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iu erfüllen. Klar und friedvoll sckauten die feigen Augen er Gottesmutter <ruf das KnäLlern herab.
,F), Jungfrau- Reine, vergib mir!"
Und auf den Knien betend, büßend», lag Kascha Kaczi- Marek vor der Madonna. Ein gelber Strahl brach durch die Scheiben, der Staub tanzte darrn wie aus einer Straße. Uno der Strahl traf gerade das Antlitz der Jungfrau. Es war das Antlitz Hannas und war es nicht. So viel Friede, Reinheit, Verklärung war darüber ausgegossen. In holder Lieblichkeit neigte Maria ihr Haupt leise nieder zum Kinde. Und seltsam berührte eins: Nicht das .Kind war hier das Göttliche. Die Mutter war es. Aus ihr ruhte der Glanz der Seligkeit. Sie war die Königin des Himmels. Das Knäb-- lein dagegen lag ihr im Arm, ein krankes Kind der Armut, ein Kind dieser Erde, auf das Maria in ewiger Liebe sich oenädig neigte. Und das Knäblein ivar der kranke Krüppel sellrer; war ein Staub geborener und doch ein durch Maria aus den: Staub Erhobener, der nun geborgen ist.
Kascha Kaczmarek hatte mehr ein dunkles Gefühl von alledem, als ein deutliches Bewußtsein. Wer ihr Herz be- »itifs jetzt alles, begriff, daß sie geirrt und gefehlt hattet und eine schauernde Empfindung überkam sie zum erstenmal in ihrem Leben, daß der, den sie geliebt, in Michetn gelebt, wohin sie ihm nicht folgen konnte.
Je mehr sie das durchdrang, um so mehr verstand sie. ES ward ihr Üar, weshalb er träumend dahingegangen; es ward ihr klar, daß sie seinen Traum nicht hatte erfüllen können. Eine dumpfe Ehrfurcht vor ihm erfaßte sie — eine Ehrfurcht, die ihn so weit, so unerreichbar wert von ihr end-
! ernte, wie es weiter auch der Tod nicht konnte; und doch ein letztes, liebes, gutes Lächeln, das sie, die Geringe, wieder zu ihm zog, dem Großen; ein Lächeln, für das sie immer dankbarer ward, das sie immer mehr erfüllte.
Er hatte kein irdisch Weib geliebt. Sie neigte das Haupt, als wäre sie in der Kirche. Sie trat zu dem Toten, scheuer, zitternder, als sie zu dem Lebenden getreten war. Ihr blieb nur eins: abbitten, büßen, allen aboitten, ihm, Hanna, ob eS auch schwer fiel.
Als ihre Hand die Stirn noch einmal berührte, durchschauerte sie ein Kältegefühl. Er war tot. Und sie wußte jetzt nicht, wie es hätte anders sein können. Sie sprach stille Gebete; ihre Seele war voll Demut und Ergriffenheit. Kein lauter Schmerz fand dort mehr Platz.
Als sre sich bekreuzigt hatte, räumte sie Holz und Torf Vor dem Ofen fort. Das war nun nicht mehr nötig. Eben! band sie ihr Kovftuch vor, um wegzügehen, die Meldungen fu machen und den schweren Gang aufs Schloß anzutreten, als sie Schritte Härte.
Eine Hand drückte draußen die Klinke nieder, die Tür gtng auf: Michael Laskowicz, der Schmied, stand im Rahmen der Tür. Er sah übermüdet und angegriffen aus. Keucht und erdig war seine Kleidung. Ohne ein Wort zu! sprechen, die Mütze auf dem Kopfe, ohne auch Kascha Kaczj- marek nur zu beachten, ging er aus das Bett zu.
„Heda, Juschu, ich bin'sk" Er legte ihm die Hand auf den Kopf.
Plötzlich sank sein Haupt vor. ,juschu!" Sein Name war's, leise gesprochen, in zitternder Angst und Liebe, als müßte solch ein Ruf auch die Toten erwecken Dann nahm er langsam die Mütze vom Kopfe.
Kascha Kaczmarek wagte nicht zu atmen. Sie wäre so gern in Scham aus der Tür gegangen, aber sie fürchtete das Geräusch der Schritte. So blieb sie hier unbeweglich wie dort der Schmied. Das dauerte lange.
Dann drehte sich der Riese, der gdbeugt gestanden, um. Mit krummem Rücken, als trüge er eine Last, so »vandte er sich. Er reckte sich nicht gerade. Stumm wies er auf die Tür. In seinen! Antlitz war ein steinerner Zug. Und demütig neigte Kascha Kaczmarek das Haupt und ging.
Michael Laskowicz trat nun, wo er allein war, wieder vor das Bett. Er nickte langsam. Er hatte zuletzt einen Groll gehabt gegen sein eigenes Fleisch und Blut, das ihn so enttäuscht hatte, den Groll des robust Gesunden gegen den Kranken. Und doch wieder hatte er seinen Jungen geliebt mit heißer Zärtlichkeit, die sich unter ewigem Murren verbarg, die sck-eu und tävpisch nur selten einen Ausweg fand.
Ein Zittern ging über sein Gesick)t. Er nahm den Toten 7 “ wie leicht war die Last! — auf beide Anne. Wie Juschu! Laskowicz vor Wochen die deutsche Baroneß getragen, so ^ug sein Bctter jetzt ihn. ,Zunge," sagte er nur, „mein Junget ES llang auch jetzt hart \mb spröde; es kam nicht
weich heraus. Und immer vom Fenster zur Tür, von der Tür zu!m Fenster. Vorsichtige als ob er ihm jetzt noch weh tun könnte, bettete er den Sohn dann wieder hin. Erst jetzt sah er das Bildwerk.
Die neue Madonna von Nasgora. „Maria, Reine,-fet du ihm gnädig dafür, ihm und mir!"
Aber Michael Laskoivicz sah in dem Bildwerk nicht das>, was Kascha Kaczmarek darin gesehen.
Dann erfaßte ihn eine bleierne Müdigkeit. Viele Meilen war er ja marschiert; wie ein Wild hatte er sich durch den Grenztvald und den preußischen Militärkordon schleichen müssen. Und die Erregung, die ihn hier erwartet, hatte das Ihrige noch dazu getan, um ihn todmüde zu machen. Er warf sich auf sein Lager und verfiel in einen bleiernen Schlaf. Er erwachte erst daraus, als es schon dämmerig wurde. Sein erster Gedanke war, daß inzwischen die Brüder über der Grenze ohne ihn null den Sieg schon erfochten hatten. Dann erst kam ihm sein Kind ins Gedächtnis. Und wieder saß er in stummem Brüten vor dem Lager.
Immer dunkler ward es. Er zündete kein Licht an.
Er fuhr erst ans, als es leise klopfte.
„Gelobt sei Jesus Christus !" sprach eine ttefe, bedrückte Stimme. Sie sprach leise. Ob wegen der Leiche, ob wegen der Dunkelheit, man konnte es nicht sagen.
Michael Laskowicz hatte kurz den Kopf erhoben. Ein mißtrauischer Blick suchte das Dunkel zu durchdringen. Er traf auf etwas Glänzendes.
„Nun ist es also tot, das kranke Hühnchen," sprach die gepreßte Sttmme wieder. „Möge er bald abgebüßt haben und eingehen in die ewige Seligkeit."
„War er bei dir, Peter Wroblewski?" fragte der Schmied. Der Gendarm schüttelte den Kopf. Es klirrte etwas.
„Alles müssen wir ertragen lernen, auch das Schwerste, Michael Laskowicz."
„So ist es. In der Jugend denkt man an nichts; im Mter ist man gefaßt und wartet."
Es wurde immer noch leise geredet. Dann räusperte sich Peter Wroblewski.
„Was ich sagen wollte: es ist drüben noch Arbeih, Freundchen! Man sollte vielleicht hinübergehen. Was meinst du?"
„Ich komme von dort," brummte der Schmied.
„Gerade wer von dort kommt! Es ist besser!" Michael Laskowicz hob den Kopf wieder.
„Wso du meinst das?""
„Nichts mein' ich, Bruderherz! Wo werde ich denn? Ich rede nur so hin. Es gibt welche, die immer vor sich hinreden. Unter anberm auch: Bleibe nicht hier, gehe in die Wälder, gehe nach drüben! Wahrhaftig, es gibt Leute, die so reden. Ich jedoch sage nichts. Bon mir wirst du nie etwas hören, denn ich tue meine Pflicht. Streng, Freundchen, sehr streng bin ich!" ö
vujer 6s kam gedruckt heraus, fast kläglich und mit Angst. Peter Wroblewski nahm den Helm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Schmied war aufgestanden. Er ging ans und ab, mit schweren Schritten, aber langsam, urn nicht im Finstern irgendwo anzustoßen. Immer wenn er an dem Gendarmen vorüberkam, zog dieser den Fuß zurück.
icoriiciümq uuat.
von der Zchönhkit unserer Heimat.
Bon Regievungsbanmeister See ger.
Der gegenwärtige Bölverkrieg hat neben der grauenvollen Vernichtung bod) auch Wertvolles zutage gefördert, vecheißungK- volle Keime gelegt. Unser Bolksbewnßtsem fachte er mächtig an, die Hohlheit mancher Auslandtümelei ist uns offenbar geworden In Zukunft fall das auch nickst von roeit her" kein Minderwertig-! keits-Stempel mcfyt sein.
Dies wird hoffentlich auch im Reiche der Kunst gelten. Der ans gepeitschte Bölverhaß kann noch jahrelang von frenrdem Land nnd Kultur uns sernzuhalten suchen, aber schädigen soll er uns nickt damit. Iw Gegenteil wieder dazu beittagen, daß wir unser Heimat-, land urn so inniger kenneii ulid lieben lernen. Uiid manches ist da noch nachznholen! Unser heimatliches Museum besucheil imr am allerioenigsten, »venn wir auch auf Reisen es für unsere Pflicht gehalten, alle erreichbaren Kunststätten „mitzuncymen". Die landschaftliche Schönheit der Umaebimg schätzt man nicht eben hoch ein, tveil zu leicht lstnzuVommen ist. Berühmte Schlösser mrd Dome der Nachbarstädte hat man irgend wann einmal besichtigt — als unser« Gäste vielleicht sie sehen wollten.
Wer so wie wir hier an der Lahn mitten unter hochbedeutsamen dauten unserer stolzen Vergangenheit wohnt, der ist es sich eigentlich schuldig, sie wirklich kennen zu lernen. Allerdings ist landschaft»


