Ausgabe 
10.2.1917
 
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üttf beiden Seiten die Alarmschüsse der Posten, die sich in einem wilden, betäubenden Lärm fortsetzten, der die wurwer- bare Milbe der Mävznacht durchgellte. Erschreckt, anfgerrssen, noch halb verschlafen, nur wenige ganz bekleidet, taumelten die Russen auf die Straße, Signale riefen hier und da, schrM durcheinander tönten die Pfiffe.Zu den Waffen! Verrat! Die Rothemden!" schrie es durcheinander. Halb nackt raste ein Kosakenofsizier das Dorf entlang. Aber ehe sich dre Kolonnen formieren konnten, brausten die Polen heran. Nur vereinzelt fielen die Schüsse. Wütend, als mußten sie Garben mähen, setzten sich die geradegeschmiedeten Sensen gegen die Bajonette. Im Augenblick waren die Reihent in Unordnung. Ein erbitterter Einzelkampf, in der Dunkelheit geführt, entspann sich. Mit verbissener Tapferkeit verteidig­ten sich die Russen. Schon wollten sich die Linien wieder schließen, als von der andern Seite der Dorsgasse Siga Wendrewski anrückte. In die Mitte genommen, aufgelost, von den furchtbaren Waffen zerfetzt, kaum vermögend^ Freund und Feind zu unterscheiden, gaben die Russen bald allen Widerstand auf. In wilder Flucht warfen sie sich bald vor-, bald rückwärts, überall von dem Wall der Sensen empfangen. Verzweifelt suchten sich einzelne durch die Häuser zu retten oder sich wenigstens darin zu verbarrikadieren. Die Bauern schlugen sie nieder. Und in das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden, in das Klirren der blutigen Sensen, in das wilde Geschrei der mordlustigen Sieger, in das Rollen der Schüsse dröhnten plötzlich die Sturmglocken der Kirche und trugen ihren dumpfen, heulenden. Schall über die Wälder und Felder.

Erst als der Morgen graute, ließ sich der Umfang des Sieges, der Umfang der erlittenen Verluste feststellen. Beides hatte man des Nachts überschätzt. Ein großer Teil der Kosaken, ein kleiner Teil der Infanterie war doch entkom­men. Nur wenige Gefangene hatte man gemacht. Aber dafür lag die Straße voll von Verwundeten, Sterbenden, Toten. Die meisten mit dem furchtbaren, klaffenden, langgezogenen! Hiebe der Sensen über Gesicht und Schädel.

Seit diesem Tage wurde Napoleon Nutkowski nicht mehr von Zweifeln geplagt. Wie schwerer, berauschender Wein wirkte der Sieg auf ihn. Vergessen war alles andere, ver­gessen sogar Hanna von Graßnick. Die Königskrone schwebte näher, durch die ganze Welt flog sein Name; ganz Polen würde ihm zujauchzen. Er verstand es nicht mehr, daß er an sich, an seiner Kraft hatte zweifeln können. Er fertigte Boten an die Regierung ab, er verlangte aus seiner! Sieg hin ein größeres Kommando; er erließ sofort einen neuen Auf­ruf nach dem Siege von Lukom, einen Aufruf, der gleich dem ersten überall verteilt werden sollte. Er entwickelte eine Tätigkeit, daß selbst Kasimir Rzonka stutzte. Der eine Erfolg hatte ihn so berauscht, daß er seitdem einen fanatischen Glauben an sich selbst hatte, an sein Genie, dem kein Ziel unerreichbar war.

Wie ein Lauffeuer, in ständiger Uedertreibung, hatte sich das Gerücht des Lukomer Ueberfalls durch ganz Polen ver­breitet. Die Folge war, daß täglich neue begeisterte Kämpen zu der Fahne des Führers eilten, der den Russen diese emp­findliche Schlappe beigebracht hatte.

Nach den langen Mißerfolgen wirkte der Sieg doppelt, nicht nur auf das Volk, auch ans die provisorische Regierung. Sie sprach in einem höchst schmeichelhaften Schreiben dem Grafen Napoleon Nutkowski den Dank der Nation aus, und teilte vor allem mit, daß sie dem General Czechowski hatte Ordre zukommen lassen, sich mit dem Sieger von Lukom zu vereinigen, um gemeinsam auch die von Norden anrückende größere Truppenabteilung zu vernichten.

Vielleicht erkennen Sie nun, daß ich recht hatte," sagte Kasimir Rzonka.Czechowski verfügt nach meiner Schätzung über vielleicht zweitausend Mann. In Kürze haben wir eby-!- soviel. Durch die Vereinigung wird immerhin ein Heer­haufen von viertausend Mann geschaffen. Nach natürlichen Gesetzen zieht diese größere Schar alle kleineren Bandenchefs mit ihren Streitkräften an sich und saugt sie auf. Noch ein paar kleinere oder größere Erfolge, und Sie stehen im Som­mer an der Spitze eines Heeres von zwanzigtausend Mann."

Es soll an mir und den Erfolgen nicht liegen," hatte Kasimir Rzonka zur Antwort bekommen.

Daran dachte Napoleon Nutkowski, als sein Blick, der über die Karte schweifte, auf Lukom hasten blieb. Es waren sechs Tage nach dem Siege vergangen. Die Aufständischen hatten sich (mehr nordwärts gezogen und lagerten unweit der Chaussee von Konin nach Kolo. Der Befehlshaber der russi­

schen Truppen war durch die Nachrichten, die von Lukonl kamen, offenbar eingeschüchtert. Man batte bisher nichts von einem in dieser Gegend stehenden aufständischen Heere ver­nommen und war nun urn so unangenehmer überrascht. Ver­sprengte Kosaken, denen es gelungen war, nach Norden zu der Hauptabteilung zu stoßen, wußten nur auszusagen, daß die Rothemden in beträchtlicher Stärke angegriffen hätten.

So gab der Kommandierende der Russen seine erste Ab­sicht, sofort auf den Feind losznmarschieren, aus. Er gingj vorsichtig vorwärts und versucht« erst die Stärke der neu for­mierten Bande zu erkunden, ehe er einen Entschluß faßte.' Napoleon Nutkowski wußte über die Stärke und Stellung des Feindes besser Bescheid. Das Landvolk hielt treu zur polnischen Sache und leistete am unauffälligsten Spionen- oienste. Auch er wich einem Kampfe aus. Waren die Russen ihm auch cm Zahl nicht viel überlegen, so waren sie doch ganz! anders diszipliniert und ausgebildet als seine zusammen­gewürfelten Haufen. In den letzten Tagen jedoch hatte sich das Verhältnis verschoben. Der Sieg bei Lukom lockte Hun­derte unter das Kommando des siegreichen Führers. Bald waren die Polen der Anzahl nach stärker als die Russen. Wenn Czechowski rechtzeitig eintraf, war ein neuer Sieg der Aufständischen gewiß.

Es fragte sich allerdings, ob der General überhaupt Lust hatte, dem Befehl der Nationalregierung zu folgen und sich mit dein Sieger von Lukom zu vereinigen. Diese Bandenchefs waren sehr selbständig und aufeinanoer eifersüchtig. Zwar wollten sie alle das Vaterland retten, aber jeder für sich Einer neidete dem andern seine Erfolge. Und besonders' Czechowski galt als sehr hochmütig; er würde sich schwerlich einen! andern Führer unterordnen.

Unruhig schritt Napoleon Nutkowski auf und ab. Eines stand fest: Nur wenn er den Oberbefehl erhielt, vereinigte er sich mit Czechowski. Denn nur dann knüpfte sich der sicher« Sieg an seinen Namen.

(Fortsetzung folgt.)

Die Zwillingsbrüder.

Paul Alexander Schettler.

Jnlvieweit der Krieg bei allem Unheil auch Segen stiften Eomf* das sollten die Kanoniere Peter und Paul Balduweit erfahren^ Peter und Paul waren nicht allein Brüder, sondern, was noch viek enger verknüpft, Zwillingsbrüder, und als solche einander soi ähnlich, wie ein Ei dem anderen.

Schon, als sie noch Säuglinge waren, soll ihre Aehnlichkeit so verwirrend gewesen sein, daß, man beide Knaben nur durch verschieb den farbige Bändchen ihrer Beißringe 'Habe voneinander unter­scheiden können, derart, daß Peter ein blaues und Paul ein roteZ Bändchen um den Hals trug, alsErkennungsmarke".

Aber schon in jener Zeit begann das Unglück der beiden einan­der so ähnlichen Zwillingsbrüder. Eine etwas konfuse Amme hatte beiden Buben beini Badeli die bunten Bändchen ab^enommen, und das Verhängnisvolle geschah: die AjmNüe ttmßte nicht mehr, wem der beiden das blaue und wem das rote Bändchen gehörte. Es ließ sich also in den frühesten Jahren der Zwillinge nicht mehr mit Gewißheit sagen, ob sie nicht vertauscht waren und Peter nicht Paul und Paul nicht Peter »cor.

Dieses Verhängnis, das so frühzeitig seinen Schallen auf da9 Leben der beiden Brüder warf, sollte sich in der Folgezeit noch! recht oft an ihnen erfüllen. ,

Peter und Paul nxtrert sich nicht allein äußerlich ähnlich, sie harmonierten auch innerlich Mit einander, ivenngleich ihoei Temperamente völlig verschieden waren. So neigte Peter zu aller­hand Streichen, während Paul folgsamerer Natur lvar. Haller Peter Aepfel aus Nachbars Garten stibitzt oder sich sonst strafbar benommen, so war es in der Regel Paul, der mit dein unschuldigsten Gesicht dabei stand und die Rache der Betroffenen in Gestalt von Prügel und Schimpstvorten auf sich niederhageln fühlte. Dennj natürlich hatten die in Wut versetzten nicht erst Zeit, sich zu! vergewissern, ob sie den richtigen der beiden erwischten. Jhnelh genügte, wenn sie einen faßten, an dem sie das Werk ausgleichendev Gerechtigkeit vollziehen konnten.

Paul nahm Peter diese falsche Buchung seines SchuldkontoZ nicht weiter übel, half ihm doch dafür der hellköpftgeve Bruder in den Schulaufgaben und lehrte ihn allerhand interessante Dinge, davon sich nicht einnral Lehrer Graixuzers Schulweisheit etwas! träumen ließ, und Lehrer Graunzec hielt schon die Tatsache, daß das Schicksal die beiden Briider einander zum Verwechseln ähnlich gesckwften habe, als hinreichend verdächtig. Tatsächlich hatte dev arme Lehrer feine liebe Not mit den beiden; denn, da er einmaL kurzsichtig war, zum anderen die Gerechtigkeit zum' ausschlaggeben­den Faktor in der Erziehung anerkannte, lvar er in steter Ungewiß­heit, welcher von den beiden der befähigtere war, mid wem er daher die Tadelsnote und lvem er das Lob erteilen sollte. Peter und Paul huldigten nähmlich der Gelvvhnheit, ständig ihre Plätze zu tauscl^n.