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die Gsstrhr nicht vorüber f" Er schien sich die Worte vom Munde -u reißen.
Sie sah mit einem Blick auf. Aber gehorsam wie ein Ikind fügte sie sich. Fröstelnd kauerte sie sich in dem engen ßltaume zusammen.
„Josef Lask)wicz," sprach sie dann plötzlich nach langer Dause, „warum hast du mich gerettet? Gerade du? Du bist der einzige, der uns fluchen könnte!"
Der große Friede wich nicht von seinem Gesichte. Aber pe wartete vergebens auf ein Wort.
„Mein Vater wird dich dafür segnen!"
Er lächelte: noch stiller und schöner ward das ruhige Leuchten, das sein Antlitz verklärte: „Ich bin gesegnet!" sprach er.
Hanna von Graßnick mochte kaum zugehört haben. Eine jähe Unruhe hatte sie ergriffen. „Mein Vater, Herrgott in: Himmel, wo ist mein Vater? Was haben sie mit ihm getan?" Wieder sprang sie auf, trat hinaus, starrte hinüber in die
! liegenden Gluten. Der Krüppel sah sie nicht an. Er wollte ie nicht ansehen. Mir Zeit und Ewigkeit lebte in seinem Herzen das wunderschöne, regungslose Antlitz in seiner bleichen Lieblichkeit, auf das er sich erschauernd hinabgebo- gen hatte. Kein irdisch Bild, die Königstochter selbst nicht, sollte ihm das stören.
Da wieherten Rosse. Kommandorufe kamen herüber. Im Laufschritt drang eine Abteilung Soldaten gegen den Wald vor. Rechts und links Fackeln.
„Ihr seid gerettet, Herrin!" sagte Juschu Laskowicz. Rufe kamen näher.
„Das ist Fritz, gelobt sei Gott! Fritz, Fritz — hierher!" Die Dragoner stutzten, lauschten.
„Fritz!"
Ein jauchzender Gegenruf: „Hanna!" Und allen voran, als geAe eis Tod und Leben, stürmte jemand durch die Büsche, daß die gefrorenen Aeste unter den Schritten brachen.
Im nächsten Augenblick hielt Fritz von Versen seine Braut im Arme.
(Fortsetzung folgt.)
Die Wiedergeburt des deutschen heims.
Von Tr. Heinrich W i l h e l m.
Die Liebe zum Heim, zu seinen „vier Wänden", die den armen entwurzelten Großstadtmenschen, als einziger Anteil am Mutterboden, an der Heimatscholle geblieben sind, ist ein rein deutsches, im weiteren Sinne ein germanisches Gefühl, für das der Romane, weder der Franzose, noch der Italiener, kauni einen tiefer«: Sinn, ja, kaum ein richtiges Verständnis hat. Es gibt für diese Behauptung, so gewagt sie auch zuerst erscheinen mag, einen untrüglichen und unwiderleglichen Beweis: denn als in und nach den: Jahrs 1848 die Staat«: des deutschen Bundes und der österreichischen Monarchie an die Niederschrift 'von Verfassungen ging«:, da fanden und benützten sie als Vorlage für all die schön«: Dinge, wie Freiheit der Person, Freiheit der Presse. Freiheit der Lehre an, den Universität«:, die „Bürger- und Meuschenrechte der großen französischer: Revolution". Nur eines dieser staatsbürgerlicl-en Grundrechte, das dem Deutsch«: besonders am Herzen lag, konnte nicht aus dem französischen Verfassungsgesetze, es mußte, ohne Umweg über die Seine, direkt von der Themse bezogen werden: es> war das „Hausrecht", der verfassungsgeinäß gewälj-rleistete Schutz des Heimes, für den der Franzose keine Schätzung hatte, den aber der Deutsche seit den stolzen Bürgertagen Hans Sachsens, der Meistersinger, Albrecht Dürers, der hochgemuten Patrizier in Augsburg, Nürickerg, Frankfurt wvhl zu werten tvußte. Dennoch war der Deutsche Krapp vor Ausbruch des Krieges drauf und dran, unter den: Einfluß französischer Gesellschaftssitten. Pariser Lebensgewohnheiten zwar nicht die Freiheit seines Heimes, wohl aber die Liebe zu ihm zu verlier«:. Kurz gesagt: wir hatten Wohnungen mit allem Komfort der Neuzeit, mit' Badezimmer, elektrischen: Licht, Warmwasserleitung und Staubsaugapparat, Lift Und Klopfbalkon ausgestattct, aber ein Heim hatten wir nicht mehr. Seine geselligen Freud«: suchte der Großstadtmensch, je nach ferner Einkomm-enslage, in der Hotelhalle, der Bar, dem Kaffeehaus oder am Biertisch, seine geistig«: Ergötzung«: in: Theater !rm Vortrags- oder Kvnzertfaal oder im Kino. Ter moderne Mensch aß zu Hause, er schlief zu Harl.se. er badete sogar zu Hause, aber er lebte aus der Straße — wie der Romane!
Allerdings: w«:n man genau sein will, dann läßt sich ein fthr bezeichnender Unterschied zwischen dem deutsck-ei: Süd«: und Oesterreich auf der ein«: und Berlin und den: deutschen Norden auf der aiweren Seite feststellen. Der Unterschied fällt unbedingt z:r-
E nsten Berlins (und des Nordens) a:B, der znmr als frostig ver- «een war, in dem aber der Sinn für häusliche Geselligkeit, für s Hein: bed«:t«:d stärker erhall«: geblieben ist. Ein sehr feiner Beobachter geselliger Bräuck-e und gesellscl-aftlichen Lebens wie Alexander von Glcichen-Rußwurm schrieb für den Zeitraum nach
1871 die charakteristischen Wortes „Den jungen Dichtern und lebrten, die hoffnungsfroh die Mvinliiue überschritten, kam dis süddeutsche Gemütlichkeit gar nicht gemütlich vor. Es fehlten ihnen Häuser, die gastfrei waren." Der sachliche Grund, warum dir Häuslichkeit in Berlin stärker betont war als in München oder gar in Wien, lag dastin, daß man verhältnismäßig in Berlin billiges und besser wohnte als in München oder gar in Wien, wo dass Zusammensein ganz aus den „vier Wand«:" hauptsächlich ins Kaffeehaus gedrängt worden ist, :md die Leb«:sformen des „Salons" einer Caroline Pichler, Jdima Laube, Frai: von Wertheim-' stein nur mehr melancholische Großvätererinnerungen waren.
Ter Krieg hat das allerdings gründlich anders gemacht und»; aus tausend und einem Grunde, heiße er Befreiung von der lächerlichen Wicht übermäßigen Speise- und Trinkaufwandes oder' wohltätige Einschränkung des ösfentlitlMn L:oll!s, oder Mangel cot, Luxnsverkehrsmitteln. die häusliche Geselligkeit zu neuen Ehren-' gebracht. Ein Gang durch die, Straß«: an einem Sonntag abend? ivird es untrüglich zeigen, daß nun viel mehr Fenster als e^denr„ zwar nicht „feenhaft , Wohl aber traulich, wohnlich beleuchte^ sind. Und es nicht das erstemal im Lause eines Jahrhunderts^ daß ein lang währender Krieg mit all seinen Folgen, die das Lebenenger, aber inniger gestalten, den Sinn für die Freuden eines: stillen und anregenden Beisammenseins im Heim getreckt hat. Ebenso wie heute, toar es vor eisten: Jahrhundert. nach d«: Napoleonkriegen, als in Berlin Friedrich Wilhelm III. ent der Seit* seiner zweiten Gemahlin, der Fürstin von Liegnitz, „das Beispiel eines solid vornehmen Lebens" gab und in Wien (nach den Ueber- fütterunHen mit festlichen Sensationen auf dem „Kongreße zuö Zeit Kaiser Franz', des Sparkaisers, Biedermeier Trumpf war, als in Berlin der Salon Pal-el Dörnhagens die Erlesenst«! des Geistes, der Kimst uitd der Politik vereinte und in Wien — wovon die Schilderungen Adalbert Stifters und Franz Crlllparzers zeu- gen — in den kleinsten Bürgerstuben die schönste und grüßte Musik gemacht wurde,_ wovor einer auf Wanderungen durch stillste und engste Vorstadtstraß^t oft plötzlich überwältigt stehen blieb.
Dem: die Pflege des Heims, der häuslichen Geselligkeit untz die Vernachlässigung des Zuhaufes, die förmliche Wohnungsflucht ist ganz und gar keine Angelegenheit jener „Gesellschaft", die man chie große" nennt. Der eine „flieht" zu seinem Glase Bi«: odeo
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Frau von Varn Hagen zuhause ihren Humboldt, Ranke oder Fürst Pückler empfing. Und üppig, .wie in den Salons des französischen Rokoko, ist es in dies«: „guten Stuben" des Berliner und Wiener Biedermeier wahrhaftig auch nicht zugegcmgen. „Tie himmelblauen Zimmer", schreibt Varnhag«: von Ense über Rubels Salon, „waren geräumig und besonders hoch, aber ganz einfach ausg'e-s stattet, ohne Kostbarkell und Glanz." Weder von besmtders kulinarischen noch sonstigen festlichen, luxuriös«! Gemüsen erfahr ren wir, desto mehr von solchen des Geistes. Lese- und Must» zierab«:de Untren — sozusagen — an der Tagesordnung, imt Salon des Mittelstandes ebenso wie in der grrten Stube des Handwerkers, nur mit dem einen Unterschied, daß im Salon des Mittelstandes der Autor eb«: in höchsteigener Person erschien und aus dem ungedruckten Manuskript vorspielte oder vvrlas, wie noch knapp bis an unsere Tage der junge Wildenbruch im Hause des Museumsdirektors Olfers und seiner kunstsinnigen Frau.
Erst nach dem aigantischeu Amoachsen der Großstädte, mit dem lleberl-andnehmen der Vergnügungen, der öff«:tlick>en Kunstdac- bietimgcn, der Reisen im Sommer, Muter, Frühjahr ung Herbst, mit der Einengung der Wohnungen und dem albernen .Protzen-, tum, das nicht freundlich bewirt«: zu dürfen, sondern kostspielig „aufzutischeu" zu müssen glaubte, ist die Pflege der Häuslichkeit — ob«: wie unten beim Kleinbürger wie im Großbürg« l-ause — geschwunden. Tie Hausfrau hib nickst mehr zu sich, sie mietete ein-, zweimal in der Saison die Gesellschaftsrüume irg«rd eines Luxushotels, die womöglich nach irgend einer verblüffenden Deviso „Eine Nacht in Venedig", „Das Kirschblütenfest", „Ein Symposion" umgemodelt wurden, ja, die Mißachtung der unersetzbaren! Anziehungskraft des Heims, dcft Dinge, die durch die tägliche Verbindung mit-einer bestimmt«: Person auch ein bestinüntes Gesicht «falten haben, ging so weit, daß man selbst bei Einladung«: ins .Haus das Tafelgerät wie den Blumenschmuck, die Sitzgelegenheiten, Wie den Kdch und den Servierkellner fix und fertig sich von irgetch- einem Unternehmen liefe«: ließ. W«rn man schon nicht int Gasthof den „Wirt" spielte, so spielte man in seinen eigen«! vier Wänden Gasthof! Paris war das Vorbild, und in bet: Puppenwohnun» gen, wie sie die Wohnarchitektur im modern«! Paris geschaffen hat, wie sie die «tormen Boden- und dann:: efanso enormen Mietpreise beding«!: da war allerdings ftir Geselligkeit daheim kein Raunt, und man traf sich irn „Lunapark", bei d«! G«:eralprob«! der Co- m6die, im Restaurant, im Ballsaal. Man traf sich „auswärts" vor allem darum, iwjeÄ einem der Simt für das Hei:u nicht im Blut gehör«: war wie dem Deutschen.
Den Deutschen braucht nur em bißchen auf sich gestellt sein zu lassen und er findet sich auch wieder iu seinem Heim, wie vor hundert Jahren und h«tte. In allen Häufe«! find«: nun wieder kleine gesellige Zu sann::«: fünfte statt, die — trotz der Lebens- mittellcuerung — der Hausfrau mchjt einen Bruchteil von dem kosten, was ein „Tiner", ein „Souper" oder auch nur ein ein«


