Montag, den 22. Zanuar
Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
12. Kapitel.
^uschu Laskowicz, der Krüppel, hatte das Stechzeug euren Augenblick aus der Hand gel^egt. Es ging gar nicht mehr gut mit ihm. Wenn er ein Viertelstüudchen gearbeitet hatte, war er so müde, daß ihm das Werkzeug fast aus dev Hand fiel. Und die Brustschmerzen wollten nicht Nachlassen. Er rang nach Atem und preßte die Hände zusammen vor Angst. Dann wieder saß er ganz still und sah sein Werk an, das er schuf, lein großes Werk, das draußen vor dem Dorf stehen sollte, die Madonna von Nasgora, die Madonna auf den: Weidenbaum.
In heiliger Schaffensfreude war der Krüppel an sein Wer? gegangen. In Schmerz und Verzweiflung mußte er es jetzt oft ausehen. So über alte Maßen herrlich erhob es sich vor ibm, wenn er in den alten, ihn verzehrendest Träumen die Augen schloß. Da beugte sich die wunder-' schöne, jungfräuliche Mutter lächelnd herab auf das hilflose Kindlein, das mit fast scheuen und doch unendlich zärtlichen Augen zu ihr aufsah.
Aber wenn Juschu Laskowicz, noch ganz erfüllt von: diesem Wunderwerk seiner Phantasie, dann die Augen öffnete und den plumpen Holzblock sah, dann wollte er verzweifelt aufschreien. Er war ein Stümper, ein so jämmerlicher Stümper, wie kein zweiter inehr. Tausendfach hatte er versucht, zuerst im kleinen, jenes süße, weiche Lächelu der holden! Gottesmutter, wie es ihn: vorschwebte, herauszubekommen. Vergebens! Immer wurden es die alter:, starren Linien, immer ward eD das übliche Madonnengesicht, das er Hunderte von Malen geschnitzt hatte. Es lag'ihm so in der Hand von der langen Gewohnheit, daß er gar rricht mehr anders sonnte.
Dieses verzweifelte Ringel:, den: kein Erfolg blühte, rieb ihr: Hanz auf. Es kam dazu, daß er all seine Körperrraft aufbreten mußte, um überhaupt den schweren Block bearbeiten zu können.
Seine Brust fiel mehr und mehr ein, die Schmerzen wurden größer, der Atem ward kürzer. Seine Augen glänzten in fieberhafter Unruhe. Er hatte sein großes Werk zuletzt fast aufgegeben. Halb apathisch saß er oft stundenlang da, horchte stundenlang auf den Schall des Hammers, der aus der Schmiede drang. Es störte ihn ja nicht.
Seit einigen Tagen jedoch war das anders. Kaum, daß ab und z:: die gewohnten Schläge klirrten. Das Feuer ging i:: der Schmiede oft aus,' der Blasebalg ruhte. Dabei'war Arbeit zur Genüge vorhanden. Juschu Laskowicz hatte de:: Kopf geschüttelt. Der Vater war sonst so fleißig, ::nd nun mit einem Male ließ er alles stehen und liegen? Es war seltsam.
Und merkwürdig, mit dem Schlag der Hämmer hörte auch das Brummen des Schmiedes auf. Eine fre::dige Unrast war über ihn gekommen. Oft reckte ec die Arme, als. müsse er die Muskeln prüfen. Halde Tage lang tvar er vorn Hause abwesend. Auch in der Schenke hatte man ihn nie so oft gesehen wie gerade jetzt.
„Hast du eine Erbschaft gemacht, Freundchen?" fragten die Leute vom Gut.
Da zwinkerte der Schmied mit den Augen, warf einen harten Taler auf den Tisch und ließ „Russenblut" bringet: für die ganze Gesellschaft. Er war bald der populärste Man» in Nasgora.
Juschu, sein Sohn, schüttelte jedoch immer öfter den Kopf. Eine wachsende Unruhe ergriff auch ihn.
So war wieder einmal der Sonntag gekommen. Ga>:z Nasgora hatte sich nach Wreschen aufgemacht, denn schon drei Tage vorher hatte Michael Laskowicz jeden beiseite ge- nommen und ihn nach den: Gottesdienst zu einen: Freitrunk in die Gaststube des Pan Biskupsk: eingeladen. Und lver sich aus der Kirchp stichbs machte, ging der Einladung wegen nach Wreschen. Der Schmied selbst wohnte den: Gottesdienste nicht bei. Er wartete vor der Tür der Pfarrkirche. Mit verstörten Gesichtern kamen die ersten Nasgoraer heraus. Finster drängten sie an Michael Laskowicz vorbei.
„Hopla, Freunde, Brüder- wohin so eilig? Habt ihr vergessen, da.ß uns Pan Biskupski extra seine Stube eingeräumt hat?"
Mer die Leute sahen sich nur an, schüttelten den Kopf.
„Warst du drin, mein Lieber?" fragte einer. „Nein? Nun, du würdest nicht mehr von: Trinken reden!"
Und ein anderer: „Was geht es den Schmied an! Er wird die Verdammnis nicht lewen. Wir jedoch ... O, Jung- frau, reine, erbarme dich!"
„Psia Krew, was ist los? Schlagt inich tot, ich verstehe kein Wort!"
„Ich tränke nicht!" —i „Heute nicht!" — „Ich auch uicht!"
Andere kamen, immer die gleichen finsteren öiesichter. Die Weiber heulten und stöhnten.
„Was habe ich gesagt," ächzte eine Alte, „zu meinem Sohn habe ich es gleich gesagt. Aber er hat uns ja hereingetrieben."
„Fluch' ihm, das hat er! Und wir mußten die gottlosen Lehren mit anhören!"
„Ich habe den Rosenkranz derweil in der Tasche gedreht Daun kann der Teufel der Seele, nichts anhaben!"
„Aber du hast nicht bekannt! Petrus . . er hat die heilige Religion auch verleugnet Und wir alle! O ihr lieben Heiligen!"
Laut weinend stürzte eine Magd hinzu. Sie konnte nicht reden. Der Kreis ward immer größer. Und Michael Laskowicz, der Riese, stand inmitten der Leute von Nasgora.
„Was soll das noch werden? Wer hilft uns? Wer rettet unser» Seelen?"
„Ich!" sagte der Schmied laut. „Aber wenn ihr ch'ult


