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„Laß mich in Ruh'!" fuhr er ans. Doch als sem BUS über das Gesicht des vor ihm Stehenden flog, stutzte er.
„Kuba Borodnik?" fragte er zweifelnd. „He, du gingft
dock: nicht mit uns?" _ _
„Nein, Schmied. Aber vor drei Tagen hörten !vrr von Lukom. Nun, watz red ick) lange? Da sind wir!"
„Gut, gut! Haft was Neues gehört? Im Dorf mein
ich?"
„War-lm nicht. Michael Laskowicz? Die Welt ist rund und dreht sich. Neues gibt's immer. Ich soll dir auch eine Bestellung machen."
„Von wem'?" fragte der Schnned rauh.
„Von Kascha Kaczmarek. Wer nimm einen Schluck vorher. Besser ist bMer."
Unruhig sah Michael Laskowicz auf. Die Unruhe war auch in seiner Stimme.
„Ich brauche keinen Schnaps. Red', tvas tft?"
„Sterben müssen wir alle. Jeder kommt an die Reche. \t ist einer dran, den du kennst. Nimm einen Schluck, Lieb/'
„Wer T fragte er heiser.
„So ist mal der Wille der Heiligen: Juschu, dein Sohn, gsch soll's dir sagen."
Ein gewaltiges Zucker: ging durch den Körper des Riesen. Kuba Borodnik fluchte auf, sein Arm mußte blaue Necke zeigen, so hatte:: die Mnger des Schmiedes ihn um- kauft) ft.
„Ist das wahr, was du sagst ?'
„Psia krew, laß mich los! Eine schöne Botschaft, man ntimnt sie aus Spaß mit, he? Höre, sprach Kascha Kaczr- Marek vorgestern z/u mir, Ihr geht zu den Aufständischen, ich weiß es! Dort ist auch Michael Laskowicz, der Schmied. Bringt ihm einen Gruß von Juschu, seinem Sohne. Er läßt sagen, wenn sein Väterchen ihn noch einmal sehen will, oll er auf dem Wege nicht ansrnhen Älso sprach m mir Kascksa Kaczmarek, und die Tränen liefen nur so. Er muß sterben, sagte sie, beeilt Euch. Nun, man ist kein Unmensch, kaum sind wir angekommen, such' ich nach dir. Aber ich, B ruder, sagte gleich: Nimm zuvor einen Schluck!"
Der Schmied überlegte nicht lange, als er allein war. Die Grenze war weit. Er konnte bis dorthin die Chaussee benutzen Da nahmen ihn die Wagen, die vorüberfuhren, woyl mit. Denn sechs, sieben Meilen — das war keine Kleinigkeit. Ueber die Grenze wollte er dam: schon kommen. Er kannte die Wälder besser als die Preußen. Brach er jetzt auf, so konnte er am nächsten Tage in Nasgora feinu vormittags, mittags, je nachdem, in Nasgora, wo sein Sohn, der Krüppel, im Sterben lag. Er hatte während der verflossenen Zeit nicht mehr viel an chn gedacht. Biel wehr an den alten Baron, den sein Hammer nieder-, geschlagen hatte, und nun kam ein Fremder, Kuba Borvd- nik, und durch ihn bestellte eine Fremde, Kascha Kacz^ nrarek, daß Juschu, sein Kind, dem Tode nahe sei.
Gequält lachte er auf. Warum sollte Juschu denn sterben? Nun gut, er war ein Krüppel. Schlimm genug, aber darum starb man nicht. Nachsehei: mußte man auf alle Fälle.
Das Kontingent der Msgoraer, zu dem auch Michael Laskowicz gehörte, wurde wie die Leute von Mnchocin und Skydlewo von Napoleon Rutkowski selbst geführt. Ihm wollte der Schmied Bescheid sagen, bevor er ging.
9tur ungern erteilte ihm der Graf gerade jetzt vor der Eiitscheidmm den erbetenen Urlaub. U:w als Michael Las- rowicz längst schon gegcmgen, saß er.noch eine ganze Weile versunken da. Er dachte an Nasgora, an Hanna, an den alten Baron. Wie fern lag das altes ! Dann hob er mit einen: Seufzer das Haupt. Er befahl, sein Pferd zu satteln. Wenn er alles auf den morgigen Tag setzte, wollte er das Schlachtfeld wenigstens selber aussuchen. 9htr Kasimir Olftonfn sollte ihn begleiten. Wahrscheinlick: saß der jetzt mit den anderen Herren in der Schenkstube.
Lärm und Gelächter schollen ihm ans der Schenkstube ent-gegen.
,Recht, daß du kommst, Bruder Führer," rief Eusebius von Degorski. „Rettet man !vas ans den: Kriege, verliert man es an diese Wölfe! Wölfe sind sie alle miteinander!"
Graf Bininski lachte Tränen.
„Hat ein paar Goldstücke verloren und läutet, als ob sein Haus brenne. Wirf besser, Psia krew, hier sind vier^ zehn Augen."
Er setzte den lederne:: Becher auf den Tisch.
„Krieg und Sieg, Liebchen, Wein und Würfel!" stimmte ein anderer an. „Heda," fuhr er fort, „Maryan Batranski, Bruder, hast du deine Lustigkeit auf Reisen geschickt? Oder wirst du erst wieder ftöhlich :mch der Schlacht?"
„Vor nicht, nach nicht," sagte Maryan Batranski, der Schlanke, achselzuckerw. „Spielt nur weiter!"
„Und du spielst nicht mit?"
„Morgen. Und dann spiele ich höher!"
„Sieh', sieh', den Philosophen. Nun, Napoleon, kriegen wir die Hunde von Moskowiter::, oder kriegen sie uns?"
Der Gefragte lachte. Dabei griff er nach den: Lederbecher und schüttelte die drei Würfel spielend auf die Hand.
„Wir kriegen sie. Muchocin setz' ich dafür ein. Paßt auf, Freunde, Siea oder Tod!"
Er schüttelte den Becher so stark, daß die fceinernem Würfel fast heraussprangen.
„Frevle nicht!" schrie Rybsczynski ftnster.
Aber schon hatte der Graf den Becher mngestülpt. Noch lagen die Zahlen bedeckt. Es war totenstill. Mles starrte auf den Becher.
„Bitte, Herrschaften, wollen wir zählend
Sein Auge leuchtete auf. „Dreimal sechs. Achtzehn Augen! Der höchste Wurf. Also Sieg, Freunde, Sieg!"
Sein Blnt war warm, sein Herz war warn:. Es war ja natürlich alles Zufall, an den sich, nur der Merglauve band, aber doch schien ihm wieder, als stecke ein großes! Symbol dahinter. Auf das Schweigen war wilde Luft gefolgt.
„Hoch Polen! Hoch Napoleon Rutkowski! Unser der Sieg! Marsz, Marsz, Dabrowski!" schrie und sang es durcheinander.
„Wir werden sie niederschlagen, o Bruder, Bruder!" jauchzte Degorski unt> umarmte nach seiner Gewohnheit wieder alle Welt. Einen Augenblick, lächelnd, selig, als wäre der Kantpf entschieden, stand däapoleon Rutkowski noch an: Tisch.
„Wir werden sie niederschlagen," sprach er den: vor Begeisterung purpnrroten Degorski nach.
„Zweifeln Sie daran, messieurg?"
Und lachend schritt er aus der Tür.
„Was für ein Mensch!" rief Degorski und sah sich um, als wollte er jedem raten, nicht zu widersprechen^ Aber es widersprach keiner. Die andern wandten sich wieder dem Spiele zu. Nur Wladimir Rybsczynski und Maryan Batranski sahen noch imn:er nach dem Fleck, wo sie den G-rafen zuletzt erblickt hatten. (Fortsetzung folgt.)
Und dann ... ?
Von Anna Wahlenberg.
Berechtigte Uebersetzung aus dem Schwedischen von Nhea Sternberg.
Dämmerung herrschte in dem Wohnzimmer, das nur von einem Käminfeuer beleuchtet nn:rde. Aber das flamnrte auch munter auf und warf seinen flackernden Schein auf LeNa, die fünfzehnjährige Tochter des Hauses, und auf ihren Gast, die drei Jahre ältere Base Astrid. (
Die letztere saß auf einem niedrigen Stuhl etwas abseits vom Kamin, während Lena in halb liegender Stellung auf einem großen, weichen Schwel mitten davor kauette und, die Arme auf Astrids Stuhllehne gestützt, den Kops in die Hände gedrückt, die Base mit weit offenen, gierigen Augen betrachtete und jede Szene der Ge-? schichte vor sich zu sehen schien, die Astrid soeben erzählte.
Es war aber auch etwas Interessantes! Ein ganzer Roman. Uebrigens nicht der erste, den Astrid erlebt hatte: Das wäre gar zu wenig für ein so hübsches, gefeiertes Mädchen. Mer es war der ernsteste von allen, und sie konnte nicht leugnen, daß sie selbst endlich verliebt war. r
Während sie das Feuer ab und zu mit der Zange schürte, berichtete sie bis aus die kleinste Einzelheit, wlie es zugegangen war, als er um sie geworben hatte. Und Lena lauschte geftxmztt, nur ab und zu eine kurze Frage flüsternd: - , t
„Was sagte er da?" Oder: „Was sagtest du da?" •
Aber als Astrid ihre Geschichte mit dem Bericht schloß, daß ihr Verehrer ihr Spitzclckaschentuch geiwmmcn, es geküßt, sic gebeten habe, es behalten zu dürfen! und die Erlaubnis hierzu bekommen! hätte', da gab Lena unwillig ihre lauschende Stellung auf und erklärte, das hätte sie ihm nre gestatten dürfen. Eft erregte sie iin höchsten Grade, daß sein Sieg so leicht gewesen war. Der Roman hätte :a viel länger und viel spannender werden können. Sie würde nicht so nachgiebig sein, wie! Sie wußte, wie man die .Herren Kavaliere zu behandeln hätte. '
f rn9te Astrid erstaunt und entrüstet, daß ein so junges Dmg :hr Verhalten zu bekritteln wagte. „Tu solltest lieber mcht von Dinaen svrechen, die du nicht verstehst, liebe Lena."


