Ausgabe 
10.2.1917
 
Einzelbild herunterladen

Königsträume.

Roman von Karl Busse.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Der Plan war nach der Lage der Dinge der beste und Vernünftigste, den man fassen konnte. Er wurde auch endlich allgemein angenommen. Und so begann denn ein lustiges Lagerleben, das den meisten über alle Maßen gefiel. In Slupzy sah es schließlich aus, als ob jeden Tag Jahrmarkt wäre. Von fern und nah waren die Trödeljuden herbei- eeilt, um ihre Schätze auszutegen. Und das Geld, das man ber die Grenze gebracht hatte, lief bei dem Faulenzerleben rasch davon. Man setzte seinen Stolz darein, möglichst in voller Nationaltracht uni herzugehen, und alle Artikel dieser Art fanden reißenden Absah. So kam eine gewisse Uniform aus. Die Konfederatka mit den vier Zipfeln war blau oder weiß, unten mit schwarzem Pelz verbrämt. Wer vornehmlich mit der Sense kämpfen wollte, trug ein rvtwollenes Hemd, wonach die Senseirmänner schon 1831 Rothemden genannt wurden, und darüber einen grauen Mantel. Die Schützen, die mit der Feuerwaffe paradierten und sich etwas Besseres dünkten, bevorzugten den nationalen Schnürrock.

Es hatten sich zuerst etwas über lkreihundert Mann ein- gefunden. Mer tagtäglich stießen neue Zuzügler znm Heere. Bald kanren auch Transporte der Nationalregierung <m. Waffen, Zelte, Kontributionsscheine, deren Einlösung die Negierung nach Beendigung des Kampfes garantierte, und die von der Bevölkerung nolens volens in Zahlung genom­men werden mnßten, wurden zu Händen des Kommandie- renden abgeliefert.

Inzwischen verbreiteten sichere Leute den Aufruf des Grafen Napoleon Rutkowski durch die ganze Provinz Posen bis nach den beiden preußischen Provinzen und bw nach testen. hinein. Und der Name Itutkowski tat seine uldigkeit.

Vielleicht hatte sich Kasimir Rzonka mehr vorgesteltt, aber Graf Napoleon war befriedigt. Die Zahl der Streiter hatte sich beinahe verdoppelt, eine Woche noch, und man konnte an die tausend Mann beisammen haben. Damit ließ sich schon der Versuch machen, etwaige kleinere russische M- teilungen abzufangen.

Es wurde auch Zeit, daß die Untätigkeit aufhörte. Die adligen Herren murrten; Degorski zeterte Tag für Tag und drohte, auf eigene Faust vorzugehen, und die Bewohner von Slupzh und llmgegend beklagten sich bitter über die Sensen­männer, die mehr wie Feinde als wie Freunde hausten.

S,o gab Napoleon Rutkowski den Befehl zum Ausbruch. Man^nahm die Richtung nach Siidoslen. Fast immer hielt man sich in LLälderir. Am zweiten Tage brachten Bauern die Nackfrtcht, daß ein russisches Regiment vordringe, nach Nvrdosten zu. Andere Meldungen woUten wissen, daß von Norden her eine größere Tritppen-abteilung in Eilmärscl)en

herannahe, um sich mit der ihr entgegenkommenden zu vev» einigen. Dann sollte das ließen auch Warschauer Instruk­tionen vermuten gegen den mehr südlich stehenden Ban­denführer Czechowski, der dem Feinde manchen Streich gespielt und selbst die größeren Städte beunruhigt hatte, ein entscheidender Schlag geführt werden.

Es war gegen Mittag, als diese Nachrichten einliefen. Die ganze Gegend war von sonstigen Aufständischen frei. Die Vereinigung der russischen Truppen hätte nicht verhindert werden können. Es gab nur eine Möglichkeit: Sich sofort auf die kleinere Abteilung mit aller Gewalt zu werfen und sie zu vernichten. Napoleon Rutkowski war im Augenblick dazu entschlossen. Die Flecke standen in seinem Gesicht, al- er den Plan entwarf.

Nach den Mitteilungen der Bauern über den Weg, den die Russen nahmen, mußten sie des Mends in Lukom oder einem Nachbardorfe eintreffen. Da sie in Eilmärschen an­rückten, mußten sie ermüdet fein; da sie in dieser Gegenv keinen größeren Trupp Aufständischer vermuteten, konnte es nicht schwer sein, sie zu überraschen. Ein paar treue Leut« auf den besten Gäulen wurden zu genauester Erkundigung vorausgesandt. Dann ward sofort aufgebrochen, denn die Entfernung war nicht gering. In der Dunkelheit erst langte man im Walde von Lukom an. Die Kundschafter bestätigten die Meldungen der Bauern und brachten noch genauere Einzelheiten. Danach bestand die anrückende Truppe aus ein paar Hundert Mann Infanterie und einer Sotnie Kosaken.

Graf Napoleon biß sich auf die Lippen. Er wußte, welchen heillosen Respekt feine Landsleute gerade vor den Kosaken hatten. Wenn die dunkelgrünen Lanzenreiter an- esprengt kamen, klopfte selbst den Tapfersten das Herz im eibe. Aber umkehren konnte man nicht mehr. Es hieß 'etzt, das begonnene Spiel zu Ende zu bringen.

Die Nacht kain. Es wurde still. Wachtfeuer lohten, ab und zu klang der eintömge Ruf der Wachtposten herüber. Man konnte fast die Schritte der einzelnen hören, so ruhig war es. Die vom langen Marsche Ermüdeten mochten fest schlafen. Nach seinem Plane, der allgemeine Zustimmung ge­funden, teilte Napoleon dtutkowskr seinen Heerhaufen in zwei fast gleiche Teile. Den einen führte er selbst, die Füh­rung des andern übernahm Siga Wendrewski. der Marquis. SAne Aufgabe bestand darin, in einem großen Bogen das Dorf zu umgehen, so daß auf ein gegebenes Zeichen de» Angriff von zwei Seiten zugleich erfolgen konnte.

Die Wälder erleichterten das Gelingen des Planes. In ihrem Schutze konnte man sich ganz nahe an das Kirchdorf heranschlcichen. Die Leute, oie lsenie zum erstenmal an den Feind sollten, waren nicht müde. Sie fieberten, wenn nicht vor Kampfesbegier, so doch vor Aufregung. Ueberhaupt war eigentlich nur einer ruhig: Kasimir Rzonka.

Es verlief alles programmäßig. Durch aufsteigeude Ra­keten zeigte Siga Wendrewski an, daß er sein Ziel erreicht hatte. In demselben Augenblick wurde, wie verabredet, der Befehl zum Angriff gegeben. Wenige Minuten später fiele.«