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„Die ick nicht verstehe . . . ?" Die fünfzehnjährige junge Lame setzte sich würdevoll aus ihrem Schemel zurecht, faltete die tzälcke um dre Knie, warf ihrer Base einen langen, scharfen Blick Pu und sab schr geheimnisvoll aus. < '
„Warst du etwa schon einmal verliebt?" fragte Astrid spöttisch «nd verzog die Lipven zu einem überlegeiren Lächeln.
Lena schwieg, kniff den Mund zusammen und starrte ins Feuer. ^Oder ist vielleicht einer in dich verliebt?"
Bedeutsames Schweigen.
„Aber nein, liebt dich wirklich einer?"
Es sah fast saus, aljs sei, Lena im Begriff, mit dem Klopf zu vicken, doch sie tat es noch nicht. '
„Ach, erzähle doch."
„Es ist nichts," sagte Lena lässig, aber in einem Don, als hätte kie etwas sehr Interessantes zu berichten, wenn sie nur wollte. Astrid ließ sich jedoch nicht abschrecken.
„Wer ist es?"
„Das ist ja gleichgültig, du kennst ihn doch nicht."
„Bist du so sehr verliebt in ihn?"
„Ach, nicht so arg>. . . Ich weiß übrigens nicht . . ."
„Ist es Mas Lönnholm?" >
„Klas Lönnholm! Ein Gymnasiast! Ein Schuljunge! Na, ich danke!" Me würde ihr eine solche Mesülliänce in den SinU kommen. i
„So will ich Nr sagen, rver es ist," meinte Astrid bestimmt. „Das kannst du nicht."
„Onkel Westmark, der alle Sonntag herkommt."
„Onkel Westmark . . . ?!" Lena brach in ein so erschütterndes Gelächter aus, das; sie beinahe der Länge nach zu Boden gefallen wäre. Astrid hielt sie fest urck wies flüsternd auf di^Schlafzimmec- tür. Leun schre-ie ja so, daß sie womöglich ihren Vater aus seinem Mittagsschlummer weckte. Ein wenig erschrocken blickte die Tochter bei dieser Ermahnung zur Tür, dann begann sie aber von neuen; zu lachen, wenn auch etwas gedämpfter. „Onkel Westmark, der im März neunundvierzig Jahre alt wird! Ich bin doch noch nicht ganz verrückt!"
„Nun, dann weiß ich aber ganz gewiß, wer es ist," beteuerte Astrid wieder, nahm Lenas Kopf und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Aber Lena riß sich mit einer raschen Beugung ihres dunkeln kleinen Kopfes hastig los. (
„Er i st nicht Kommis," sagte sie mit Nachdruck.
„Ja, aber er expediert bo$ ..."
„Nur um das Geschäft zu erlernen. Sein Vater hat ein großes Haus in Küngsholmen, und seine Schwester nimmt Gesangslunden."
„Nun, was ist er denn sonst?" fragte Astrid mit einem ver- 'gnügten Lächeln über ihre wvhlgelungene List und lehnte sich vornehm ein wenig zurück.
„Er ist ... er ist .. . nun es ist ja ganz gleich, was er ist," antwortete ihre junge Wirtin. {
Sie schwiegen einen Augeicklick. Lena schien nicht recht geneigt zu lyeiteren vertraulichen Mitteilungen, und Astrid überlegte, wie sie sie dazu ermuntern sollte. Sie beugte sich wieder vor und, setzte ihr Kreuzverhör fort.
Ob sie sich häufig getroffen hätten — Wie sie miteinander bekannt geworden wären — Was er gesagt hätte —
Doch Lena antwortete einsilbig .mit einen; „Oh!" oder „Ach, Unsinn!". Schließlich konnte sie aber doch nicht länger widerstehen. Tie Versuchung war zu groß, endlich einmal lauttonssprechen zu können, 'was sie Tag und Nacht dachte', und es lag auch etwas so Erhebendes darin, daß man eine Geschichte zu erzählen hatte. Sie wurde dadurch gleichsam.zur Mtergenossin Astrids, die man ja bereits als eine erwachsene Dame betrachtete.
Und so begann sie.
!Dsie Biuchjhcmdlung, in der er rvar, lag so nahe bei her Schule, daß die ganze Klasse dort ihre Bücher, Hefte und Federn kaufte. Aber a;n artigsten war er stets gegen Lena, ja, er ver-< nachlässigte die andern um ihretwillen. und kam sie je einmal allein, so sprach er sogar von Ronmnen, die er ihr zu lesen empfahl. Er fand, junge Mädchen müßten mit ihrer Zeit mitgehen, ruck er wollte ihren Eltern eine Anzahl Bücher zur Ansicht schicken.
Dann hatten sie sich einmal auf der Eisbahn getroffen. Valsrid Borg hatte ihn ihr Angeführt. Er lief wie ein Preisgekrönter, und sie tanzten Walzer nick Fmn?!aise miteinander. Seitdem rvar er jeden Donnerstag und Montag.nachmittag — da hatte er frei — aut der Eisbahn, schnallte ihr stets die Schlittschuhe an ;md lies mit keiner so viel wie mit-ihr.
„Und dort aus der iEisbahiühat er dir gesagt, daß er dich liebt?" fragte Astrid, die den Prolog cttvas lang fand und gern zu den; interessantesten Teil der Geschichte gelange;; wollte.
Lena errötete sichtlich, tvotz des starker; Feuerscheins, der auf rhrein Antlitz lag.
„Ja, er sagte r;icht gerade .... verstehst du. . . . Mer . ."
„Mm, was sagte er der;;;.?"
Lena zog die Knie hoch, kauerte sich darüber und blickte m die Flammen, als denke sic an etwas Angenehmes, das lebendig vor ihrem Inneren stand.
„Es war an einem Abend . . ." Sie unterbrach sich und be- gann von neuem.
Es war an einen; Mend, wo cs ganz herrlich ivar aus der E;sbahn. Heller Mondschein und nur cm paar Grad Kälte Sie liefen so weit hinaus, wie sie nur konnte,;, und schließlich
waren sie ganz allein cnrf der Bahnt. Er lief so rasch, daß sie ihm kann; zu folgen vermochte und fast außer Aten; war. Zuweiler; drohte sie zu falle;; und knickte zusammen. Tann blieben sie stehen und lachten beide aus vollem Halse, iveil er sie so anzog, daß auch er beinahe umsiel. Aber einmal mußte er sie erst um den Arm und dann um die Hand fassen, sonst wäre sie ganz sicher gestürzt, und während sie das Gleichgewicht wiederzugewinnen suchte, zog er ihr den einen Handschuh unwillkürlich zur Hälfte ab. Da standen sie imb lachten wieder. Und dann. . . .
„Dannl. . . ?" fragte Astrid.
„Dann zog er den Handschuh noch rveiter ab. Und dann) sagte er."
„Was sagte er?"
„Dann betrachtete er meine Hand.. ."
„Nun und?"
„Betrachtete sie sehr lange. Urck dann sah er mich an, und danr; sagte er. ..."
„Was sagte er dann?"
Sie zauderte.
„Wie süß. . . . sagte er. . .
Wieder eine Pause.
„Und dann?"
Lena blickte auf, rasch und ernst, als wäre sie UNangenchtm gestört in ihren Gedanken.
„Dann liefen wir- weiter," sagte sie.
„Nun und dar;;;?"
„Dann. . . .? Dann war nichts mehr."
„Aber woher weißt du denn, daß er dich liebt?"
„Das sah ich doch! Du hättest nur mal sehe;; sollen, tvie er meine Hand betrachtete und dann inein Gesicht. So !vas sieht man doch!"
Astrid lehnte sich in ihren Stuhl zurück und brach in Lachen aus. Sie lachte so, daß sie sich schüttelte.
„Nein, hör' mal, Klein-Lena, du bist doch wirklich zu drollig."
.Drollig ....?" Lena fuhr auf, rnaß ihre Base mit dem Blick von; Scheitel bis zr;r Zehe und schien nxxf) etwas sagen au wollen, biß sich aber auf die Lippen und schwieg. Danr; nabm sie die Feuerzange und schürte die Flammen, und während es m der Glut prasselte, verbitterte sich ihr Ausdruck immer mehr. Sie warf die Zange ir; die Ecke und wandte sich mit funkelnden Mg er; zu Astrid: „Ja, ^ache du nur," strgte sie, „das begreifst du natürlich nicht, dazu bist du zu dumm. Du bist das dümmste Mädchen, das ich kenne, und ich hätte dir lieber kein Wort erzählen soll«;." 21m liebster; hätte sie ihre Arme gepackt, daß.sie blau urrd braun geworden rvären. Doch sie beherrschte sich, ging zum Sofa und warf sich in den dunkelst«; Winkel.
Es hatte keinen Zweck, daß Astrid zu.ihr kan; und ihr zuzurcd«; versuchte. Sie hörte nicht auf sie und gab keine Antwort. Mh Freundlichkeiten versagten, ja selbst halbe Entschr;ldiguug«l verfingen nicht, und als die Base schließlich den Arm um ihr«; Hals legen wollte, stieß sie sie fort r;nd schlug mit geballten Fäuste urn sich, gleichviel, wohin sie traf.
Astrid mußte sich zurückziehen, und als Lenas Mutter herein- kam rmd die Lampe anzündete, saß jedes der beiden jungen Mädchen in einer Ecke des Zimmers.
Der Mend mar zerstört. Man bat Astrid, zu bleiben, sie aber erklärte, daß sie nach Hause gehen müsse, und Lena hatte nichts dagegen einzuwenden. Sie sehnte sich ja danach, daß sie gehe, sie wollte sie nie wiederfhen, und sie begleitete sie mir hinaus in der; Korridor, um die Tür möglichst lartt hinter ihr znschlacM: zu körmen und gleich darauf in ihr Zimmer zu stürzen und mit sich allein zu sein.
Dort rvarf sie sich in einen Stuhl und schluchzte. Warum, das wußte sie selbst nicht recht. Es war ja nichts geschehen. Msolnl nichts.
Aber dennoch war ihr, als sei alles verändert. Bor einer Weile Mxh schien die Welt so hell rmd groß vor ihr zu lieg-eN- mit ftmuntb sonniger; Wegen, ruck altes hat eine besondere Bedeutung: das Zwitschern der Spatzen, der leise Fall der Schneeflocken. ein Blick ans einem Paar Äug«;, ein Lächeln, ein Händedruck. So viel hatte in so wenigem gelegen, und die Welt war so schön gewesen.
Aber jetzt . . . .
Jetzt rvar altes zusarnmengeschruMpft, Oede, still urck leer war cs rings un; sie. Sie selbst war so rvinzig und unbedeutend, alle anderen so klein rmd alltäglich. Und ibre Geschichte — Hie war gar keine Geschichte.
Deshalb schluchzte sie unaufhaltsam.
wie man sich ohne Handwerker helfen kann.
Durch der; Krieg wurden gar viele Handwerker zu der; Waffen gerufen, die man sonst bei der; in jeder;; Haushalt ununterbrochen vorkonrrrrender; Reparaturen und sonstiger; Arbeiter; zur Hand hatte. Die Frau ist also auch auf diesen; Gebiete mehr als früher auf sich selbst gestellt; dazu kommt der erschwerende Urnstand, daß fo viele Dinge, derer; man sich sonst mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zu bedienen pflegte, nicht Mehr zur Verfügung stehen. Da heißt es alfö für die Frau, Mittel urrd Wege zu finden, rim


