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„Und was führt Sie her zn fragte der Marquis
dann. „Welche Aufträge haben Sie?" . r
„Das gehört wohl in die eigentliche Verhandlung, tziga!" rief Kozlowski von dem andern Errde des Tisches. „Wollen die Herren erst Platz nehmen."
Nach einer Pause: „Uub nun, Bruder, zu der Hauptsache —"
„Halt?" unterbrach ihn die Stimme Rybsczynstts. Er
S cke die knochige, hagere Faust auf bei; Tisch. ,,Ehe wir ere Pläne zur Rettung der heiligen Kirche und zur Befreiung des Vaterlandes entroickeln, ist es recht, daß derjenige, der neu in unfern .Kreis ausgenommen ist, denselben Schwur leistet, den wir geleistet haben." ^ * fl ,
Von einem kleinen Schenktisch, der rn der Erke starrd, nahm Wladimir von Rybsczynski ein Kruzifix; es ,var sorgsam eingewickelt. Er riß bie Umhüllung ab Mnt durstigem Munde küßte er die Wundmäler an den Füßen des Heilands, der, in plumper Arbeit dargestellt, ani Kreuze hing.
Dann hielt er's hoch.
„Es hat den Auszug der 'Zweihundert gesellen unter
f adlewski," ries er wild ergriffen, „als wir die Gewehre bec die Grenze brachten. Es hat den Notschrei von unÄ allen gehört, es hat das „Boze cos Polske" vernommen, das Söhne UnseresVolkes und gläubige Kinder der rechten Kirche eiitblößten Hauptes in der Winternacht migestimmt. Manch einer von ihnen wird schon sein Blut vergossen haben — und bei dem Blut dieser Märtyrer, deren letztes Gebet der Ausblick war zu diesem Kreuze, soM du schwören, Napoleon Rutkowski, daß du mit Gut und Mltt zur Sache der heiligen Kirche, zur Sache Polens stehen willst, daß ou sie fördern wirst, wie und wo du immer kannst, daß du lieber sterben willst,, als sie jemals schädigen und verraten. Willst du das schwören, Napoleon Rutkowski?"
Sein Fanatismus bezwang alte. Der eine schien ein leise ironisches Lächeln um die Lippen zu haben, der andere sah finster drein, der dritte ungeduldig. Aber keiner unterbrach ihn und sprach. Wladimir von Rybsczinski hatte dem Grasen das Kruzifix entgegengestreckt. Unbeweglich lag es in der knochigen Häicd. Die Sekunden verstrichen. Äöapoleon Rut- kowskr sah hernieder aus den Gekreuzigten. Blitzschnell schossen ihm Gedanken durch den Kops, die ihn schon während der letzten Tage beunruhigt hatten. Die Gedanken: Wenn Hanna von Graßnick ihn nur jetzt abgelehnt im ersten mädchenhaften Erschrecken über seine ungestüme Werbung? Wenn sie selbst es schon bereute? Eine herzliche Bitte um Verzeihung ermöglichte vielleicht einen neuen Verkehr und eine andere Entscheidung. Wer wenn er sich jetzt hier band, wenn er ins Feld mußte —
„Willst du das schwören, Napoleon Rutkowski?" sprach da lauter noch die Stimme Wladimir RybsczynskiS. Aller Augen waren aus den Grafen gerichtet. Es war totenstill. Man verstand sein Zögern nicht. Er hob langsam das Haupt. VoulsKruzifix hoben sich seine Augen, his sie denen Wladimir Rybsczynskis begegneten. Es gab kein Zurück mehr. Und schließlich: wenn Hanna ihn liebte, würbe sie warten, würde dem siegreichen, mit dem Kronreif geschmückten Feldherrn nicht mehr ein „Nein!" en.tgegenrufen.
Und liebte sie ihn nicht, dann konnte nur eins helfen, dann lag -die Hoffnung^ sie zu gewinnen, nur im Aufstand». l „Ich will es," sagte er, „ich toill den Schwur leisten!" Ein befreiendes Atmen ging durch den Kreis.
„So sprich mir nach!"
Und langsam, die Schwursinger aus das Kruzifix gelegt, wiederholte er die einzelnen Worte.
„... und daß ich lieber sterben will, als unsere Sache jemals schädigen und verraten!" schloß er.
„Gottlob!" lachte Mmchan von Batranski, „auch das —" Aber jäh hielt er inne.
„So wahr mir Gott helfe!" tyotte 'ltybsczynski gesetzt, während ein mahnender, dunkler Blick zu dem vorlauten Sprecher hinüberflog. Ein kurzer Schauer lief die Reihen entlang. Dem schlanken und fröhlichen Maryan blieb das Lachen in der Kehle stecken. Er ward still.
„Nun, zu den Geschäften, messieurs!" rief Kozlowski. „Ich denke, wir hören zunächst den Herrn Abgesandten der Nationalregierung!"
Kasimir Rzonka verbeugte sich.
„WaS ich zunächst bringe, hochwohlgeborene Herren, ist der Dank der provisorischen Regierung, die in Warschau die Geschäfte führt!"
Ein beifälliges Geniurmel. Daß der Abgesandte nur von
einer „provisorischen" Regierung gesprochen, war ein Schach- zilg, der seine Wirkung tat.
„Die Natlonalregiernng," fuhr Kasimir Rzonka fort, „weiß, wie Sie durch gefahrvolle Gewehrlieierunaen unS unterstützt haben, weiß, daß jeder von Ihnen sich als ganzer Mann und ganzer Pole benommen hat. Ehre Ihnen allen!"
Er hatte schon jetzt die leicht entflammten Herzen gewonnen. Als er weitersprach, hob er die Stimme.
„Nun aber, meine Herren, frage ich Sie, fragt durch mich Sie die provisorische Regierung: Wollen Sie dem großen Kampfe, den Zhr, den unser Volk um seine Freiheit, seine Religion, seine nationale Würde führt, von hier aus nur ziv» schauen? Nur zuschauen, und nicht auch als Führer und Kämpfer daran teilnehmen? Sollen die Schwerter des polnischen Adels — es sind die besten Schwerter der Welt — in der Scheide bleiben, wenn der weiße Lldler den Verzwerp- lungskampf kämpft?"
Und nrit einer prachtvoll ungestümen Bewegung, die wirklich der Erregung des Augenblicks 511 entspringen schien: „Nein und dreimal nein'! Das glaube ich nicht! Ich glaube es nicht und kann es nicht glauben, daß die polnische Slachta klein geworden ist; ich glaube es nicht, daß ihre Schwerter stumpf geworden sind und ihre Arrne schwach!"
Ms !väre es lange zurückgedämmt gewesen, brach ein brausendes Rufen los, und alle Stimmen schwollen jfiw saunnen zu einer einzigen, zu einem großen Kampf- und Iubelschrei: „Boze cos Polske!"
Die Hände griffen irrend in die Lust, als suchten sie einen Säbelgriss zu packen, die Augen glühten, und die Herze:: stürmten.
„Das ist ein Wort!" ries Eusebius von Degorski, halb schluchzend. „Warum sind wir noch nicht drüben? Worauf warten wir? Vorwärts, Brüder, vorwärts! Ich habe alte Säbel zu Haus, sie sind durstig seit mehr als dreißig Jahren!"
„Sie sollen zu saufen kriegen, Herr!" erwiderte Kasimir Rzonka wild, „Moskowiterblut ist mehr da, als uns lieb ist. Noch ist es Zeit! Hören Sie mich, meine Herren!" '
„Ruhe! Reden lasseil!" tönte es hier und da. Degorski hatte den Kops auf die Arme gelegt. Es schüttelte ihn Übermächtig. Auch Napoleon Rutkowski war von der allgemeinen Begeisterung hingerissen. Nur Kasilnir Rzonkas Gesicht war wieder kalt und regungslos geworden.
„Nichts anderes," sprach er, habe ich erwartet. Es bleibt nur noch übrig, festzustellen, auf welchen Zu^ug unsere Streitkrästr drüben zu rechnen haben. Ich bitte jeden einzelnen Herrn, genau zu überschlagen, mit wieviel ergebenen Leuten er zur bestimmten Zeit die Grenzen über- schreiteil rann."
Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche: „Also, wenn ich bitten darf, Herr Gras voll Rutkowski?"
„Sagen wir sechzig Mann. Natürlich müssen die Leute, sofern sie es nicht sind, vorbereitet werden." lind halb sür sich: „Das besorgt Bartek Zhchod wohl schoii seit Wochen!"
„Sehr wohl. Herr von Wendrewski'?"
Der Marquis druckte den Klemmer fest. „So viel bringe ich schon auch noch aus," warf er lässig hin. „Also sechzig."
Der Abgesandte sah prüfend 51t ihm hin. Sein Blick begegnete dein des Marquis. Da verbeugte er sich leicht und notierte die Zahl.
„Herr von Degorski'?"
„Schreiben Sie, schreiben Sie, Herr! Es sind nur sünf- zig, aber sie sollen schlagen wie hundert!"
„Ich bitte dringend," sagte Kasimir Rzonka, „nur so viele anzugeben, wie aus jeden Fall verbürgt werden können. Zehn sichere Leute sind besser als zlvanzig unsichere."
Er spielte mit dein Bleistift. Degorski war leicht rot geworden. „So nehinen Sie nur vierzig," sprach er zögernd.
„Dreißig Mann," nickte der Abgesandte und sckxrieb.
„Herr!"
„Um Verzeihung! Sicher ist sicher. Darf ich weiter fragen?"
Als jeder der Herren nach bestem Wissen Auskunft gegeben hatte, zählte er flüchtig zusaminen.
„Drei- bis vierhundert sichere Leute! Der Ansang ist besser, als ich. dachte! Ich gratuliere, meine Herren!"
„Und wann soll die Grenze überschritten werden? Wo trifft man sich? Wie lange Zeit hat man 51, den Vorbereitungen? Sollen die Leute bewassnet sein?" Ein halbes Dutzend Fragen schwirrten durcheinander.
„Das," wehrte Kasimir Rzonka ab, „wird von vielen


