Ausgabe 
21.2.1917
 
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Es maa wohl um di« Zeit des Limburger Do:nbaues gewesen fein. Denn m dem neu entstandenen Chorbau streiten sich die alten ttnd :wuen Formen. Ob der Baumeister wechselte und nach einem Gotiker vielleicht noch einmal ein Mann der alten Schule berufen Wurde : jedenfalls bekrönte man den gotischen Chor mit dem roma­nischen Abschluß einer Zwerggialerie und türmte ein altertümliches Faltendach darüber. Jedoch die neue Richtung setzte sich durch. Das der Straße zuge kehrte südliche Querhaus zeigt die gotischen

f ormen, wenn auch noch gerade so ungelenk wie der Chorunterbair.

as langsame Fortschreiten des Baues nach Westen dem Haupt- türme Au entimckelt immer gewcnwter und großzügiger die

g ische Konstruktion und Fvrinensprache an Pfeilern und Pilastern, nstern und Portalen. Ms das reiche, in eleganter flüssiger tik erbaute nördliche Querschiff volleirdet war und' das Lang­haus schon an die aufstrebenden Türme hieranwuchs, stand noch immer der Basaltturm nrit dem ehemaligen Haupteingange schon halb von der hohen Gotik überbaut. Da trat die Stockung im Bali ein! Wie es gekommen, daß man das kühn begonnene Werk so schmählich im Stiche ließ? Es mögen viele Gründe zusammen gewirkt haben. Die Äußere Unmöglichkeit, dauernd die beträchtlichen! Mittel für den großen Bau aufzubringen, mag sicher schwer ins Gewicht gefaUen sein, aber auch die innerenj Voraussetzungen für das Werk war im Lauf der langen Bauzeit in sich znsammengesunken. Das Ideal der Ihimmelanstvebenden Türme hatte sich überlebt. Dem neuer: Ge schlechte gerrügte für das prakttsche Bedürfnis der Raum so vollkommen, daß nran sich nicht einmal dazu aufschwang, die beiden, schon in der einen Hochwand vollendeten Joche fertig! zu stellen, die den JNnenraum bis unter den Turm geführt hätten, wie es im alten Plane lag. Der Turm bekanr ein Notdach, eine, wenn auch noch so reizvolle Schieferkrone: Verzicht auf jedes Höherstreben!

Wem: die lange schleppende Bauzeit der Vollendung des Gan­zen hinderlich im Wege stlcmd, so hat sie doch uns Nachfahren' eine wundervolle steinerne Entwicklungsgeschichte mittelalterlicher Baukunst überliefert, die [itt ihrer Malerischen Schönheit nicht nur dem kunstwissenschaftlichen Forscher wertvoll ist.

Das Innere zeigt Inns, >vas das Mnßiere vermuten ließ: einen reich gegliederten: Manm, der alle Stilwandlung mitmacht. Auch hier ist, wie in der Elisabethenkirche, der Chor durch cinew nun aber viel reicheren Lettner abgetrennt. Es bezeichnet heute auch die konfessionelle Scheidung: das Chor ist dem katholischen, der Hauptraum dein protestantischen Gottesdienst geweiht. Die Schiffe zeigtei: ii: ihrer Hallen form aus de:: ersten Blick die Verwandtschaft Mit Marburg, die sogar bis in Einzelheiten des, formalen Schmuckes geht.

Der Ton: ist vor wenigen Jahren sehr gründlich restauriert worden und zwar in den meisten Teilen,ganz vorbildlich. Man hat die Ausgabe im wesentlichen dahin ausgefaßt, den Bestand gesichert Kn erhalten. Die allzuhohen Kostei: ließei: den Gedanken eines Ausbaues nicht ernstlich hoch kommen. Dies ist ein Glück für der: Dom: denn sonst hätte er. der bei seinen: lai:gsamen Emporwachsen gewohnt war, im jeweiligen Zeitstil seine neuesten Glieder zu schmücke::, es über sich ergehen lassen iniüssen, inreinster Gotik" vollendet zu werden, in einer Kunstsjorm, die schon seit einem halbe:: Jahrtausend veraltet ist.

Was jetzt am äußeren Ban gearbeitet wiirde, drängt sich nir­gends störend auf. Von ganz besonders glücklichem Wurf ist der stimmungsvolle Vorhof unter den malerischen Ruinen der begon­nenen Türme: ein Stückchen Mittelalter, das ungestört in unserer Zeit weiter träumen kann. Alm schönsten fast ist der Eindruck durch die vergitterten Portale gesehen, da beim Durchschreiten selbst das unheimliche Groteske faß beängstigerch wirkt, nne der hohe gotische Turn: sich auf Iden Stelzfuß eines schwindelnd hohen Bündel­pfeilers stützt.

Die neue Innenausstattung hat :nan Merkwürdigerweise in schweren Barockformen durck-geführt. Gewiß ist dies besser, als der von vornherein zun: Scheitern verurteilte Versuch, sie über­zeugend gotisch zu gestalten. Warm:: aber koimte die Domtradition nicht gewahrt und die Ausstattung neuzeitlich werden? Wenn inan sich dies auch nicht zutraute, so ist jedenfalls aber ein warmers stimmUngerzeugenücr Raum geschaffen, der unsere heutige Wicdec- herstellungskunst turmhoch über die nur wenige Jahrzehnte voraus- liegende Marburger stellt.

Was uns der Wetzlarer Do in mit aller Eindringlichkeit predigt, ist die alte, so oft überhörte Wahrheit, daß Schönes zun: Schönen) immer :nieder Schönheit ergibt, daß keineswegs aber stilistische Einheit nottveiüüg ist, um ein echtes Kunstwerk zu gestalten. Im Gegenteil, die künstlich erzeugten Spätlinge eines Baustiles bleiben starr !und tot gegenüber den lebendigen Zeugen ihrer Vorbilder. Dasfinstere Mittelalter" kann :n:s in Knnstdingen zumal auf architektonischen: Gebiete manchmal beschämen. Wer sich belehren lassen, wer nrit frischen Eindrücken nach Hause kehren will, de^ wandere getrost zu unseren alte:: Baute:: und lausche, was die Steine erzählen. _

vermochte».

* Der Werdegang des Dörrgemüses. Die durch die Kriegsumstände bedingten Ernährnngsverhältnisse habe:: bei uns die Gemüsekost in einem Grade zu Ehren gebracht, wie ihn selbst

die überzeugtesten Vegetarier früher kaum erträumt haben dürsten. Es hat sich gezeigt, daß auch in diesem' Fcklle aus der Not eine Tu­gend werden kann, denn nach mannigfaltigem stattftischem Material wurde die Probe auf das Exempel gemacht, daß sowohl der körper­liche wie der geistige Arbeiter ohne den geringsten Schaden an einem Mindestmaß von Fleischnahrung Genüge finden kann. Außerdem erfordert die Kriegswirtschaft möglichst weitgehende Ausnützung aller Produkte, und diese läßt sich eben in direkter WIeise besser verwirklichen, als durch den Genuß des Fleisches von pflanzen­fressenden Tieren. Entsprechend dem Umfang und der Bedeutung des Gemüseverbrauches unter den gegenwärtigen Umständen wird auch in allen großen Städten auf besondere Weise für die Sicher­stellung der Gemüsevorräte gesorgt. Darum die hohe Bedeutung des Dörrgemüses, dessen Werdegang Dr. Alfred Grademvitz nach einem Besuch in der großen Berliner Trockengemüseanstalt im näch­sten Heft der bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart er­scheinenden ZeitschriftUeber Land und Meer" schildert. Die in kaum mehr als 100 Bautagcn fertiggestellte Anstalt ist ein Muster äußerster Praxis: mit allen Mitteln wurden überflüssige und zeit­raubende Transporte vermieden. Das Gebärüre ist durch eine Feld­bahn mit dem Bahnhof einer Gasanstalt verbunden und wird außer­dem einen Vollbahnanschlnß erhalten. Die von außen durch Luken zugänglichen Vorratsbehälter vermögen nicht weniger als 3000 Zentner/Gemüse zu bergen. Die Verarbeitung des Gemüses führt Dr. Grademvitz am Beispiel des Weißkohls aus. Der Köhl wird geputzt und von seinen welken Blättern befreit, hierauf von oben her zum Waschen in einen Kessel gelegt. Ein Druck auf einen Knopf genügt, um durch einen elektrisch betriebenen Kompressor Druckluft in den Kessel zu pressen, der eine Wellenbewegung des Wassers erzeugt und so die gründlichste Reinigung bewirkt. Weiter­hin kommen die Zerkleinerungsmaschinen in Betracht, Hobelmaschi­nen, in die der Kohl, nach Entfernung der Strünke durch Bohr­maschinen, gebracht wird, um in Form eines fortlaufenden Stromes von Gemüseschnitzeln wieder hervorzukommen. Diese Schnitzel wer­den in flache Eisenkästen geschüttet, die man in den Trockenofen schiebt. Ein Ventilator bläst ständig einen Strom Heißluft von 65 Grad C. über die Gemüseschnitzel, denen die Feuchtigkeit auf diese Weise entzöge:: wird. Bei diesem Prozeß schrumpft das Ge- niüse auf den zehnten Teil seines Umfanges zusammen u:ck) verliert mit seinem Wasserinhalt 94 Prozent seines Gewichtes. Dies, ist ein kleines Beispiel für die Arbeitsweise, der unsere gerade jetzt so wichtigen Vorräte an Trockengemüse ihre Entstehung verdanken. Die hierbei sich ergebenden Abfälle dienen als Viehfutter, so daß auch nicht Sie geringste Kleinigkeit verloren geht.

* E i n wohlschmeckender Fl e i schl i e f e ran t. Ju dieser Zeit der Fleischknappheit kommt manches Tier zu Ehre:: und ans den Tisch, das friiher allgemein als gänzlich ungeeignet zum Genuß verschmäht wurde. So entdeckte man im vorigen Jahre, daß junge Krähen in gekochtem oder gebratenem Zustande gar nicht schlecht schmeckten. Jetzt macht K. Bugvw-Potsdam im neuesten Heft der Fischerei-Zeitung auf das Bläßhuhn als einen wertvollen Fleischlieseranten aufmerksam. Als Wasserhuhn oder Lietze ist der Vogel überall bekannt. Merkwürdigerweise Nimmt das Tier in einzelnen Gewässern einen Geschmack an, der manchen: Gaumen widerlich sein wird; das muß wohl von dein .Pflanzenwuchs des Wassers herrühren, von dem die Lietze frißt. Bugow teilt verschie­dene selbst ausprobierte Verwendungsmöglichkeiten und Zuberei­tungsarten mit. Er ist gegen das gewöhnliche Rezept, nach dem man sämtlickies Fett von dem gehäuteten Tier entfernt, bevor man es für 24 Stunden in saure Milch legt. Diese Fettverschrvendung ist zumal in dieser Zeit keineswegs zu billigen. Man soll also die fette Lietze genau wie eine Gans zubereiten, sie auch in der ge­wohnten Art füllen und das beim Braten heransl au sende Fett abschöpfen. Wenn das Fett zuwider ist, schneide man es ab und be-

handle das Tier wie ein Huhn oder mit oder ohne Speck wie ein Rebhuhn. Auch zun: Kochen mit Gemüse eignet sich ^das . Wasserhuhn. In das sauber gerupfte und gesengte Tier lege man eine rohe, geschälte Kartoffel und koche es in Salzwasser ab. DKt der sio. gewonnenen Brühe kocht man Kohlrüben, Mohrrüben', Bohnen.oder Kohl und gibt das Huhn als Beilage. Auch räuchern läßt sich das Tier. Das Fett ist zum Braten von Kartoffeln und als Zutat zu allen Speisen zu verwenden.

* B o :n U-Bovts-Leben erzählt Frhr. v. Forstner, selbst einer der schneidigsten Führer unserer so sehr gefürchteten Untersee­boote, in den: neuesten Hefte von Belhage:: & Klasings Monats­heften. Wir entnehmen der reizenden Schilderung einige Zeilen. Aenßerlich friedlich, schreibt Frhr. v. Forstner, liegt Boot neben Boot fest vertäut. Jeden Augenblick kann jedes von ihnen jedoch den Signalbesehl durch eilig am Maste des Admiralschifses empor- steigende bunte Flaggen oder durch die geheimnisvollen Zeickien der durch die Luft unsichtbar zu ihnen hineilenden Funkentele­graphie erhalten, zum sofortigen Loswerfen der ihr: an die .Heimats­küste fesselnden Halttaue. Tie ganze Besatzung ist nur beseelt von den: einen Gedanken'!Wann endlich wird es wieder losgehen?" Tie wohl nirgends ans einen: U-Boot fehlende Bordkapelle, nieist eine Handharnwnika, ein Grammophon oder ein Kamm mit einen: Stückchen alte:: Zeitungspapiers, trägt ihr mögliches dazu bei, aller Stimmung ans das fröhlichste zw Erhalten. Ein halliges Hin und Her gibt es auf dem Oberdeck nick» vor dem alaruck>e:rit- liegenden U-Boot. Uninengen von Proviant für lange Wochen werde:: anaesahren, um bald in: Bauche des kleinen grauen Uw