Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Kascha Kaczmarek wurde sofort vom Hofe gejagt; aber Hanna weinte vor Schwäche und Erregung noch stunden- mng. Sie weinte wie ein kleines Kind, das im Dunklen» Furcht hat. , ^ .
Gleich am nächsten Tage hatte sie zu Jnschu Laskowicz gehen und ihm dcriiken wollen. Nun aber führte sie es nicht aus. Denn wie eine neue Offenbarung war es jetzt über sie gekommen, daß der Krüppel — sie liebte!
Deshalb hatte er sie gerettet, deshalb ihv so seltsam nachgesehen, deshalb sich von Kascha gewandt! Es war alles Aötzlich so klar; sie wunderte sich nur, daß sie es nicht früher chon gemerkt-oder richtig gedeutet hatte. Aber gleichzelttg tiea ein jede Ueberlegung zurückdrängendes Gefühl in ihr auf: Wie konnte der kranke Bettler, der häßliche Krüppel, der Elendeste der Elenden, wagen, seine Augen zu ihr zu erheben?! Sie zuckte wie unter einem Peitschenschlage zusammen. Als wäre etwas Unreines, Widerwärtiges an fte herangekommen, schüttelte sie sich. < ^
Als dann ruhigere Tage mit den alten Gewohnheiten kamen, ward auch sie ruhiger. Vielleicht wär alles nur Einbildung; vielleicht existierte die Liebe des Krüppels nur in der Phantasie Kaschas; vielleicht hatte er doch aus uneigennützigen Gründen sie zu retten versucht. Dafür rnußte sie ihm in jedem Falle banken. ^ „ ..
Sie bat also Ernst August um seine Begleitung. Beide schritten der Schmiede zn. Ihr .Herz klopfte. Sie fürchtete sich ordentlich vor dem Wiedersehen mit dem Krüppel.
Plötzlich blieb sie stehen und faßte ihreii Bruder am Arm: „Sieh'!" Ihr war es vorgekommen, als ob Juschu Laskowicz seinen Kopf aus der Tür gesteckt, ihn aber sofort zurückgezogen hätte, als er sie bemerkte. Ernst August hatte nichts wahrgenommen, aber Hanna hätte darauf schwören Mögen, daß sie sich nicht getäuscht.
Sie kainen an die Tür, klopften. Alles blieb still. Sre klinkten, die Tür war seltsanierweise verschlissen.
„Glaubst du jetzt, daß der Vogel ausgeflogen ist?" fragte der Dragoner.
„Es scheint so." ^
Aber int stillen dachte sie etwas ganz anderes. Es stand felsenfest bei ihr, daß der Krüppel zu Hause war und mit -Lbsicht nicht öffnete. _ „ _
Juschu Laskowicz war imrklrch zu Hause. Wohin sollte er auch wohl gehen? Sein altes Ziel, die Waidhütte, war jetzt kein Ziel inehr. Er hatte sich eingeschlossen und arbeiwte mit glühender Vegeisteruilg an seinem großen Werke, an der Gottesmutter- von Nasgora. Er gömcke sich nur wenig Schlaf. Ein fieberhafter Tätigkeitsdrang war über chn gc- komnlen, als müsse er die Zeit, die ihm noch gegeben war,
ausnutzen mit allen Kräften. Er machte nur Pausen, wenn die schwere Arbeit mit dem Stemmzeug ihn gar zu sehr erschöpft hatte. Dann betrachtete er sein Werk, daS mrt jedem Tage fortfchritt. Immer deutlicher ivard das Antlitz, das schöne, stille. Es lag so viel Hoheit darin und so MEl Güte und hinrmlische Freudigkeit, wie es sich leise neigte und herabsah aitf das Kindlein im Arm.
So schaffte er Dag für Tag; wie in lieblicher Verwirrung giiig er umher Fieber schüttelte ihn, Er lächelte. Aus kurzem Schlaf erwachte er, in Schweiß gebadet, völlig ermattet. Er sah sein Werk an und lächelte. Ihm war so heilig zumute, weirn er in das liebliche Antlitz der reinen Jungfrau sah, daß jedes Menschenantlitz ihn nur gestört hätte; deshalb verschloß er seine Tür gegen alle. _
Eines Tages hatte er nichts, über auch gar nichts Ev- bares mehr im Hause. Als er eben aus der Tür treten wollte, um sich dies und jenes zu besorgen, sah er Hanna mit ihrem Bruder ankommen.
Eine Todesangst packte ihn. Er verschloß die Tur und saß zitternd in seiner Stube. Er hörte klopfen, klinken, sein Herz klopfte stärker. Wie ein Dieb schlich er, nachdem cs schon lange still geworden war, zur Tür; aber er ging nicht auf Einkäufe. Weshalb hatte die Angst ihm die Kehle zuge- schnürt? Er war viel zu verwirrt, um das selbst zu wissen Er wußte nur, daß eher jeder andere sein Zimmer betreten, ihn und sein Werk sehen svllte, als Hanna, als die wunder- sck>öne Königstochter. Er war im tiefsten Innern, ohne daß es ihm wohl selbst zum Bewußtsein kani, mit ihr ebensa fertig wie mit der Hütte im Walde, wie mit seinem ganzen früheren Leben. Alles hatte seine höchste Erfüllung gesun den, alles faßte sich zusamtnen in dem Werke, das der Voll endnng langsam entgegenging. Die wirkliche .Hanna von Graßnick hätte nur noch stören können: Sie hatte ihm etlvas gegeben, was viel schöner, reiner, lieblicher war als sie selbst
Licht Mid Span leuchteten mm dem Krüppel die halben Nächte hindurch. Am frühen Margen, oder wenn abends die Dunkelheit alles bedeckte-, kaufte Jusckpl Laskowicz seine kleinen Bedürfnisse im Gasthaus ein. Er lvar immer glücklich, wenn er möglichst Uirbemerkt sein Haus wieder erreicht hatte. Er aß hastrg ein paar Bissen. Dann griff er nach dem Werkzeug. Ob die Arbeit auch schwieriger war bei dem ungewissen Lichtschein — er schaffte am besten, wenn das ganze Dorf schlief, wenn nur das Dunkel durch die Scheiben sah. wenn nichts hörbar war als die Geräusche der Nacht.
Und doch täuschte sich der Krüppel, wenn er glaubte, baß er ganz unbeobachtet sei. Das Dorf schlief, aber außer seinen Augen wachten noch zwei andere. Und wenn er mit glühendem Blick, halb trunken vor Schöpferkraft, das Eisen führte, dann hing, glühender noch, ein anderer Blick an seinem Antlitz. . . , _
Seit sie ans dem Schlosse fortgejagt war, wohnte Kascha Kaczmarek bei einem Bauer. Nach der wilben Verzweiflung hatte sie ein stumpfes Brüten erfaßt. Sie ftreifte durckrs Dorf, sah feinen an, lief meilenweit ohne Zweck, immer Mit


