieg? Ich führe euch! Vorwärts! Vorwärts!"

Sein Pferd riß er herum. Bartek Zychod ward jäh zur Seite geschleudert. Keiner hörte ihn im Getöse. Da schien es ihn wie Wahnsinn zu packen, rechts' und links sauste sein Säbel. Mit dein Säbel schlug er sich eine Gasse.

Vorwärts! In den Feind! Mir nach!"

.Hoch unser König!" keuchte schon leistr der alte Diener, der nicht von ihm ließ.

Aber wie ein Echo scholl es rings:Czechowski, Czechowski!"

Ein furchtbares Lachen, gell, schneidend, grausam.

..König von Polen!"

Und wieder das wahnwitzige Lachen. Der verzweifelte, flehende Ruf:Herr, Herr, was tut Ihr?""

Die Russen, die im Laufschritt vorstürmten, sahen plötz­lich in gestrecktem Galopp einen einzelnen Reiter mit vm> gelegtem, gleichsam suchendem Säbel auf sich zusprengen. Schreiend, mit erhobenen Armen, mit bloßem Kopf, jagte, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, ein alter Mann hinter ihm drein. War's ein Ueberläufer? Ein Wahnsinniger?

Sie stürmten weiter. Aber der wilde Reiter jayte direkt auf sie. Ein heiseres Lachen, ein stählerner Blitz, mit gespal­tenem Haupt sinkt einer der Soldaten nieder. Ein Wut> geschrei. Wieder blitzt der Säbel aus, aber ehe er vernichtend zum zweitenmal niedersausen kann, krachen zwei, drei, vier Schüsse, das Pferd bäumt sich, überschlägt sich, die wütenden Grenadiere fallen.wie wllde Tiere über Roß und Reiter her.

Ein Zucken um die Lippen, das alte, nervöse Zucken, ein Gurgeln:nig von-"

Mehr nicht. Don Kugeln durchbohrt, voll Bajonetten zer­rissen, halb begraben von dem im Todeskampse um sich fchlageiwen Gaul lag Stanislaus Napoleon von RutkowsÜ im Sande.

Da langte keuchend Bartek Zychod an. Er konnte nicht mehr schreien. Mit dumpfem Aechzen warf er sich über die Leiche. Die erbitterten Soldaten, die ihren todwunden Kame- raden räche:: wollte::, sorgten dafür, daß auch er nicht mehr aufstand.

Die Sonne brannte jetzt wieder übers ^Schlachtfeld. Es ward stiller darauf. Der Lärm entfernte sich. Ein Teil der Aufständischen hatte den Wald erreicht, andere jagten aus der Chaussee dahin uitb schwenkten nach Süden ab, ein letzter, versprengter Trupp, von den Russen verfolgt, floh in Todes­angst nach der entgegengesetzten Richtung. Man hörte die Leute rufenCzechowski! Czechowski!"", als wär's ein neuer Heiliger, den sie anflehten, als wirre nur bei ihm Heil und Rettung. Sto kam's übers Feld.Czechowski? Czechowski!"

Es störte keinen mehr. Kein Zucken, keine Bewegung an dem Flecke, wo, fast in engem Knäuel, die Getöteten lagen. Das Pferd hatte die Beine starr von sich gestreckt und mit dem Kopf sich etwas in den Sand gewühlt, lieber Napoleon Rutkowskis Gesicht, es z:rr Hälfte bedeckend, lag Bartek Zychods .Hand. Sein Haupt ruhte auf der Brust des letzten jenes Geschlechtes, dein er sein Lebtag gedient hatte.

Ein scharfer Geruch von Blut mW Pulver zog über das Feld. Immer ferner klang der Lärm. Und die Sonne stieg höher.-

18. Kapitel.

In Nasgora herrschte reges Leben. Der Bau der Ställe und der Wirtschaftsgebäude war begonnen worden. Zahlreiche Arbeiter bevölkerten das Dorf. Schon stiegen die Mauern empor. Wie lauge noch, und der erlittene Schaden war aus­geglichen. Auch manches andre kani allmählich wieder ins gewohnte Geleise. Kascha Kaczmarek hatte den schweren Gang aufs Schloß getan. Hanna von Graßnick hatte sie nicht sehen lyvllen. Aber das Mädchen wartete wie ein Hund vor deu