Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„ Kascha Kaczmarek hatte das Bildwerk nur durchs Mnjter :n Nachten gesehen, und da hatten ihre Augen auch *}? den Schöpfer geMt, nicht das, was er schuf. Erft jetzt, atv sie das ^uch abgezogen, starrte sie es an. Sie hatte das ' u,lc 9 m öer Hand, einen Zipfel davon, der andere lag mn Boden. Auch ihre Augen wurden immer größer, aber auf ihren: Antlitz tag nicht der Friede. Tin weher, wilder Zug Prägte sich darauf aus, ein Zug Unbestimmter Qual. Wie forschend, mit irrem, verzweifeltem Suchen, schweiften ihre Blicke über das Bild der heiligen Jungfrau und des Jesusknaben.
Und von dem Bildwerk sah sie zu Juschu Laskowicz. Ihre Äugen fanden sich In den einen stand der Friede, in den anderen standen viel wehe Fragen. Und mit einemmal lächelte der Krüppel ihr zu — mit demselben lieben Lächeln, dem ihr der Knabe einst entgegengesehen, mit demselben Lächeln, das sie gegrüßt hatte, als sie die Nase vor so vielen Jahren an den Scheiben einst plattgedrückt.
Sie glaubte es nicht; ruckweise ging es durch sie hindurch, wie heiße Strönie überflutete es ihr Herz, die heißen Ströme stiegen, stiegen, unnatürlich weit öffneten sich ihre
S en, aber sie sahen immer dasselbe, sahen das alte, liebe eln, das sie so viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.
Und da stiegen die heißen Ströme noch höher. Unsicher Machte sie ein paar Schritte Vvr, und Plötzlich liefen die Tranen, überstürzten sich, überschwemmten ihr Gesicht. Ein Wernen war's, erst kurz, krampfhaft, dann ganz willenlos, unaufhaltsam. Bor seinem Bette stürzte sie meder, legte ihre Stirn auf die Kante und weinte.
Die Sonne leuchtete inrmer siegreicher über den Todkranken, über das dunkle Mädchenhaar, über die Madonna mit dem Kinde. In Licht und Sonne lag der Krüppel. Er war zurückgesunken. Sein Werk stand vor ihm, grüßte ihn, neben ihm war Kascha, die gute, wilde Kascha, seine Spielgefährtin.
O, die Dorfstraßc, und wie sie gespielt hatten, und wie das Ding immer zu ihm gehalten!
Er lächelte. Er hatte sie lieb. Sv> sollte os immer bleiben wie jetzt. Denn jetzt hatte er alles. Er wollte reden, er wollte „Kascha" sagen. Er ließ es. Die Erinnerung an nna schien mit der Vollendung seines Werkes ganz von
ihm abgekallen zu sein. Er war" wieder, der er "einst ge- wesen. Und einst hatte er vor allen andern Kascha Kaczmare!
lieb gehabt.
schien alte Not adzufallen, aller Trotz, alte Kümmernis. Alles war gut so. Sie dachte: Nun tat
geh
Sie weinte noch imnrer, ohne aufznsehen. Auch von ihr " r " t, aller Trotz, alle Erbitterung,
auch der Stoß nicht mehr weh, der Stoß, den er mir da* mats von der Leiter aus gab.
Die Zeit verrann. Linder wurden die Dränen. Die- Knre taten ihr weh auf dem harten Boden, aber sie sollten noch tausendmal mehr weh tun, wenn sie hier nur so liegen konnte. Sie fühlte, wie Juschu Laskowicz seufzte, sich llrrz steckte. Er hat mir zugelachelt, dachte sie. Immerfort dachte sie dasselbe, und ihr verweintes Äesicht lächelte auch.
Es war still, es blieb still. Leute redeten draußen, sie gingen vorüber. Eine Stunde ging vorüber. Dann plötzlich dachte Kascha Kaczmarek: Wie sehr still es ist. Das Herz hört man schlagen.
Sie lauschte aus das eigene Herz. Und es war immer so stlll, zum Fürchten still. Die Stille lag auf ihr. Sie hatte Angst vor dem ersten Geräusch, das sie machen würde. Sollte sie aufstehen? Lange, bange Minuten fragte sie sich. Das Bein wollte ihr einschlasen. Und mit jähem Ruck dann, als könnte sie nur so sich selbst befreien, als sollte daß. lvas geschehen mußte, schnell geschehen, erhob sie sich.
Da lag Juschu. Ihr Gesicht veränderte sich. Er schläft, dachte sie. Ganz still, noch mit dem Lächeln ans den Bügen, schlief er. 9tur eine kleine Schmerzsalte war da. Sie machte das Lächeln seltsam. Er schläft, dachte Kascha Kaczmarek wieder, und dabei wußte sie, daß es etwas anderes war^ aber immer wieder sprach sie in ihren Gedanken zu sichr Er schläft!
Sie berührte seine Stirn. Er wird frieren, ich mutz Feuer anmachen! Biel Feuer! Dabei schritt sie zum Ofen. Aber sie hatte ihn noch nicht erreicht, als sie sich umdrehte, mit halbem Schrei an das Bett zurückstürzte und nun ganz klar wußte, begriff, sich sagte, daß er nicht schlief, daß er tot — tot — tot war!
Es stürzte so auf sie ein, daß sie zu keinem Schmers kam, daß sie halb mechanisch nur stöhirte. Er war tot. Jetzt N>ar er gestorben, wo das Leben für sie begann oder beginnen sollte, wo . er ihr mgelächelt chtttei in alter Liebe. Sie lächelte zag, denn sie dachte an sein Lächeln. Und nur- niemals wieder. Er war ihr geraubt für alle Zeiten, epst geraubt vom Leben, dann geraubt vom Tode.
Blitzartig stand die Szene am Tage des Brandes wieder vor ihr. Hanna von Graßnick hatte er gerettet, nicht sie.
Alles bäumte sich in ihr auf. Mörderin? schrie es tm ihrem Herzen. Ihre .Hände ballten sich; sie wollte nach dem Schloß stürzen; sie wollte der Baroneß auch ins Gesicht dies furchtbare Wort Mörderin! rufen.
Da traf ihr wilder Blick das hell von der Sonne beschienene Bildwerk. Ihre hochaufgestreckte Gestatt hielt sich einen Augenblick starr, dann, sank sie gleichsam mehr und mehr in sich zusammen. Was sie vorhin gequält, was sie gesucht hatte, jetzt wußte sie es, jetzt begriff sie es. Immer kleiner ward sie, immer scheuer sank ihr Haupt. Und dasi Bildwerk leuchtete in der Sonrre; Licht und Segen schienen gleichsam von ihm auszuströmen und das ganze Gemach


