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„Ich l—> id) - " stammelte der Inspektor, „ich wollte eben Nachsehen, als der Herr- Baron schon eintraten."!
Unruhig trat Hans Wert von einem Fuß ans den andern, i
„Die Rabenbande wird gestern den Schnaps wieder tonnenweise in sich reingegossen haben. Und am Morgen schmeckt das Anfstehen nicht!"
„Die Leute," schluckte Oehmke, ^sind auf!"
„Sind auf?" MH warf Hans Albert den Kopf empor „Und warum sind sie nickst hier? Raus, Oehmke, wer in fünf Minuten nicht da ist, wird entlassen!"
Sein Gesicht loar rot. Seine Lippen preßten sich fest zusammen. Er bestieg das Katheder, schlug die Bibel auf und solgte, die Uhr in der Haird, dem Sekundenzeiger. Das Schlagen der Herzen war fast hörbar. Einer der Leute hustete. Als wäre er auf einen: Verbrechen ertappt, bezwang er sich. Dann näherten sich Schritte. Totenbleich kam der Inspektor zurück. Schreck und Staunen, als hätte er etwas Unfaßbares vernonrmen, lagen in seinem Bedientengesicht.
„Die Leute sind in einer Minute fjier?"
Der Gefragte zitterte. „Nein, Herr Baron!"
„Was heißt das?" Es war wie ein Aufschrei.
„Die Leute wollen nicht kommen!"
Hans Werts Gesicht ward braunrot. Wie ein Schlag ging es durch den mächtigen Körper. „Was reden Sie da, Oehmke?" sagte er herser. „Sie haben falsch verstanden. Was hat man Ihnen geantwortet?"
„Herr Baron k —Flehend, ein Bild des Jammers, sah der Inspektor den Gutsherrn an.
,Lch frage, was man Ihnen geantwortet hat! Sie sagen es sofort oder packen Ihre Sachen!"
„Die andern waren still, aber Wenzel schrie: „Der Herr oll für sich allein beten. Wir lassen uns von dem der!.. . luchten Ketzer . . . Gnade, Herr Baron! Ich habe es ja agen sollen!"
Unwillkürlich war er ein paar Schritte zurückgetreten. Denn als wollte er ihn zerschmettern, hatte Hans Albert den Krückstock gepackt. Einen Augenblick wankte er auf dem Katheder. Braunrot, wie gedunsen, sein Gesicht. Als könnte ihn jeden Moment der Schlag rühren. Allmählich faßte er sich.
„Wo sind die Leutes > „Im Pferdestall rechts!"
„Gut! Ihr bleibt alle hier!"
Mit schweren Schritten stieg er herab.
„Friedrich! Kuba!" Die beiden Diener, der deutsche und der polnische, die ihm treu ergeben waren, sprangen vor. ,Hhr kommt mit!"
Die Bibel hatte er auf dem Katheder zurückgelassen: der Krückstock begleitete ihn. Der Hof war leer. Im Nebel lagen noch immer die Ställe und Wirtschaftsgebäude. Aus den halboffenen Türen zogen wie Rauchwolken die warmen Ausdünstungen des Viehes. Stimmengewirr tönte aus dem Pferdestall. Dann sprach einer, als ob er vorlas. Andere redeten drein.
„Laßt ihn nur kommen!" höhnte jemand. Und mit einemmal Totenstille. Die Leute drinnen mochten Schritte gel)ört haben. nächsten Augenblick ward die Tür zurückgestoßen, daß s:e krachend bis zur Wand flog. Hans Albert von Graßnick stand vor seinen Leuten. Die Köpfe duckten Lch, d:e Augen wurden scheu und irrten über den Boden. Selbst Wenzel Smilicz zog den Kopf ein und sah nur von unten herauf nnt bösem Blick in das Gesicht des Gutsherrn. Mit gewaltrger Anstrengung zwang Hans Albert sich zur Rnhe. Das färbte ferne Stimme.
* ^ a ?i e cr ' " ln * r ^ Dehmke gesagt, daß ihr
mmass^, gegen ihn gewestn seid. So wahr ich hier vor euch stehe: ^ch lasse ieden, der meinen Befehlen nicht gehorcht, und der d:e andern dazu anstiftet, von: Hofe herunter, peitschen, daß er seine Knochen nicht mehr fühlen soll. Ihr kennt mrch! Ihr habt die Glocke gehört; und anstatt mir £ . r ÄI ! lC11 * öU banken, daß ich die heiligen Lehrers der B:bel :n eure Bnffelschädel reintrichtere, wagt ihr Lumpengesmdel, mir zi: widerstreben. Wendel!"
Der Fornal zerknitterte das Papier in der Hand . . "Wenn :ch.dich in einer Stunde noch auf meinem Hof sehe lasse :ch d:ch runterhetzen. Und ihr andern werdet eure Strafe gleichfalls erhalten. Jetzt marsch, in den Betsaal '"
Hans Albert gkng zwei Schritte. Keiner folgte. Mit verbissenen Gesichtern: blieben die Männer stehen. Kein Fuß Ulh - Sans Wert schwamm es rot vor An^n, >
so mächtig brauste das Blut empor. Die ganze Gestalt schtvankte.
„Schufte!" brüllte er und hob den Krückstock. Der Atem ging ihm aus. Als müsse er sich Luft schaffen, riß er mit beiden Händen den Rock vor der Brust auseinander. Wenzel Smilicz murrte. Und als hätte das den andern Mut gegeben, hoben sich die Köpfe langsam.
„Wer wagt da zu reden?" schrie der Baron heiser.
„Wir gehen nicht in den Betsaal. Wir finb rechtgläubige Katholiken!" preßte Wenzel Smilicz heraus.
„Lumpenhunde seid ihr!" Und als ob Hans Wert erst jetzt das Papier in der Hand des Fornals sah, sprang er zu.
„Was ist das? Her damit'"
Aber blitzschnell hatte der Knecht die Hand auf dem Rücken geborgen. Mit verkniffenen Aeuglein sah er auf.
„Das ist für uns, für die Polen! Der Aufruf geht nicht am die Deutschen!"
„Der Aufruf?" Seine Stimme überschlug sich. „Her damit, Schurke!"
Und mit eiserner Faust packte er den Fornal am Rock. Aber auch Wenzel Smilicz war in Wut geraten.
„Da, Ketzer!" schrie er. Und mit der Faust, die so lange die Proklamation gepackt, schlug er nach dem Gutsherrn. Er traf nicht. Har^ Albert war zurückgesprunaen. Er keuchte. Und ehe sich's einer versah, sauste sein Krückstock auf den! Schädel des Knechtes nieder, daß Wenzel Smilicz lautlos! wie ein geschlagener Ochse zu Boden stürzte.
„Bindet ihn!" brüllte er die beiden Diener an. „Nachher zum Gendarmen! Bis er da ist- schließt ihn in den Keller."
Ein wildes Murren erhob sich. Drohend gingen die Leute vor. Im nächsten Augenblick schien Hans Wert verloren. Aber er war bis zum Eingang des Stalles zurück- gew:chen, und, seinen Krückstock schwingerw, rief er: „Ich schlage jeden nieder, der mir zu nahe konm:t, wie den Wenzel!"
__ Wutverzerrte Gesichter blickten ihn an, Fäuste ballten s:ch, Flüche schlugen an sein Ohr. Als wollten sie ihn unker- larffen, hatten sich die vorderster: geduckt. Mer sie waren zu ftige. Keiner wagte zuerst vorzugehen. Die Furcht vor dem Krückstock, der so gut niederzuschmettern vermochte, war zu aroß. Wie tot lag Wenzel Smilicz. Mit einem Ruck hatte der deutsche Diener ihn gepackt ur:d an die Statttür geschleift. Er band ihn unter den wilden Drohungen der Auf- sassrgen. Dann schleppte er ihn mit Hilfe Kubas irr den, Keller. Immer noch hatte Hans Wert schlagbereit in der Tür des Stalles gestanden. Jetzt machte er Kehrt. Langsam, absrchtlrch langsam, ging er dem Schlosse zu. Eine Flut von Fluchen und Schimpfworten ergoß sich hinter ihm drein.
Der Inspektor errvartete ihn, aoer er betrat der: Betsaal nrcht.
„Die Leute sollen ar: die Arbeit. Die Andacht fällt aus!" In demselben Augenblick meldete mar: ihm, daß der Gendarm bereits seine,: Patrouilleirgang unternonunen hatte. Er nickte nur.
„So bleibt der Kerl so lange gebunden, bis Wroblewski zuruck:st!"
An den: zitterrrder: Oehmke vorüber, der sich seines Lebens ruckst rrrehr sicher fühlte, schritt der Gutsherr in sein Arbe:tsz:mrner. Er schloß sich ein darin. Niemand hatte Zutrllt. '
Die Knechte waren derweil in rnaßloser Erregung auf der: Hof gedrängt. Ms wollten sie alles demolieren, standen s:e kampfbereit. Seit Hans Wert nicht mehr zu sehen war, hatten sie alle den Mnt wiedergefunden. Der Hof ballte w:der von wüsten Flüchen.
„Er muß den Wenzel herausgeben!" - „Schlagt ihn tot,
Hund! — „Den roten Hahn ausis Dach!" — „Ich er- wurde ihn!" — „Der Schinder hole ihn und seine Brut!!"?
Bunt dnrchernarckier gellten dtn Rnfe der! Wut und Mache ^ "Freunde, Brüder!" schrie plötzlich Johann Kohalyn.' „Was sagt Michael Laskowicz, der Schinied? Wo ist er? Bei allen Heürgen, er soll uns führen. Vorwärts zu Michael Laskow:cz!"
.. Die andern stimmten zu. Lärmend wälzte sich der kua r. te Elang- Als hätte er die fleute etroaiteL
stand Michael Laskotmcz breitbeinig vor der Tur Ale drängten auf ihn ein; jeder wollte erzählen. C-rst allmählich konnte such der Schmied ett« Bild von dem Vorgefallenen
(Fortsetzung folgt.)


