Ausgabe 
24.1.1917
 
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Königsträume.

Roman Dort Karl Busse.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.) .

Der Krüppel hatte immer schneller geatnret. Er stützte stch auf den Tisch. Seine Angen starrten, auf die Talerstücke, Dre vor ihm lagen, urib die seiis Vater ans dem Stvumpf geschüttet

Du tvillst nach drüben," stammelte er dann,in den Erleg'?"

Das will ich! Men will ich es auszahlen, was sie ans un<' gemacht? llnd vorher noch soll einer zahlen, was er an.s drr geinacht hat! Er soll höreil{' jäh brach er ab, blickte den Sohn mißtrauisch an.

Was gcht's dich an? Nimm das Geld! Und wenn du erneu Laut Liber die Lippen bringst, sollst du sehen!"

Ohne sich noch einmal nmzublicken, ging er in die Schmiede, wo er sorgsam die geradegeschmiedeten Sensen auslas.

Der Krüppel stand noch immer am Tisch vor dem Gelde. Eine loilbe 'Angst befiel ihn. Was hatte der Vater zuletzt gesagt? Es sollte jemand dafür büßen, daß er ein Büppel war? Was meinte er damit? Was führte er im Schilde? Es tonnte sich doch höchstens gegen den Baron richten. Gegen den Baron und gegen die wunderschöne Königstochter ans seinem Märchentranm. Die Angst wuchs in ihm. Instinktiv erriet er, daß etwas Schreckliches geschehen sollte. Das durfte ittcht sein. Und ob er Tag und Nacht über das^ränlein vom Schlosse wachen sollte. Jnschn Laskowicz legte sich an diesem Sonntagabend erst nieder, als er den Vater schnarclMi hörte Und er erhob sich in der Frühe des nächsten Morgens von seinem Lager und saß wartend und lausck-end da, als müsse etwas geschehen.

Der Morgen war neblig. In dichten, weißen Wolken lagen die geballten Dünste über der Erde. Man koimte kaum drei Schritt loeit sehen, als die Glocke vom Gutshof zuin erstenmal läutete. Staschu, der Pferdeknecht, dem dieses Amt eiil für allemal übertragen war, holte tief Atem, als er den Schwnngriemen losließ. Gleichsam abschiednehmend, mit einem langen Blicke, sah er zur Glocke einpor.

Nur die .heiligen wissen, ob ich morgen auch noch laute," murmelte er.Denn die Heiligen wissen alles."

Allmählich ward es lebendig. In seltsamer Geschäftig- kelt liefen Knechte und Mägde durcheinander Wenn sich Zwki trafen, sahen sie sich bedeutsam an. Die Gesichter waren blaß. Eine zitternde Angst lebte in jedem. Maisch einer be­reute es, daß er sich gestern gebunden hatte. Aber jeder schämte sich vor dem andern, feige zu erscheinen. Und angst­voll, aber entschlossen, harrte man der Dinge, die da kommen sollten

Langsam ging der feiger vorwärts. Jeden Augenblick zog Stachn die Uhr. Je näher die gefürchtete Stunde kam,

um so heißer ward ihm. Im größten Stall, dessen Tür osseii stand, hatten sich die Männer versammelt. Bis auf Wenzel Smilicz, der sich in wilden Verwünschungen erging, erschienen sie alle gedrückt. Die sklavische Furcht vor dem Herrn stand in jedem Gesicht.

Ich läute!" rief Staschn plötzlich,es ist Zeitk" Und wie entschuldigend fügte er hinzu:Um so schlimmer, wenn der Saal dann leer bleibt!"

Und schioankend, als hätte er was getrunken, ging er zur Glocke. Die andern stärkten sich aus der Schnapsflasche.

Laut klang jetzt das zweite Glockenzeichen über den Hof. Und hinein in die Klänge tönte plötzlich von draußen, am Gitter, der langgezogene Ruf:Sck>eren, Messer! Scheren. Messer!"

Wenzel Smilicz trat hinaus.

Packt euch fort!" rief er beit beiden Scherenschleifern Za, die draußen standen.Es ist Zeit, was anderes zu wetzen!"

Sachte, Freundchen, sachte! Komm' ein bißchen näher." Und als der Fornal dicht ans Gitter trat, steckte der Scherenschleifer ihm hastig etwas zu.

Pst! Lies es! Zeig's den andern! Scheren, Messer? Scheren, Messer!"

Die Leute zogen weiter. Die Glocke hatte ausgeläntet, Staschu schritt in den Stall zurück, Wenzel Smilicz des­gleichen.

Macht die Tür zu!" sagte er und entfaltete das Blatt, das der Scherenschleifer ihm zugesteckt,Gott will uns stärken, Brüder, die Proklamation!"

Sie drängten sich unr ihn. Wie ein Verzweifelter war Oehmke inzwisch-en ans den Hof gestürzt.Staschn, Pjotr, Wenzel! Lumpenhunde, ihr, habt ihr die Glocke nicht ge­hört?"

Keine Antwort. Schon wollte er auf die Ställe zu- jtiirzeu, als er den Baron kornmen hörte. Da lief er zurück, so schnell ihn seine Füße trugen. Und gleich hinter .Hans Albert von Graßnick betrat er den Betsaal. Etwa ein Dutzend Leute waren darin versammelt. Ein paar Diener, die mit den Knechten wenig in Berührung kamen, ein Deutscher darunter, dann die Hausmädchen und ein paar andere Weiber, die sich zitternd und zagend hineingeschlichen hatten. Wie gervöhnlich, die Schirmmütze auf dem Kopf, den Krückstock in der Rechten, die dicke Bibel unter dem linken Arm, hotte Hans Albert das saalartige Zimmer betreten. Mer loie angewurzelt blieb er stehen. Der Inspektor mit eingezogenem hals hinter ihm.

Oehinke!"

Es war mehr Staunen als Groll in der Stimme.

Herr Baron?"

Im Augenblick hatte Hans Albert den kahlen Raum mit den Blicken überflogen. Forschend hatte er in jedes Gesicht gesehen.

Das Glockenzeichen ist doch richtig gegeben uwrden? Wo sind die Leute'?"'