Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Manchmal," fing Peter Wroblewski wieder an, „ist es sonderbar. Man spricht heute abend noch mit jemand und) geht weg und sagt: „Auf Wiedersehn," und kommt man morgen, so ist er verschwunden, unauffindbar. Eine merk- wurdrge Sache. Dabei kann, man beschwören, daß man „Auf Wiedersehn" gesagt hat, und der andere hat dasselbe gesagt."
Jäh blieb Michael Laskotvicz vor ihm stehen.
„Es koinmt vor, Freundchen, warum nicht? Jedoch, wenn ein Kind tot liegt, wer soll das Kind begraben, das ernzige, das nian hat?"
„O, v!" erwiderte der Gendarm aufgeregt^ „ich erinnere mich eines Falles, verstehst du, als Beispiel: Da haben es Freunde getan, urtb so feierlich, wie es der Vater nicht besser hätte besorgen können. Sarg, Kranze, Lichter, auch der Propst Uhu- dabei. Fast hätte ich gesagt, mich Fahnen. Nun, solch ein Fall passiert."
Ein langes Schweigen. Tapp, tapp, schritt der Schlnied auf und nieder.
„ 6ut," sagte er dann. „Gib mir die Hand,
Bruderherz. Ader ich, nun, ich werde den Juschu selber begraben, an seinem Sarge werde ich stehen, mag kornmen, was will. Man muß auch- das Schwerste ertragen, du hast selbst vorhin so gesprochen!"
Ein halb unterdrücktes Stöhnen. Peter Wrobletvski.erhob sich geräuschvoll. Fast heftig, zwischen den einzelnen Saßen schluckend, sagte er: „Wer redet von mir? Psia krew, kern Wort! Ein Beispiel Hab' ich erzählt, nichts Hab' ich gesprochen. Du natürlich, du wirft beim Begräbnis sein. Warmn solltest du nicht? War ich denn bei dir? Woher toeiß ich denn, daß du da bist? Die Leiche wollte ich sehen, man ist neugierig?" Stöhnend setzte er den Helm auf und stand ein Weilchen mit gebeugtem Haupte.
„Auf Wiedersehen, Michael Laskowicz. Ich sage: Auf Wiedersehn!"
„Gott schütze dich, Peter Wroblewski!" —
Am andern Tage bestellte der Schmied alles Nötige fürs Begräbnis. Der Tischler nahm Maß zum Sarge. Zwei Leute schaufelten das Grab. Nasgora hatte selbst einen kleinen Kirchhof für die ärmeren Leute. Die sich ein wenig besser Vorkamen, ließen den Sarg meist nach Wreschen bringen und >auf dem dortigen Kirchhof bei Glockengeläute beisetzen. Juschu Laskowicz jedoch sollte in der Dorfgeinarkuug liegen, für die er seine Madonna geschnitzt hatte. Deshalb machte sich Michael Laskowicz nachmittags nach Wrescheu auf, um den Propst zu bestellen. Er ging in schweren Gedanken. Dieser und jener hatte ihn vormittags angesprochen. Ohne eine Frage zu hui. batte er erfahren, daß er dem Baron nur.
den Arnr zerschmettert hatte. Es war gut so. Ein Krüppel sein Junge, ein Kriippel der Schloßherr. Die Rache tvar genommen, sie waren quitt.
Um dieselbe Zeit, da Michael Laskotvicz nach Wreschen ging, patrouillierte Peter Wroblewski auf Stralkowo zu. Er hätte es bleiben lassen können: seit das Militär alles besetzt hielt, gab es wenig zu tun. Aber heute hätte außerdem der ärgste Vagabund au ihm vorbeikoimnen können. Hartnäckig hielt der Gendarm die Augen ans die Erde gerichtet. Er hatte heute einen Auftrag bekommen, heute früh. Was nützte das Bitten? Pflicht war Pflicht. Und morgen war Juschus Begräbnis. Er stöhnte, wenn er daran dacyte.
Das Begräbnis war feierlich. Der Propst kam pünktlich airgefahren. Ein paar Kränze deckten den Sarg. Zuletzt loard noch einer gebracht aus dem Schlosse. Von Hanna von Graßnick war er geschickt.
Einen Augeirblick richtete sich der Schmied zu seiner vollen Höhe ans. Einen Augenblick wollte er den kostbaren Kranz in Stricke reißen und die Stücke den: Boten wieder mitgeben. Dann neigte er sein Haupt. Wortlos nahm er das Gewiride und legte es auf den einfachen, gelb gestrichenen Sarg.
Das Begräbnis tvar bald zu Ende; der Probst fuhr ab; die Leute gingen in Gruppen nach Hause. Nur wenige standen noch in der Nähe des Grabes: Pani Jadwiga Wrc^ blewska, die heftige Spätzin, schwatzte mit einer Nachbarin und schielte dabei zu ihrem Manne hin, der ein paar Schritte hinter dem Schmied starrd und von einem Fuß auf den/ andern trat.
Die Parri hatte eine feine Nase; sie roch etwas. Aber es' dauerte lauge.
„He, Peter, mein Hähnchen, kommst du?"
Das Trompetensignal ließ ihn auffahren. Aber plötzlich trat er näher nick) sagte kurz: „Mach', daß du nach Haus kommst, meine Liebe, ich ersuche dich darum!"
Die heftige Spätzin ward flannnend roi. Schon wollte sie losschmettern, als sie gerade noch daran dachte, daß der Kirchhof kein Ort dazu sei. Mit einem vielversprechenden Blick auf ihren Mann drehte sie sich also um und schritt mit der Nachbarin den übrigen irach. Der Fußgendarm holte tief Atem. Seine linke Hand steckte ganz unvorschriftsinäßig in der Tasche unb zerknitterte dort etwas. Jeder BlutK- tropfen war auS stimm Gesicht entwichen. Da drehte sich Michael Laskowicz um; er wollte jetzt auch nach Haus gehen.
„Sieh' da," nickte er, „bist du noch hier? Nun ja, ja, da liegt er jetzt! Immer habe ich daran denken müssen, wie er heute nacht frieren wird, oer Juschu. Bei Gott, solche bum- men Gedanken!"
„Man muß das Schwerste" — Peter Wroblewski kam nicht zu Ende. Erstaunt blickte der Schmied auf. Und plötzlich riß der Gendarm ein Papier aus der Tasche, das er zerknüllt hatte.
„Bruderherz, hier Hab' KH, hier Hab' ich — nun, lies es durch! Was sagst du?"


