Der Geisterbeschwörer.
von Jan Grapolski.
» Mus dem Polnischen von Jda Sorte v.
(Nachdruck verboten.)
Eines Abends befand sich eine Gruppe von vierzehn polnischen Reisenden auf dem Wege in das Innere Rußlands. Reitend und Marschierend war man vorgedrungen und hatte nun vor einem Virtshause Halt gemacht, nur da zu übernachten.
In bunter Mischung und in lebhafter Unterhaltung, wie sie sichl zwischen Reisegefährten -in einsamen Gegenden bald entspinnt, saßen, die Männer um den Tisch. Man sprach von allem niög- lichen, und plötzlich — war es der Einfluß des trüber: Herbstabends? — kam das Gespräch auf übersinnliche Themen, und man mrterhielt sich über Hynotiseure, Geister, Gespenster und Geisterbeschwörer.
Einer der Reisenden, ein ungefähr fünfundzwanzig!ähriger Mann, vom. Aussehen eines Geschäftsreisenden, der sich in der Welt schon viel umgesehen zu haben schien, äußerte seine Zweifel an überirdischen Erscheinungen sehr lebhaft und mnter großem Spott.
Er tat so überlegen, daß die meisten seiner Reisekameraden sich seiner Meinung anschlossen. Rur einer, ein ungefähr fünfzigjähriger Russe, der sich- als Viehzüchter vorgestellt hatte, saß ganz in ferne Gedanken versunken da, als höre er nicht einmal, was rings nur ihn her gesprochen werde.
Ta drang aber plötzlich eine so lebhafte Lachsalve des jungen Kaufurannes, beleihet von neuen spöttischer: Bemerkungen, an sein -Ohr, daß der Viehzüchter erstairnt aufhorchte.
„Junger Mann," sagte er daun .ernst, und sein Blick ruhte fest auf dem des Reisegefährten, „junger Märrn, Sie sind ja mit Ihrem Spott sehr freigiebig, — aber ich könnte wetten, daß Sie beim Arrblick der ersten jetzt von Ihnen so verspotteten Er
scheinungen wie ein Feigling davon! anfen würden."
„Sie, alter Herr," erwiderte der Kaufmann hochmütig, „wer ist es, den Sie hier einen Feigling zu nennen belieben? Sollten Sie müh etwa gemeint haben, so muß ich Sie schon sehr bitten, dieses„Wor: nicht zu wiederholen."
„Törichter Knabe!" erwiderte der Russe imb er preßte den Arm des jungen Mannes mit solcher Kraft, daß dieser aufschcie. „Törichter Knabe, wiederhole ich, wissen Sie denn auch, nrit
welchem Unrecht Sie spotten? Ich sage es noch einmal, daß Sie vor dem ersten Gespenst, das ich. Ihnen zeige, in Ohnmacht fallen."
„Lassen Sie doch meinen Arm los," rief der junge Kaufnrann erregt, „Sie sind ja ein Narr!"
„Nun," .sagte ver Russe, „Sie sollen Ihr Urteil über
Unch linden:. Wenn Sie es wünschen, so will ich den Geist Mer Person, deren Namen Sie mir nennen, vor Ihnen het- anfbeschwören." .
„Nehmen Sie ihn doch beim Wort," riefen einige Rei
sende jbelustigt und interessiert.
„Nun gut!" entschied der junge Kaufmann.
„In diesem Falle," sagte der Russe, „will ich 1000 Rrrbel wetten, daß Sie nicht imstande sind, den Anblick inehr als fernes Geistes zu ertragen."
„Tausend Rubel? Die Wette kann ich nicht halten," er- lviderte her jurrgc Mann. „Ich darf es nrir leider nicht erM lauberi, soviel einzusetzen."
„?lber wenn Sie doch so sicher sind, daß es keine Geister gibt, junger Freuno, so riskieren Sie doch nichts uird werden! meine 1000 Rubel einstecken."
Das war ein Argument, dessen Richtigkeit der junge Kaufmann nicht bestreiten konnte nrrd er sagte daher zögernd: , Ich habe nromcntan mir 200 Rubel bei mir."
Der Russe lächelte geringschätzig und schob die Rolle Banknoten, 5>ic er schon bereit gelegt hatte, wieder in die Tasche.
„Glauben Sie," sagte er höhnisch, „daß sich die Geister um solch elende Lappalie von 200 Rubel auf diese traurige Erde zurück bemühe n werden? Nein, mein Herr, mein Einsatz sind 1000 Rubel. Entiveder halten Sie ihn — oder die Wette) gilt nicht."
Die anderen Reisenden saßxn in höchster Spannung da, alle brannten vor Reiuglerde, zu sehen, wie sich nun beide Teile aus dieser sonderbaren Affäre ziehen würden.
Als diese aber nicht einig norden konnten, sagte einer der Rei,eichen lachend: „Nun also, ich will mich mit 100 Rubeln als stiller Teilhaber an der Sache beteiligen."
„Ajuch ich lvill 100 Rubel riskieren," rief ein zweiter
„Und ich sogar 200," cm dritter.
In wenigen Minuten läge:: 800 Rubel vor dem jungeil Kaufmann, denr es mm möglich gemacht worden war, mit seinen eigener: ,200 Rubeln die Wette zu halten. Er war vor Erre^ gtmg gariz blaß geworden, seine ganze frühere Spottlust schieir verschwunden, lund mit zitternden Ungern griff er nach den Banknoten und schob sie in seine Tasche.
Der Viehhändler bat den Wirt um ein völlig dunkle' Zim- mer, und der Mann ftihrtc seine Gäste in einen'kleinen Raum, dessen .Fenster ennen Blick auf weite, uachtdunkse Wiesen bot.
.. r , Der BteWandler schob seinen zweifelsüchtigen Gegner in das nusie:e Zimmer, verschloß die Tür tmd nahm, von den anderen
zwölf Mlänuern unistaiwen, vor der Dür Aufstellung. Seine Augen glühten in düsterem Feuer, sein braunes, von Wind und Wetter zergerbtes Gesicht hatte einen fast diabolischen Ausdruck. Wie gebannt starrte er aus die geschlossene Tür, während er unverständliche Morte vor sich hinmurmelte.
Einige Minuten verstrichen.
„Nun," rief jetzt die höhüende Stimme des Kaufmanns von innen, „werden die Geister heute kommen oder erst morgen?"
„Was sehen Sie nun?" fragte der Viehhändler.
„Nichts!" kau: die Erwiderung aus dem Zimmer.
Mieder einige Minuten des Stillschrveigens, während das Gesicht des Geiste rbeschwörers in wildem Aufruhr bebte.
„Und tvas sehen Sie nun?" fragte er dann.
„Nun," erwiderte der junge Kaufnmnn in völlig veränder- tem Ton,- „nun sehe ich in der Ecke des Zimmers eine weiße Wolke schweben."
„Die Wolke flattert, nicht wahr?"
„Sie schwebt ans mich zu. Sie verändert sich . . . beginnt einem Menschlichen Wesen ähnlich zu sehen. Ja, ja, ich kann schon den Kopf erkennen."
„Wer: sott ich Ihnen zeigen?"
Der junge Kaufmann zögerte ein wenig, dann vernahm nran seine Stimme, schwach und zitternd:
„Meine Mutter!"
„Sehen Sie hin! Erkennen Sie sie?" ftagte der Russe.
Wieder Stillschweigen, nur die Herzen der zwölf M.änner schlugen in wildein Tempo.
Plötzlich ertönte aus dem kleinen Zimmer ein Schrei verzweifelter Herzensangst.
„Sie ist es," keuchte der junge Kaufmami in wildem Sch,recken. „Meine Mutter, meine arme Mutter! Sie ist in ihrem Sterbe-
kleid . . . ihre ihlfugen sind )reit offen. . . ihre Wängen sind
von Berzweiftungstränen .überschivemmt, genau so sah sie aus, als sie starb. Sie kommt auf urich zul. . . nun rührt sie mich
an . . . sie schlingt ihre Arme um mich> Ich kann es nicht
länger ertragen, . . . hörest Sie doch astf. Sie ivcrden mich iwch töten, . . . Hilfe, Hilfe!"
Die Lauscher horten der: schiveren Fäll eines Körpers m\ den .Boden.
Sie rissen die Türe auf, stürmten in das Zimmer, imfr trugen den jungen Kaufinamr, der sich in einem Zustand der. wildesten Histcrie befand, heraus. Man goß ihm kaltes Wasser über das Gesicht, lief lum Essig, rieb seine Gliedmaßen.
Plötzlich schierl der junge Mann zu sich zu kommen. Er erhob tsich, seine Augen schossen Blitze und irr maßloser Wut begann er zu schreien:
„Wo ist er, »vo ist dieser Verbrecher von einem Russen? Laßt mich ihn erwürgen. Ach. dieser Elende! Einen Mitmenschen so zu foltern!"
Me Männer sahen sich nachdem russischen Viehhändler um—■# aber der war schon Iläugsts ist: den nachtdunklen Wiesen ver- sch wunder:.
Da nahm der junge Kaufmann alle seine Kräfte zusammen, er stieß förmlich die Hände, die sich irm ihn sorglich bemühten- zurück, um, wie er sagte, dem elenden Zauberer nachzueilen, um! Rache an ihm zu üben.
In wenigen Minuten hatten auch ihn die nachtdnnklen Wiesen verschlungen. Mit ihm tvaren die 800 Rubel der zwölf Männer gehangen.
Als die Männer sich an: nächsten Morgen zeitig versanr- melten, um die Reise fortzusetzen, waren sie schon so weit beruhigt, die Komik des gestrigen Abenteuers zu erfassen, und sie lachten weidlich iiber die kühnen Schwindler.
„Nun," sagte einer von ihnen, „wir sahen gestern wirk- lich keine Toten toiedcrkommen, sahen dafür aber unser gutes Geld verschwinden. Aber das nxu eigentlich nur in der Ordnung. Tenn lvas könnten uns die Geister der Toten nützen? Die 800 Rubel aber u-erden den beiden Spießgesellen gute Dienste leisten."
Am Uriegsherö.
Uns wird geschrieben:
Wenn wir unser Eintopfgericht aus der Kriegsküche am weiß gedeckten Tische daheim in der Familienrnnde verzehren, machen wir uns keine Vorstellung von der Riesen-Kleinarbeit, die dem Zurichtcn und Kochen selbst der einfachsten Speisen vorausgehcn. Für die richttge Mengenverteilung an Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, Suppengrün und Gewürzen im großen Kriegskochtopf fehlt der besten Hausfrau, der tüchtigsten Herrschaftsköchin die rechte Beurteilung. Ihre Hochachtung und Bewunderung für den Kriegs- küchenmcister nimmt zu, wenn sic ihn erst einmal an seinen brodelnden Kesseln, über danipfenden Suppen, zwischen Gemüsesänin- bvrasios, Kartoffel!: ügcln, Fleischbänken und Snppengrünbeelen hat wallen und schassen sehen. Einem Feldherrn gleicht er mit seinem größten Stab von helfenden Geistern, von denen jeder sein genau eingegrenztes Arbeitsreich zu erledigen hat und ein lebendes Teilchen der großen Kochherdstelle bildet.
DaS Kochen bei dieser Lebeusmittel-Großinesse ist eine richtige Kunst, denn die Kriegsküche soll das wichtigste praktische Mittel zun:


