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„Mit anderen Worten," sprach er, .„die 150 Rerter sollen sich opfern. Wie viele werden zurückkehren?"
„Die Hälfte," sagte Kasimir Rzonka kalt.
Maryan Batranski hatte die Führung der Rerter für sich gefordert.
„Dann wirst du nichts dagegen haben, daß ich mib- reite," sagte der Marquis und drehte sich eine Zigarette. „Damit kann man sich manckie fröhliche Stunde vertreiben."
Nichts konnte ihn auch von seinem Vorhaben abbringen.
Als die Sonne aufging, sahen die Polen, daß die Russen omrückten. Einen Augenblick war Totenstille. Dann begannen die Reiter, an oeren Spitze Maryan von Batranski und Siga Wendrewski hielte::, wie aus einem Munde das „Boze oos Polske" anzustimmen. Sie sangen ernst und voller Inbrunst. Jeder wußte, welche Aufgabe gerade ihnen Iusiel. Ein Zug nach dem andern nahm das Lied aus. Bon einen: Haufen sprang es zum andern über. Das ganze Heer sang es mit entblößten Häuptern. Es war kein geregelter Gesang mehr. Die am Walde standen, sielen später ein als die auf dem rechten Flügel. Aber aus' den Tausend den rauher Männerkehlen scholl es doch gewaltig empor, ein Brausen und Dosen, daß die Lüfte zitterten.
Schweigend rückten die Russen näher. Die Lanzen der Kosaken blitzten herüber. Man unterschied die einzelnen Abteilungen, die Offiziere. Siga Wendrewski sah scharf zu Napoleon Rutkowski hin. Er hielt im Rücken der Dsittel- stellung neben Kasimir Rzonka und ein paar Meldereitern. Es war ausgemacht, daß, wenn er den Degen hob, die Reiter Vorgehen sollten.
Man hörte jetzt nur leise reden. Es verschmolz zu jenem eintönigen Summen, das große Menschenansammlungen zu begleiten pflegt. Zum letztenmal kreisten die Flaschen. Durch rinen Parlamentär ließ der Befehlshaber der Russen die Rebellen zur Unterwerfung auffordern. Natürlich vergeblich
„Achtung!"
Die Hände, die die Zügel führten, zitierten leicht. Das Zittern schien auch auf die Gäule überzugehen. Sie streckten den Kopf aus und legten die Ohren fest an.
Hüben und drüben kurze Kommandos. Fast gleichzeitig knatterten auf beiden Seiten die ersten Schüsse. Pulverdamps umhüllte einen Augenblick Freund und Feind.
Im selben Augenblick erhob Napoleon Rutkowski den Säbel. Und in sausendem Galopp, wie aus der Pistole geschossen, brausten die kleinen polnischen Pferde übers Feld auf den Feind zu. Den Kopf auf die Hälse geduckt, den hungrigen Säbel in der fieberirden Hand, rasten die Verwegenen dem Tode entgegen. Siga Wendrewski, der Marquis, hatte etwas bummelig auf seinem Falben gesessen. Ganz, wie es
E ne Gewohnheit war; als ob ihn die Sache nicht besonders devessierte. Jetzt aber schien er mit seinem Gaule, der ventre & berre dahinsegte, förmlich verwachsen zu sein. An der Mähne des Falben vorbei spähte er vorwärts.
Der Pulverdampf der Salven hatte den Russen bisher die Anstürmenden verborgen. Als die ersten Reihen sie erblickten, stutzten sie. Im nächsten Augenblick tönte ein Kommando. Zu spät!
Ehe sie sich fassen konnten, sahen sie vor sich, über sich aufgerissene, dampfende Pferdemäuler, rotunterlaufene Augen, blitzende Säbel. In gewaltigem Anprall wurden die ersten Reihen einfach umgerissen und niedergeritten, die folgenden wankten und gerieten in Verwirrung. Flüche, Schmer- -ensrufe, das fast schreiende Gewieher der Gäule, das Stöhnen der am Boden Liegenden und Hufzerstmnpften, die Kommandorufe der Offiziere, die Trompetensignale, der Lärm der nachrückenden Rothemden, die zum Teil ihr altes Sensenlied sangen, das alles verband sich zu einem furchtbaren, die Luft erschütternden Geheul.
Und inzwischen badeten sich die durstigen Säbel der an-, greifenden Reiter in Moskowiterblut. Sie wußten, daß sie nur Sekunden, Minuten zu mähen hatten, sie nutzten die Zeit aus. Hageldicht fielen die Hiebe. Der „Marquis" schien von Stahl zu sein. Unermüdlich, ein furchtbarer Schnitter, arbeitete er.
So groß war die Macht des ersten Anpralls gewesen, daß die polnischen Reiter sich selbst festgeritten hatten und eingekeilt im Feinde steckten.
Es war höchste Zeit, daß die Rothemden herankamen, um ihre Brüder zu retten.
„Hundesohn!" fluchte Siga Wendrewski und parierte den Hieb eines riesigen Kosaken. Ein zweiter Hieb streckte den Mann nieder. Mit seinem kleinen, beweglichen Falben
drängte er sich zu Maryan Batranski durch, dessen gute Laune noch immer zu wachsen schien.
„Man soll seinem Schicksal nicht aus dem Wege gehen," hatte er einen Tag vorher gesagt. Aber er schien es geradezu aufzusuchen. Im dichtesten Hausen der Feinde kreiste sein Säbel. Nur ungern hörte er den Befehl zum Rückzug.
Das Unglück wollte es, daß die Reiter bei diesem Nück- Äitge, der manchem der Ihrigen das Leben kostete, in die Reihen der nachdrängenden Aufständischen gerieten. Die scheu gewordenen, tanzenden, sich bäumenden Pferde richteten auch hier Verwirrung an. Die Russen benutzten das, um kräftig vorzustoßen. Die Reihen hatten sich neu geschlossen. Ueber die gefallenen Brüder hinweg gingen sie tapfer vor. Die Polen gerieten ins Wanken. Vergebens wollte Siga Wendrewski noch einmal mit den Reitern attackieren. Die Reiter, viel über die Hälfte war wirklich nicht zurückgekehrt, waren zu Tode erschöpft und hätten auch so wie so nicht viel ausrichten können, da Freund und Feind im Handgemenge durcheinandergeschoben war. Jetzt zeigte sich der Fehler des Planes. Die weitgedehnte Linie konnte sich nicht rechtzeitig zusammenschließen. Unaufhaltsam drangen die Russen vor. Schon waren die Polen auf den Fleck zurückgeworfen, von dem aus sie vorgegangen waren. Da zog Napoleon Rutkowski von den äußersten Flügeln Verstärkungen heran, um den Schlüssel seiner Stellung halten zu können. Mit frischen Kräften griffe:: die Leute in den Kamps ein. Die Ermüdeten, Zerstreuten, Einzelkämpfenden wichen zurück. Maryan Batranski, der überall war, formierte sie, so gut es ging. Jetzt im Einzelkampf waren die Rothemden wichtiger als die Reiter, deren Hauptaufgabe es war, die Kosaken im Schach zu halten.
Kurz entschlossen sprang Maryan Batranski vom Gaul und führte, den blanken Säbel in der Hand, die neu geschlossenen Reihen wieder ins Gefecht. Er stand bald in vorderster Reihe. Neben ihm kämpfte in seiner starren Verbissenheit, mit den schmalen, verkniffenen Lippen, Wladimir Rybsczynski. In der liuken Hand das Kruzifix, in der rechten die nie ruhende Klinge, wich und wankte er nicht.
(Fortsetzung folgt.)
von der Schönheit unserer Heimat.
Von Regierungsbaumeister See ge r.
(Schluß.)
Zuletzt wollen wir noch den Dom der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar besuchen. JUr Gegensatz zu den in sich abgeschlossenen typischen Stilkirchen, die geradezu Schulbeispiele waren, ist der Wetzlarer Dom ein Torso, zmn Teil sogar Ruine geblieben. Und gerade dies ist fsür uns doppelt interessant: wir sehen in den erstarrten mittelalterlichen Baubetrieb hinein und erkennen seine Wünsche und Ziele, die schon vor einem halben Jahrtausend umi ihre ErfüllUttg rangen.
Cs ist im Mittelalter durchaus nichts Vereinzeltes gewesen, alte Bauten abzubrechen, nicht weil sie etwa baufällig geworden waren, sondern nur nach dem neuesten Stil — nach der letzten Mode möchte man fast sagen — großartigere Neubauten an ihre Stelle zu setzen. Das gewaltigste neuzeitlichste Gotteshaus zu besitzen, war der Ehrgeiz aller mittelalterlichen Städte. Es war nicht Nur das religiöse oder kirchliche Gefühl allein, das solche übergroßen Lei-, stungen wagte; das Bauen war fast eine Leidenschaft, es war der künstlerische Ausdruck des selbstbewußten Stolzes, der sich ein ragendes Denkmal setzen tvollte.
IN Wetzlar hat es der Zufall gefügt, daß der ganze Kirchenbau ins Stocken kam, als die Abbruchsarbeiten der Mteren Anlage noch nicht beendet waren. So sehen ivir :roch heute mit Staunen deni schon vor einem halben Jahrtausend znm Abbruch verurteiltes ronranischen Turm stehen, umrankt von der damals begonnenen! Gotik, die nie vollendet werden sollte. Der graublaue Basaltturm und das altertümliche Portal, das zwischen ihm' tmb seinem bis auf das -ebenerdige «Geschoß abgebrochenen Bruder, sind« die sichtbaren Ueberbleibsel einer sehr alteu Kirche, die wohl um das Jahr 1 000 entstanden sein mag. Unter dem heutigen Do insu Moden hat man ber den letzten Wiederherstellungsarbeiten die inneren Pscilerstellnngen und manches andere festgesbellt, so daß wir uns wohl eine Vor-, stellung dieser älteren Anlage machen können. Es.haben sich gleich- alterige engvernmndte Bauten in Rheinhessen bis auf unsere Tage herübergerettet, die in der charakteristischen Form des Turmes, besonders des reizvollen Ueberganges aus den: Viereck zum letzten! Achteck-Geschoß, sich untereinander auffallend gleichen. Welche Beziehungen zwischen diesen Kirchen in Wetzlar, Worms (Paulskirche), Guntersblum und Dittelsheim bestanden, entzieht sich unserer Kenntnis.
Als man sich in Wetzlar zunr Neubau entschloß, lvar die Kirche diesem Turin nach ru urteilen sicki-er noch nicht aussichtslos baufällig. Genug, mau begcnm am Chor die alte Kirche niederzulegenl und sie stückweise, vergrößert im neuen Stil erstehen zu lassen^


